»Oder bist du ein großer Politiker geworden? Willst dich um ein Reichstagsmandat bewerben? Dir stehen ja jetzt alle Wege offen.«
»Auch dazu werde ich wohl kaum je den Trieb in mir fühlen. Wie gesagt, das wird sich finden. Ich bin noch nicht so weit, das entscheiden zu können, aber bald, hoff’ ich.«
Wangaus stand auf.
»Soso. Na, jedenfalls freut’s mich, dich so wohl getroffen zu haben. Kann leider nicht länger bleiben. Das Geschäft ruft, das Geschäft. ’s ist verdammt weit zu dir heraus. Bitte, besuch mich bald. Du wirst ja wohl den Weg zu mir finden.«
Damit nahm er seine Handschuhe und den Cylinderhut und ging nach den üblichen Abschiedsredensarten. Als er die Treppe hinunterstieg, dachte er:
»Wahrhaftig, er ist noch der alte unklare Strudelkopf. Nicht im mindesten hat er sich verändert. Kaum glaublich, daß der’s zum Landgerichtsrat gebracht hat.«
Starkblom aber ließ zunächst alles persönliche beiseite, ihm war gegen Ende des Gesprächs eine psychologische Wahrnehmung aufgestoßen, die er schnell ein wenig weiter verfolgen mußte. Merkwürdig, ganz merkwürdig, wie zwei Menschen, die im Grunde gar nichts mehr mit einander zu thun haben, zusammen reden können, obwohl ihre Naturen so gänzlich verschieden sind, daß der eine immer den andern mißverstehen muß. Und das nennt man dann Unterhaltung! Er sprach von Aufklärung und Wirksamkeit, Wangaus antwortete mit einer Bemerkung über Schriftstellern und die kaufmännischen Vereine, er deutete seine Sehnsucht an, seine Natur auszuleben, Wangaus dachte an Ehrgeiz und Ruhmbegierde. Und schließlich ging dieser gute Philister noch weiter als er selbst, er fragte leidenschaftlich: wozu? und jener antwortete mit behäbiger Ruhe: wozu wozu? Und hatte er am Ende recht? Wozu sich quälen? Doch nicht nur, um sich eben zu quälen? Doch nicht blos, weil er nichts anderes zu thun hatte? Wangaus hielt seine Arbeit für ernsten Lebensberuf, die Grübelei verachtete er als unnützen werthlosen Luxus; er selbst aber verachtete die geistlose Arbeit, die aus bloßer Gewöhnung hervorging und keinem vernünftigen Zweck diente, keinem festgesteckten Ziele zustrebte, er hielt das Einbohren in das Denken für’s höchste. Wer war der Narr? Leicht beide?
Er hatte gute Lust, nach diesem seltsamen Zusammentreffen mit einem seiner liebsten Freunde aus der Knabenzeit sich noch mehr abzusondern von den Menschen und sich in seiner Einsamkeit zu begraben. Er wurde nicht begriffen von diesen Menschen und ihm fehlte auch das Verständnis für ein Leben, wie sie es führten. Hinaus aus dieser Erbärmlichkeit sehnte er sich, und weg wollte er auch, weit weg von seinem eigenen selbstmörderischen Grübeln. Er brauchte einen andern Umgang, ihn ekelten diese Menschen, und ihn ekelten seine eigenen Gedanken. – Er dachte im Ernst daran, sich einen großen edeln verständigen Hund anzuschaffen. Dann aber versuchte er es doch noch einmal mit etwas menschlichem. Er flüchtete nach Arkadien, ins Reich der reinen Formen, ins Land der Kunst. Die nächsten Tage versenkte er sich in die edelsten Dichtungen, die in deutscher Sprache geschaffen sind: er las Goethes Iphigenie, Partien aus dem 2. Teil Faust, Pandora. Als er nach diesem erlesenen Genuß zu Schillers Braut von Messina kam, klappte er das Buch nach wenigen Minuten schon angewidert zu: selbst diese Kost war ihm zu grob geworden, zu menschlich ordinär. Auch Schopenhauer konnte er nicht mehr lesen, der war ihm jetzt wie ein wildes gieriges Tier in enger stinkender Menageriezelle, das nicht durfte, wie es wollte. Selbst Leopardi war ihm zu unfein.
So hütete er sich denn von da an, mit Menschen und Büchern und Einfällen zusammen zu stoßen, die ihn hätten aus seiner Gemütsruhe reißen können, in die er sich mit Gewalt hineinzwang. Nur nichts unangenehmes, nichts gewaltsames, nichts aufregendes. Vielleicht später … später … jetzt wollte er Ruhe. Er ging früh zu Bett und stand spät auf. Dann ein langsames Frühstück, während dem die Morgenträume sich weiterspannen und langsam verwehten. Darauf ein kleiner Spaziergang durch den Tannenwald, bei dem er nichts dachte. Dann las er: Goethe, Spinoza, Platon, Ranke. Altes, Weisheitsvolles, Greisenhaftes war ihm das liebste. Daneben auch mystische Romantik und Heiterkindliches: Brentano’s Rosenkranz, Arnim, Eichendorff, Jean Paul, Gottfried Keller. So trieb er es wochenlang, monatelang. Dieses oberflächliche Wohlleben mit der scheinbaren Vergnüglichkeit, während innen kaum bewußt etwas in ihm fraß und zur Oberfläche sich langsam empornagte, hatte etwas bänglich – entsetzliches an sich. Und weiter ist demnach vorerst nichts über ihn zu vermelden.
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