Zweiter Abschnitt.
Solche Menschen, die ähnlich Karl Starkblom, freilich selten so heftig von einem Trieb in den andern geschleudert, von einer Verzweiflung der andern geraubt, früher oder später mit unabwendbarer Bestimmtheit sich aus der menschlichen Gesellschaft in die Einsamkeit hineinstahlen, gab es damals in Europa eine kleine Schaar, die nichts von einander wußte und nichts von einander wollte, die keinen Verein bildete und keine Partei, deren Ekel zu groß und deren Glaube zu schwächlich war, um in der Gegenwart etwas zu lieben und von der Zukunft viel zu erhoffen. Ab und zu tötete sich einer von ihnen, und den andern fuhr es durch die Glieder und sie ehrten den unbekannten Toten, indem sie sich fragten, worauf sie selbst eigentlich warteten mit dem Sterben.
Doch das waren nur ganz vereinzelte Erscheinungen, halb oder ganz verrückte Sonderlinge ohne Gefahr, die die Welt nicht weiter beachtete; ihretwegen hätte sie ruhig und unbesorgt ihren mäßigen Pflichten und bescheidenen Genüssen nachkommen können. Aber von ganz entgegengesetzter Seite her war inzwischen eine neue Lehre so gewaltig in die Massen der Völker hineingedrungen oder aus ihnen heraus entsprungen, man wußte es nicht recht, daß vorschauende Politiker eine große Revolution ahnten, manche philosophische Historiker aber die Zeichen einer mächtigen religiösen Volksbewegung erblicken wollten. Die internationale Socialdemokratie war eine Weltmacht geworden, mit der der größte Staatsmann und der kleinste Dorfpfarrer rechnen mußte.
Am mächtigsten gefördert worden war das riesenhafte Wachstum des Sozialismus durch die Kläglichkeit des europäischen Bürgertums, wie es sich nach der französischen Revolution entwickelt hatte. Das harte gute Gewissen des Mächtigen und Reichen war nunmehr für immer dahin, nunmehr wurden so viele Freiheiten und Rechte von der Gesammtheit als ewige unantastbare Menschenrechte anerkannt, daß jene erbärmliche Gesellschaft aus dem Widerstreit der überlieferten Verhältnisse, deren Früchte sie genoß, und der ihr vererbten Freiheits- und Gleichheitsideen nicht mehr herauskam. Fortwährend wurden sie gepeinigt von dem bösen Gewissen, sich mit dem Blut der Armen zu nähren und auf den Leibern des Proletariats Paläste zu bauen, mit zitternden Händen und schielenden Blicken scharrten sie Genüsse zusammen, sie steckten den Kopf in den Sand und warfen mit Phrasen um sich, zur Brutalität hatten sie keinen Mut und zur Entsagung keinen Gedanken.
Der Liberalismus war damals aufgekommen und die Verpönung aller Gewaltsamkeit, und eine dilettantische Moral machte sich breiter als je zuvor. In keiner Zeit war die Lehre und das Leben in einem so kläglichen Gegensatz gestanden, aber sie glaubten an ihre Lehre und an ihr Leben und ließen sich’s wohl sein, so gut es gehen wollte; denn niemals kam ihnen ein Zweifel an dem, was beides so merkwürdig verband, an ihrer Moral.
Diese chaotische anarchische Zeit war so recht das fruchtbare Mistbeet, dem wunderbare, unerhörte Erscheinungen entsprießen konnten. Das war die Zeit, wo alle Richtungen, die je nach langer, bedächtiger Vorbereitung auf Erden erwachsen waren, von frischem erstanden und angepriesen wurden als neue erlösende Wahrheiten, wo ein neuer Glaube schneller wieder weggelegt wurde als ein unmodernes Gewand, das war die späte Zeit, in der alles Frühe und Ungegorene gierig geschlürft wurde.
Damals berührten sich in der That die Extreme, und die Stärksten und die Schwächsten fanden sich zusammen im Ekel und in der Resignation. Damals pries in Rußland ein Graf und Philosoph die segnende Macht der körperlichen Arbeit und entsagte seiner gesellschaftlichen Stellung und ward Bauer und Schuhmacher; und zu gleicher Zeit war der deutsche Schuhmacherssohn, der Schloßherr vom weißen Hause, nahe daran, die Arbeit zu verhöhnen. Und doch gehörten diese beiden einsamen Prediger, denen der Ekel gemeinsam war, zusammen.
Diese Vereinzelten waren übersatt und schlichen sich weg vom Tische des Bürgertums; in der Socialdemokratie aber erstand eine organisierte Masse von Hungrigen. Stürmisch begehrten die Arbeiter Einlaß in die Paläste des Geistes. Diese Schaaren von zielbewußten Kämpfern boten ein Bild, wie es niemals dagewesen war. Es war in diesen Köpfen eine merkwürdige Mischung von Phantasie und Nüchternheit, von Leidenschaft und Zurückhaltung, von Glauben und Skepsis, von Aufschwung und Bedacht. Sie hatten die Gefahr der schönen Worte erkannt und hüteten sich meist ängstlich vor ihnen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – was war geworden aus diesem berauschenden Kampfruf der Revolution? Freiheit? Nie war ein schönes Wort schnöder mißbraucht worden. Ja freilich, die Wahl stand ihnen völlig frei, nach den Bedingungen des Kapitalismus zu arbeiten, oder zu verhungern und zu vertieren. Kein Zwang wurde ausgeübt, niemand beeinträchtigte ihre persönliche Freiheit. Und Gleichheit – nun allerdings, sie waren eine im wesentlichen gleiche proletarische Masse geworden. Aber die Brüderlichkeit, die mußten sie selbst dazuthun, an die hatte man nicht mehr gedacht, und sie wollte nun empor in der Socialdemokratie. Arbeiter aller Länder vereinigt euch! Dieser Ruf zog durch die ganze Welt und rüttelte die Unterdrückten auf und verband sie zu gleichem Zwecke; zur Befreiung der Menschheit von der anarchischen Waarenproduction und Circulation, zur communistischen Herstellung und Distribution der Bedürfnisse, zur Vernichtung des blinden Egoismus; zur Zertrümmerung der nationalen Gegensätze; zur Herstellung einer wirklichen Menschheit und Menschlichkeit.
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