Karl Starkblom hatte, als er damals in neu aufflammender jugendlicher Begeisterung ein Ziel vor sich hatte erstehen sehen, als er sich dann vorbereitete zu seinem Wirken unter den Menschen, auch manche sozialistische Schriften, vor allem das Hauptwerk des Karl Marx, ziemlich gründlich studirt. Dann aber war der neue Mensch in ihm emporgekommen, der so lange geschlummert, der ungestüme Frager und Peiniger, der Befriedigung wollte für sich selbst und seine unbestimmte Sehnsucht, der an alles herantrat mit der Frage: wozu? warum so? warum nicht anders? was soll werden? So konnte ihm, der sich selber auszuleben gedachte, und doch sich selber nicht ergründen konnte, ihm, der nicht wußte, was der Mensch sei, der Sozialismus, der die armseligen Proletarier zu Menschen machen wollte, damals keine abschließende Weltanschauung bieten. So hatte er sich schließlich vor allem Grübeln und Verzweifeln, vor dem hastigen Suchen einer neuen Welt, in den Bereich einer alten fertigen toten Kunst und Weltanschauung zurückgezogen, um vorerst Ruhe zu haben, Ruhe um jeden Preis. Manch anderer wäre endlich nach so vielfacher innerer Gährung dabei geblieben, und wie der junge Schwärmer Karl sich in die Beamtenlaufbahn einfriedete, war der Mann nahe daran, sich unter der schützenden Decke einer vereinsamten und versteinerten Cultur zu begraben. Aber es lebte etwas Unsagbares in dem Manne, das immer wieder sich aufbäumte gegen den ruhsüchtigen Quietismus und die Selbstbetäubung des Schuhmacherssohnes; etwas robust in die Höhe Strebendes und Mitteilsames; dasselbe was den verstorbenen Adam nach Haïti, Johannes in die weite Welt gezogen hatte. Sein Geist arbeitete zu rasch, als daß sein Wille immer gleich mitkommen konnte; daher sein Abspannen und scheues Reifenlassen, sein willkürliches Abbrechen und Vereinsamen des Denkens. Er war ein sehniger Mann von langem Leben und hatte Zeit; das schlummerte unbewußt hinter all seinem Thun und Lassen.
So war es denn allmählich so weit gekommen, daß ihn diese beschauliche Ängstlichkeit seines Lebens, diese Zurückgezogenheit und dieses Traumgedämmer anfing zu langweilen. Seine Seele rankte sich langsam wieder ins Leben hinaus und horchte, was draußen vorging und tastete vorsichtig nach Stützpunkten, um in frischer Öffentlichkeit und mitten unter den Menschen sich festzulegen und doch ihre Ruhe zu bewahren. Er ahnte, es könne auch in ihm noch eine Heiterkeit leben und vielleicht auch ein Glaube. Er hatte die Gescheitheit und Gebundenheit seines Lebens satt und rüstete sich zu fröhlicher Dummheit und Hingerissenheit.
Es war an einem wunderschönen, durchsichtigen Wintertage, als sich mehr wie je wieder etwas wie Frische und Mut und zartkeimende Lebenslust bei ihm einstellte, und wer weiß, woher ihm der Gedanke angeflogen war, er suchte unter allerlei Gerümpel ein Paar altmodische Schlittschuhe vor, die er seit langen Jahren nicht mehr an den Füßen gehabt, und machte sich auf den Weg nach dem seit mehreren Wochen fest zugefrorenen Teich, auf dem sich die Einwohner des Städtchens zu tummeln pflegten. Es schien ihm selbst wunderbar, als er mit großen Schritten auf dem knisternden Schnee wandelte, daß er sich endlich wieder unter Menschen wagte, unter ganz gewöhnliche sinnfreudige Menschenkinder. Besonders wohl fühlte er sich anfangs nicht, er war den Lärm und das Schwätzen und vor allem das Lachen nicht mehr gewohnt, und er erinnerte sich, daß er sich früher schon manchmal staunend überlegt, bei welcher Gelegenheit wohl die Menschen zum ersten Male das Lachen gelernt. Es mußte wohl etwas gewaltig Verzerrtes, unbegreiflich Dämonisches urplötzlich auf sie heruntergefallen sein, denn dies kindliche, heitere Lachen der harmlosen Jetztlebenden war gewiß nur das armselige mißratene und umgedeutete Überbleibsel einer tiefgewaltigen Erschütterung von Urmenschen, bei der übergroßer Schmerz und Lust nicht zu trennen gewesen.
Bald aber kam doch ein ungewohnt Friedliches und Sanftes in ihn hinein, wobei indessen Wehmut und Ungewißheit nicht von ihm weichen wollten. Wie kam der Einsame jetzt mit eins in diese ausgelassene jugendliche Schaar? Er sah sich forschend um und fand, daß er wohl fast der Älteste auf dem Eise war. Vielleicht auch der Ungeschickteste; doch das störte ihn wenig. Als er einmal in einen Riß eingefahren und zu Boden gefallen war, kam ihm der bizarre Einfall, daß er sich einen Christus auf Schlittschuhen nicht gut vorstellen könne. Er lachte bitter vor sich hin und warf den Gedanken weg. Mußte man sich denn in eine Wüste zurückziehen, um den Menschen Großes zu holen? O man konnte auch einsam sein unter Menschen. In großen Bogen strich er über das klirrende Eis, bald an wenig befahrenen Orten, bald mitten durch die Menschenknäuel sich hindurchwerfend, und vertiefte sich in sein Grübeln. Wenn jetzt das Eis mit schrillem Krach bräche und die Menschen in sich hineinschlänge und sich dann wieder schlösse, was wäre viel dran? Und wenn die ganze Menschheit versänke und die Erde in die Sonne stürzte und die Sonne – und die Welt – und alles hin – und nichts – was wäre dran? was wäre hin? Was für ein unendlicher Zweck wäre für immer geschwunden? und wen betrübte es? Einen Zuschauer und erhabenen Betrachter des Ganzen? Oder das Ganze selbst? War Ursprung und Fortgang und Ende und Mittel und Zweck und Handeln und Genuß ein und dasselbe und eins mit dem Frager? Und wenn alles und alles –
Und wenn der Himmel einfällt, sind alle Spatzen tot! Damit unterbrach er schroff halb unmutig, halb doch belustigt sein Forschen. Es muß jetzt ein Ende werden mit dem Denken, ich muß handeln! Ich gehe nach Hause und überlege, aber praktisch, was zu thun, wie mich wenden an die Menschen, wie ihnen mitteilen, was ich gedacht und will – ja was will ich denn, du Narr? Ach was, das Beste, was man hat, weiß man nicht mit klaren Worten. Das kommt schon. Oder vielmehr, es ist schon da. Es liegt schon in mir. Ich muß den Schatz nur heben. Ich muß anfangen zu reden. O mir ist auf einmal die Zunge gelöst. Ich habe lange genug geschwiegen. Ich muß nur anfangen mit dem Reden. Dann wird es mir wie ein Feuerstrom von den Lippen fließen. Anfangen, nur anfangen. Jetzt ist es Zeit.
Und als ob er es nicht abwarten könnte mit dem Beginnen, rannte er mit gewaltig großen ungeschickten Zügen zur Belustigung der hinter ihm dreinfahrenden Jugend nach einer Bank, schnallte rasch die Schlittschuhe ab und eilte nach Hause, diesmal den näheren Weg durch die Stadt wählend.
Unterwegs bemerkte er an verschiedenen Straßenecken große blaue, weiße und rote Plakate, vor denen sich Bürger und Schulkinder trotz der grimmigen Kälte eifrig lesend hinstellten. Gedankenlose Neugier, vielleicht auch etwas frischerwachtes Interesse an dem Treiben der Leute ließen Starkblom auch anhalten. Da las er auf dem großen hellblauen Plakat: Aufruf. Mitbürger! Die Reichstagswahlen stehen vor der Thür. Bei keiner der vergangenen Wahlen stand Größeres auf dem Spiel.
So ging es ziemlich lange weiter. Zum Schlusse ward aufgefordert, Mann für Mann einzutreten für den bewährten Kämpfer der freiheitlichen Sache, Herrn Commerzienrat N. N., und eine Versammlung für den folgenden Tag, Dienstag, den 23. Januar, einberufen. Starkblom nahm sich vor, einmal da hin zu gehen, um zu sehen, ob es denn einen Sinn habe, sich um diese Dinge anzunehmen, und die Art kennen zu lernen, wie die Leute die Sachen betrieben.
Starkblom war früher, als der Landgerichtsrat und seine Frau noch lebten, auf eine Zeitung abonnirt gewesen, und sein ordentliches Lorchen hatte die seltene Gewohnheit gehabt, die Nummern zu sammeln, vielleicht weil sie glaubte, diese Dinge könnten in späteren Jahren noch einmal interessant werden, vielleicht aber auch nur, um die Papierballen später im Großen als Maculatur zu verkaufen. Doch war sie vorher gestorben, und Starkblom hatte die große Kiste bewahrt und auch mit ins weiße Haus gebracht. Jetzt ließ er sich von der Haushälterin vom Speicher herunterholen, soviel sie unter beide Arme bekommen konnte, und las darin am Montag Abend und im Laufe des Dienstags. Er wollte sich etwas vorbereiten auf die Wählerversammlung und glaubte, Zeitungslesen sei dazu das beste. Und er wollte einmal sehen, ob die Politiker noch dasselbe redeten, wie sie vor einigen Jahren schrieben oder wie. Es war eine üble Arbeit, dieses Lesen in den morsch und gelb und stinkend gewordenen Neuigkeiten und Streitigkeiten von anno dazumal, aber er biß sich durch. Freilich hatte er schon lange nicht mehr so oft bedenklich den Kopf geschüttelt wie jetzt.
Die Versammlung schien sich anfangs ganz so anzulassen, als ob sich in der politischen Welt inzwischen nichts verändert hätte. Da saßen ungefähr 800 mehr oder minder wohlgenährte Bürger und hörten mit Bedacht und ohne sich irgendwie activ einzumischen, ihre Redner an, die von Kornzoll sprachen und der Brodverteuerung, von Freihandel und freier Concurrenz, vom Militarismus und allzugroßer Belastung der Volksschultern, von Zuckerexportprämien und unerhörter Begünstigung der Agrarier, und was des Erbaulichen mehr war. Den Leuten erschien Leben und Brodessen und einigermaßen gerechte Verteilung der Lasten und Politisieren und maßvolle Unzufriedenheit und bedächtiger Ehrgeiz als selbstverständliches Menschenrecht. Man müßte sie aufrütteln! dachte Starkblom. Man müßte ihnen mit Vernunft beizukommen suchen und mit tiefsinniger Betrachtung. Verzweiflung wäre ihnen einzuimpfen und Lust zum Tod. Aber warum? wandte er sich ein. Den Leuten ist ja so ganz außerordentlich wohl bei ihrem überlegungslosen Vegetieren. – Warum? Und warum nicht? Und wenn es aus Bosheit geschähe, ich will es thun! Was brauchen sie dumpfe Tiere sein, wenn ich es nicht bin? Was muß ich ihnen ihr Glück gönnen, wenn mir davor ekelt? Warum sollte ich sie lassen, wie sie sind, wenn Menschenwort sie umgestalten kann und in Aufruhr bringen, wie mir es beliebt? Fürwahr, wenn ich Macht über sie habe, will ich sie üben! Warum? wozu? Frage nicht länger. Weil ich will; zu meiner Freude!