Da wurde er in seiner Willenserwägung gestört durch eine knarrende Stimme, die von neuen Dingen sprach. Die Versammelten hörten aufmerksamer als bisher zu und beistimmend nickte ab und zu einer mit dem Kopfe. Auf einmal schien der Freisinn die Maske abzuwerfen, der Kampf gegen die Regierung schien nur ein vorläufiges Späßchen gewesen zu sein. Sie waren die Vertreter des zahlungsfähigen, aufblühenden, honnetten Bürgertums, sie hatten die Macht in den Händen und sie vor allem wollten sich wehren gegen begehrliche Arme, die von unten sich emporhoben und Unmögliches verlangten. Mit längst abgethanen Utopien köderten die Sozialdemokraten die ungebildete Masse der Arbeiter, die ihnen Glauben schenkte wie neuen Propheten. Diese Revolutionsprediger waren eine Gefahr geworden für das Vaterland und die Gebildeten aller Länder; sie vor allem waren zu bekämpfen. Der Freisinn allein bietet die wahre Freiheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit des Einzelnen; in ihm einzig blüht auch das Heil der Zukunft. Sagt euch los, ihr irre geführten Arbeiter, von den Lügen der Sozialdemokratie. Stürmischer Beifall lohnte den Redner, aber das Händeklatschen wurde übertönt von höhnischem Gelächter, das von einer kleinen Gruppe ausging, die festgeschlossen in einer Ecke des Saals stand.
Ein anderer Redner, eine hagere, knochige Gestalt, lüftete die Maske noch mehr. Oder hatte er eine neue aufgesetzt? Der Freisinn war wieder fromm geworden. Erst redete er nur von der Natur und vom Kampf Aller gegen Alle und von Darwin. Auf einmal fiel auch das Wort Gott. Starkblom lauschte erstaunt und ekelahnend. Gott habe die Welt so geschaffen, daß alle gleiche Rechte haben, aber nicht gleiche Gaben und gleichen Charakter und gleiches Glück. Reiche und Arme, Fleißige und Faule, Kluge und Dumme, das sei ein Gegensatz, der nicht auszurotten. Und wieder hörte er erbittertes Lachen. Und das Erben? fragte eine schreiende Stimme. Erben nur Kluge? Ja, das sei gut und nötig für das Wohl des Staates, daß die Kinder von des Vaters Gaben zehrten. Die Familie sei die Grundlage des Staates und aller Gesittung.
Während dieser Rede hatte sich ein Arbeiter aus jener Ecke langsam einen Weg durch die Reihen gebahnt und war auf die Tribüne gegangen und hatte dem Vorsitzenden etwas zugeflüstert. Der sah ihn zweifelhaft an und zuckte mit den Achseln. Der andere machte eine leichte selbstverständliche Handbewegung. Der Vorsitzende breitete fragend die Arme aus. Da schlug der Arbeiter ärgerlich leicht mit der Faust auf den Tisch, daß die Glocke, die darauf stand, leise zitternden Ton gab, und der Vorsitzende ergab sich zögernd darein. Nachdem nun der laute Beifall verklungen war, verkündete er, daß sich ein Gegner zum Worte gemeldet habe, und da freie Diskussion ihr Prinzip sei, müsse der das Wort erhalten. Er werde die Geduld der Versammlung hoffentlich nicht lange in Anspruch nehmen.
Nun trat der Arbeiter, ein Mann in den mittleren Jahren mit ernstem wenig sagendem Gesichtsausdruck vor. In der linken Hand hielt er seinen breiten Filzhut zusammengedrückt und mit dieser machte er während er sprach seine lebhaften aber gleichmäßigen Bewegungen. Er will scheint’s Holz hauen, flüsterte jemand in Starkbloms Nähe und lachte unbändig über seinen Witz. Der Mann sprach nicht gut und nicht schlecht und wunderlich mischte sich in seinen Worten nüchterne Trockenheit mit trivialen aufgefangenen Redeblumen. Er hoffe nicht, so begann er, die Herren zu überzeugen, das sei nicht möglich, aber er wolle ihnen seine Meinung sagen, damit sie sähen, wie der Arbeiter denke.
Das Licht der Vernunft sei aufgegangen im Proletarierhirn und das sei das Verdienst der Sozialdemokratie. Diese allein habe ein Herz fürs Volk, sie allein habe ein festes Ziel und suche die ganze Menschheit zu beglücken. Was nützt uns Ihr Gott, wenn er uns in unserem Elend läßt? Wir haben uns abgewandt von ihm; behalten Sie ihn allein für sich. Solange der Kapitalismus dauert, hört die Lohnsklaverei nicht auf; darum muß die kapitalistische Gesellschaft mit Stumpf und Stil vernichtet werden. Die Menschen haben im wesentlichen gleiche materielle Bedürfnisse; oder können Sie mehr als einmal zu Mittag essen? Nein? Dann ist es auch lächerlich, daß einer gegen den andern streitet, wer das meiste Geld verwischt, dann muß die Produktion der Lebensmittel gemeinsam werden und das ist möglich. Der Kampf Aller gegen Alle muß aufhören, und das ist Ihre vielgerühmte Freiheit. Der Satte kann Freiheit brauchen, aber für die Freiheit zu hungern und geknechtet zu werden, danken wir. Erst wollen wir satt werden und das Paradies der Menschheit erobern für alle, meine Herren, für alle und jeden; dann wird die schöne Freiheit von selber da sein. Sie haben einmal gekämpft für die Sache des Volkes, als Sie selbst unterdrückt waren, aber jetzt, wo Sie selber wohlgenährt sind und obenauf, jetzt haben Sie die Sache des Volkes verraten! Wir brauchen Sie aber auch gar nicht mehr. Wir sind zielbewußte Proletarier, wir stehen auf dem Boden des Klassenkampfes und den werden wir nicht verlassen, bis die Sonne des Ostens emporsteigt und die Klassengegensätze aus den Angeln hebt. Und wie zum Hohn rief er zum Schluß, indem er fest auf die Versammlung blickte und auf seine paar Kameraden im Winkel: Es lebe die internationale revolutionäre Sozialdemokratie, und jubelnd stimmten seine Genossen ein: hoch, hoch, hoch! und der Einklang schwebte über dem gemischten Toben der Versammlung.
Starkblom fühlte sich wie erhoben von etwas Nieerhörtem. Er stand auf und sah den Arbeitern nach, die den Hut auf dem Kopf, fest auftretend, wie zum Protest den Saal verließen. Er hörte wieder die Stimme des Vorsitzenden, der von unerhörtem provocierendem Benehmen sprach, aber er hatte genug und wollte nicht länger bleiben. Er ging zu einer Seitenthüre hinaus. Herr Fabrikant Wangaus hat das Wort, hörte er gerade noch beim Schließen der Thüre. Also der wollte den Mann widerlegen. Er lächelte. Dessen Rede kannte er schon, der Hagere und der Fette, die beiden sprachen in gleicher Weise. Gott stellt jeden auf seinen Platz! Seid doch zufrieden und rüttelt nicht an der überlieferten Ordnung der Gesellschaft. Unsere ganze große Cultur ruht ja nur auf ihr. Er wollte doch rütteln, und die Arbeiter rüttelten auch. Freilich, diese Arbeiter, die standen nicht zusammen mit ihm. Die wollten noch leben, die wollten erst beginnen und das rechte freudige Leben schaffen. Das freudige Leben? Sie täuschten sich wohl. Das Leben war keine Freude. Diese Naiven, wenn sie alles das hätten, was er sich errungen und was ihm vom Glücke zugefallen, Reichtum, Unabhängigkeit, Bildung, Wissen – sie wären elender als jetzt. Oder sie wären stumpfsinnige Tiere wie diese Bürgersleute da drinnen. Oder gab es ein drittes? Gab es ein drittes? Gab es ein …? Er konnte es nicht glauben. Ja wenn er glauben könnte! An die Zukunft glauben. An eine Bestimmung des Menschen, an einen Zweck, an einen Sinn … aber so, alles dumm und zwecklos und so, freudlos und lächerlich. Werdet wie die Kinder. Dann werdet ihr glauben und das Leben genießen, solange ihr lebt, und das Paradies der Menschheit erobern. Hatte er nicht so gesagt? Und warum genießen, nochmals und immer wieder? Ich kann nicht genießen, denn ich frage; und wenn ich nicht mehr frage und mich aufbäume und forsche und grüble und schließlich verzweifle: bin ich dann nicht ein Tier? – Und warum willst du kein Tier sein? Ein heiteres, herrliches Wesen, strotzend von Fülle und Kraft und Übermut und Verwegenheit, immer in neue Tiefen sich hinabstürzend und sich wieder emporschwingend zu himmlisch-reinen Ätherfernen und Glockentönen? Fragend genießen, genießend fragen; in der Erde wurzeln und hinaufragen mit dem Götterleib zur reinen Höhe, das wäre doch schön, schön? Ja das wäre schön! Also doch – arbeiten? Arbeiten für ein Ziel, hinaufstreben, aufklären, predigen, veredeln? Kämpfen? Mitstreiter suchen? Und finden? Genossen? Wo? Sozial … demokraten? Ja? Ob das nicht am Ende die rechten Menschen für ihn waren? Sie schienen ein Ziel zu haben, ein festes, unverrückbares, sie wollten etwas; und war es nicht schön und groß, was sie wollten? Und war es nicht möglich? O, aber es mußte ja möglich sein, wenn das Leben einen Sinn haben sollte. Und es mußte doch einen Sinn haben, da er leben wollte und sich freuen wollte und hoffen wollte? Und wenn der Mensch etwas denken konnte und wollen konnte, dann war es doch auch erfüllbar? Freilich leugneten das die Philosophen; aber sollte es nicht eben darum –? Alles Vernünftige ist möglich; sonst ist das Vernünftige wahrhaftig sehr unvernünftig. Also – versuchen wir es zum mindesten. Her mit dir, du meine Vernunft, und du, mein Leben! Wir wollen euch noch einmal erproben. Hierhin stell dich, Vernunft, und hier gegenüber, du Leben. Wenn ihr nicht zusammenkommt, solange ich euch beobachte, dann werf’ ich euch beide ins Wasser; da könnt ihr zusammen ersaufen und krepieren. Und das Beobachterlein geht dann schon von selber mit ein ins Reich des Todes. Also: ich beginne. Ich will versuchen. Die Sozialdemokraten, die muß ich kennen lernen. Am Ende werde ich selber einer. Sie werden mich brauchen können. So wäre dann der Kreis glücklich vollendet. Die Höhe hat die Tiefe wieder getroffen und verbindet sich mit ihr. Man wendet sich solange vom Leben ab, bis man ein neues beginnt. Vom Leben mit Ekel! War es denn nicht nur dieses Leben, unter diesen Umständen, in diesen Verhältnissen? Und all mein Denken, und all mein Ekel und meine Verzweiflung – nur eine Frucht meiner Umgebung und meiner Zeit? Neue Verhältnisse schaffen? Fort mit der allgemeinen, unklaren, dem Einzelnen feindlichen Philosophie? Lebe die Nationalökonomie und die Geschichte und die Naturwissenschaft? Sozialdemokrat werden? Einrichtungen bekämpfen und nicht mehr den Menschen an sich? Verhältnisse aufheben und nicht mehr sich selber? Wissen und nicht mehr ahnen? Glauben und nicht mehr verzweifeln? Freude und nicht mehr dumpfer Schmerz? Leben und nicht mehr Tod? Sozialdemokrat werden? Sozialdemokrat sein?
Hierher kehrte sein Denken immer wieder zurück und hier blieb sein Denken stehen. Damit legte er sich ins Bett, damit schlief er ein und damit wachte er wieder auf.
Als er ein paar Tage später sich aufmachte, um einer Versammlung beizuwohnen, die der sozialdemokratische Leseklub »Menschheit« einberufen hatte, war sein ganzes Wesen nichts als Willfährigkeit und fruchtbarer Boden. Er hatte keinen neuen Entschluß gefaßt, er hatte über die Sache noch nicht tiefer nachgedacht, er hatte nichts studiert über soziale Zustände und materialistische Geschichtsauffassung, aber er war in ahnungsvoller Bereitschaft, sich in etwas Neues hineinzustürzen mit dem ganzen leidenschaftlichen Feuer, das sich in ihm die Zeit über angesammelt. Menschen zu finden, denen er sich anschließen, die er leiten konnte, Genossen haben im Streit und im Ziel!
Als er kurz nach 8 Uhr in das Lokal trat, war der große Saal noch ziemlich leer. Erst nach einer halben Stunde etwa kamen Gruppen von Arbeitern und setzten sich an die Tische. Als kurz nach 9 Uhr die Versammlung eröffnet wurde, war der Saal überfüllt, überall an den Wänden und zwischen den Tischen standen noch Menschen. Frauen waren ganz vereinzelt zu sehen. Starkblom saß an einem Tisch etwa in der Mitte des Saales, wohl der einzige Fremde unter mehr als tausend Arbeitern. Nur kurz vor Eröffnung der Versammlung waren zwei feingekleidete junge Herren gekommen, offenbar Kaufleute mit ausgeprägt jüdischem Typus und waren prüfend und unsicher im Saale hin und her gegangen. Dann sagte der eine zum andern: Komm, Nathan, wir wollen gehen, es ist ja kein rechter Mensch da. Ein Arbeiter, der in der Nähe stand, drehte sich ruhig um, packte den einen links und den andern rechts hinten am Kragen, schob sie zur Thüre und warf sie mit einem tüchtigen Stoß hinaus. Starkblom, der die Szene beobachtet hatte, lachte herzlich und nickte dem jungen Mann, als er wieder vorbeikam, freundlich zu. Der setzte sich zu ihm an den Tisch, und unterhielt sich mit ihm über politische und naturwissenschaftliche Dinge. Es war seit langer, langer Zeit das erste Gespräch, das Starkblom mit innerem Anteil und mit Genuß führte.
Nun erhielt der Referent das Wort; er sollte über das Thema: »Wie stellen wir uns zu den Wahlen?« sprechen. Er war noch ein junger Mensch, wohl höchstens 26 Jahre alt, der vor Kurzem in Berlin zuerst in der Öffentlichkeit aufgetreten war und von Stadt zu Stadt zog, um für seine Ansichten zu agitieren und die Arbeitermassen zu neuer Begeisterung, neuem Zielbewußtsein und neuer Energie aufzurütteln.