Genossen, die Reichstagswahlen stehen vor der Thür, so begann auch er gleich den unzähligen Aufrufen und Reden, die in diesen Tagen überall in Deutschland in die Massen geworfen wurden. Aber nur zum Spotte. Denn er fuhr gleich fort: Was gehen uns diese Wahlen an? Sollen wir den Volksverführern, die auf unsere Dummheit und auf die Aufregung dieser Zeit spekulieren, glauben, daß von dem Stimmzettel, den wir in die Urne werfen, von dem Abgeordneten, den wir nach Berlin schicken, unser Wohl und Wehe abhängt? Sollen wir glauben, daß wir Arbeiter einen Vertreter brauchen, um zu erreichen, was wir wollen? Nein, sage ich, falsch ist diese Ansicht, wir wollen uns selber helfen.
Falsch ist die Meinung, das allgemeine gleiche direkte Wahlrecht, das man uns vor einigen Jahrzehnten gegeben hat, sei ein Zugeständnis der Regierung an die sogenannte Souveränität des Volkes. Im Gegenteil, es war ein überaus schlaues Mittel, um durch alle Künste der Lüge und der Verführung, mit Hilfe der unverständigen Masse, die revolutionäre Bewegung der freien Geister zu lähmen und durch scheinbare Beteiligung an der politischen Macht ehrgeizige Demagogen, die sich als Vertreter des Volkes aufspielen, zu ködern und zu glatten parlamentarischen Regierungsspießgesellen zu machen.
Ist es nicht überaus bezeichnend, daß es üblich geworden ist, unter parlamentarischem Ton eine gewisse aalglatte, höfliche, heuchlerische, durch und durch verlogene Manier zu reden und aufzutreten zu verstehen? Ist es nicht bedenklich, daß in allen Parlamenten die feinen, schwächlichen, sogenannt aristokratischen Leute, die nichts ihr eigen nennen als ihre geläufige alle Unebenheiten und Derbheiten vermeidende Zunge, daß diese überall die Hauptrolle spielen? Ja, wenn es so wäre, wie man uns vorzuspiegeln sucht auch von Seiten solcher, die es ehrlich mit uns meinen, wenn das Parlament die Heimstätte des freien Wortes wäre, wenn hier, wo man ungestraft sagen darf, was man für gut hält, in allen Fragen, in denen der Religion, der Nationalität, der Rasse, des sozialen Lebens, der Moral, in allen Fragen wie gesagt, wenn da Männer aufträten mit dem Mute ihrer Überzeugung, und das mit ihrer feurigen Beredsamkeit verträten, was wir denken oder wenigstens unklar fühlen, was wir aber nicht sagen dürfen, weil das sogenannte »Gesetz« es verbietet – dann hätten wir nichts gegen das Parlament, obwohl es auch dann noch lange nicht die Bedeutung hätte, die viele ihm jetzt schon zuschreiben. Aber wo in aller Welt ist es denn so? Fürchten sich denn nicht im Gegenteil unsere Vertreter vor dem Ordnungsruf des Präsidenten oder vor dem Spotte der andern Abgeordneten, ihrer geschätzten Kollegen, mehr als vor dem Strafrichter? Sprechen nicht auch diese Herren, wenn sie mitten unter uns stehen, wenn sie das Echo vernehmen, das aus unserer Masse zu ihnen emporschwillt, freier, mutiger, wahrhafter als dort? Oder – lügen sie da mit ihrem freien Ton ebenso sehr wie dort mit ihrem feinen? Dann wehe diesen Vertretern und Führern! Dann sind wir verraten und verkauft!
Der sogenannte konstitutionelle Staat bedeutet eine Einigung, ein Kompromiß der feudalen, mittelalterlichen Regierung, des Junkertums, des Königtums von Gottes Gnaden auf der einen Seite mit der bürgerlichen Gesellschaft auf der andern. Wohl ist es wahr, solange dieser Kampf zwischen der bürgerlichen und der feudalen Welt ausgefochten wurde, war unser Platz auf der Seite der Bourgeoisie; damals waren wir noch zu schwach, um gegen beide zugleich anzukämpfen oder als lachende Dritte zuzusehen, wie sie mit einander stritten. Heute aber ist dieser Kampf überhaupt nur noch ein Scheinkampf, heute kämpft nicht mehr eine Lebensauffassung gegen eine andere, sondern nur ein Interesse gegen ein anderes. Nur wir, die wir stark sind in unserer Gemeinschaft, wir haben eine neue Lebensauffassung, wir müssen mehr und mehr unsere Gegner gegen uns vereinen, indem wir sie beide bekämpfen. Wir lassen ihnen ihren Staat und ihre kapitalistischen Einrichtungen und ihre Kirche und ihr Parlament – wir stehen außen, und wo wir noch nicht außen stehen, wo uns die Not zwingt, ihnen Frondienst zu leisten, bei der Arbeit um des Lohnes willen, da werden wir auch einmal aufhören, aufhören mit einem Mal, dann, wann es uns beliebt, wann der rechte Zeitpunkt gekommen ist.
Hier wurde der Redner, der sich in ein lebhaftes Feuer hineingeredet hatte und seine Worte mit starken Bewegungen seiner Arme und seines Kopfes begleitete, durch lebhaften Beifall unterbrochen. Starkblom horchte hoch auf. Da war er am richtigen Fleck. Aufhören mit der Arbeit, wann es beliebt. Das war seine Sache. Freilich – es war alles in anderm Zusammenhang. Nichts im Gegensatz zum Leben, alles vielmehr um des Lebens willen, für das vernünftige Leben. Das war es, was diesen Männern allen so felsenfest sicher stand: es gab eine Vernunft im Leben, es gab eine Zukunft, es gab Freude und Lebenszweck, man hatte ein Interesse an der Welt, auch an den Nachkommen, man handelte und brachte Opfer für eine Sache, an die man glaubte, für ein Ziel, auch wenn man es nicht erlebte. Das war es, das war es, wonach er sich gesehnt, so heiß gesehnt mit all seinem Sinnen – diese Männer hatten es, sie wußten wofür sie lebten, ja wofür sie starben. Und Starkblom bemühte sich, die Zweifel, die sich ungeordnet von allen Seiten her in ihm aufbäumen wollten, zu vernichten. Er wollte nicht mehr unglücklich sein, er wollte mitmachen und er konnte es. Er ließ sich hinreißen – gleichviel wohin.
Der Redner hatte indessen einen Schluck Bier getrunken und fing nun wieder an.
Die Frage, was uns die Wahlen angehen, erweitert sich zu der Frage: Was geht uns die Politik an? Sind wir, wie es vorgegeben wird, eine politische Partei oder sind wir etwas anderes, etwas größeres? Was ist denn Politik? Staatskunst nennt man sie zu deutsch, und das ist richtig. Ohne Staat giebt es keine Diplomatie und kein Parlament und keine Politik. Was aber in Dreiteufelsnamen geht uns der Staat an, der Gehilfe der heutigen Gesellschaftsordnung? Falsch ist die Meinung, wir könnten uns durch ein Hinterthürchen einschleichen in den heutigen Staat und könnten auf diese Weise unser Ziel erreichen. Falsch ist die Ansicht, dieses Hinterthürchen, der Parlamentarismus, sei aus Versehen offen geblieben, oder aus Not; im Gegenteil, sperrangelweit haben es die heutigen Machthaber geöffnet, um uns zu ködern und uns zu sanften Regierungsschafen und Staatseseln zu erziehen, und groß ist die Gefahr, sie könnten ihr Ziel erreichen.
Genossen, wir sind keine politische Partei; wir wollen keine Gesetze machen, um die Ordnung herzustellen im Interessenkampf und um die Schwachen zu unterdrücken und die Reichen zu sichern; wir wollen nicht flicken an der heutigen Welt, um sie erträglicher zu machen, nein, ich sage es offen, wir wollen sie unerträglich machen, um sie rascher ihrem Tod entgegenzutreiben. Wir kennen keinen Gegensatz zwischen den einzelnen Nationen, wir sind heute alle eins als Proletarier im Kampf gegen das Kapital, und wollen, daß alle Menschen eins werden als Menschen, als Individuen im Kampf gegen feindliche Naturkräfte, im Streit für den Fortschritt und die Kultur! Nochmals und immer wieder: wir wollen uns nicht beteiligen, wir wollen abseits stehen, wir wollen die heutige Gesellschaft allein lassen, und wenn es an der Zeit ist, im Stiche lassen.
Um das zu erreichen, wenden wir uns vor allem aufklärend an den einzelnen Menschen. Wir sagen ihm: siehe, mein Bruder, es giebt für dich keine Pflicht gegen den Staat oder die sogenannte Gesamtheit, es giebt auch keine Pflicht gegen Gott, das alles hat man dir vorgelogen und anerzogen. Wie du zu handeln und was du zu glauben hast, darüber hast du dich einzig mit deiner Vernunft auseinanderzusetzen. Und dafür ist gesorgt durch die gemeinsame Abstammung aller Menschen, daß sie trotz aller Ungleichheiten und Differenzen nur eine Vernunft haben, und daß ein normaler Geist das Größte zu erfassen wenigstens im Stande ist, was der Fortgeschrittenste, der Höchststehende, der Genialste, gefunden und entdeckt hat. Freilich, einen Wust von Aberglauben und Unsinn und Lüge müssen wir vorher wegräumen, das kapitalistische Denken ist auch dem Arbeiter nur allzu sehr aufgepfropft worden, aber glücklicher Weise verträgt es sich auf die Dauer nicht mit seinen Interessen und daher kommt es, daß die Masse der Arbeiter sehr wohl Verständnis hat für jede neue große Idee. Das gilt nicht für den Bourgeois – ihm kann man Vernunft predigen so lange man will, der Durchschnittsbourgeois kann uns nicht recht geben, selbst wenn er ehrlich ist. Soll ein Bourgeois sich überzeugen lassen von einer Idee, die einer neuen Weltanschauung angehört, dann muß er ein freier Mensch sein, der sich zu erheben versteht über die Interessen seiner eigenen Klasse. Und derer sind wenige.
Wer aber unter uns Arbeitern versteht es nicht, wenn ich ihm sage: du zahlst Steuern, du bist Soldat, du arbeitest in der Fabrik, nicht weil es dein Wille ist, sondern weil du mußt, weil du geknechtet bist, weil vorerst die dich knechten, noch die Stärkeren sind. Du kannst, auch du Einzelner kannst es, du kannst aufhören zu arbeiten, wenn du nur willst, aber du wirst verhungern, du kannst dich aufbäumen gegen Staatsgesetze und Moralgesetze, die dich nichts angehen, aber du wirst dann deiner Freiheit beraubt, wenn nicht getötet, und das von Rechtswegen – denn Recht ist Macht. Du kannst alles, was du thust, lassen, wenn es nicht dein Wille ist; aber unter der Knechtschaft, unter der du stehst, kannst du nicht thun, was du willst. Du kannst deinen heißen Bildungstrieb nicht befriedigen, du kannst dir kein menschenwürdiges Dasein schaffen, du kannst nicht aus der Welt schaffen, wovor dir ekelt, nicht die Schwindelgeschäfte, nicht die Börse, nicht die Prostitution, nicht lügnerisches Pfaffentum und Beamtentum, nicht verkehrte, geistverstümmelnde Jugenderziehung. Kurz, du kannst nicht leben wie du willst, du mußt leben, wie es die Verhältnisse wollen, die aufrecht erhalten und verteidigt und idealisiert werden von der heutigen bürgerlichen Gesellschaft.