Unter diesen Umständen giebt es nur ein Mittel. Wir alle, die wir unter diesen Verhältnissen leiden, thun uns zusammen zu einer kämpfenden Gemeinschaft. Wir wollen nicht aufhören Vernunft zu lehren und die Massen aufzuklären, bis wir es erreicht haben, daß die Proletarier aller Länder sich vereinigt haben, um zu stürzen die kapitalistische Weltanschauung und einzurichten die sozialistische. Organisieren wir uns in den Gewerkschaften, werbet überall, in den Fabriksälen, auf den Straßen und öffentlichen Plätzen, in der Familie, in großen Versammlungen. Ist diese freie Organisation stark genug, dann kann jede einzelne Gruppe im Kampf um die vorläufige Besserung der Lebensbedingungen, um Verkürzung der Arbeitszeit, um Erhöhung des Lohns auf die Unterstützung aller andern rechnen und dem Kapital die Spitze bieten. Dann kann jede einzelne Gruppe schon vorläufig der bürgerlichen Gesellschaft kündigen, sei es auch nur um zu zeigen was kommen wird. Und diese unsre Kampforganisation muß schon ein Abbild sein der zukünftigen Gesellschaft. Da tritt jeder ein mit Gut und Blut für den andern, für die gemeinsame Sache; einer für alle; alle für einen.

Darum rufe ich euch zu: Genossen, wählt nicht zum Reichstag! Wählt keinen Vertreter, der für euch kämpfen soll durch Parlamentsreden. Das Wort ist nicht da zum Kampf, sondern zur Belehrung, und für den Kampf giebt es keine Vertretung. Kämpft selbst, Proletarier, nicht mit der Zunge, kämpft mit eurer ganzen Person, kämpft da, wo der Kampf ausgefochten werden muß, auf dem Boden der Arbeit, und da könnt ihr nicht allein kämpfen, sondern nur alle zusammen festgeschlossen und einig. Vereinigt euch, Proletarier klärt auf, Genossen, werbet für unsere Idee, der Sieg wird unser sein!

Wieder ertönten starkes Händeklatschen und lebhafte Rufe der Zustimmung, durch die nur ein ganz vereinzeltes: »ganz unrichtig«; kaum dringen konnte. Die Diskussion wurde nun eröffnet und ein Arbeiter nach dem andern trat vor, um mehr oder weniger geläufig seine Zustimmung zu dem Gehörten auszusprechen und nunmehr Ergänzendes beizubringen, indem hauptsächlich gegen die einzelnen Volksvertreter schwere Vorwürfe erhoben wurden. Nachdem nun noch der Gegner, der sich vorhin bemerkbar gemacht, zu Wort gekommen war, um außerordentlich fließend in ununterbrochener Rede zu sagen, wie ungerecht die Vorwürfe seien, wie großes Verdienst sich die Führer um die Sache erworben, wie vortrefflich die Parlamentswahlen und das Parlament selbst sich zur Agitation eigneten, wie auch manches auf diesem Wege für die Arbeiter herauszuschlagen sei, – erhielt der Referent noch einmal das Wort, um das Ergebnis der Diskussion zusammenzufassen.

Gesinnungsgenossen, so begann der Redner, für ganz unrichtig muß ich es halten, wenn der Herr Vorredner gemeint hat, die Bourgeoisie, d. h. ihre Vertretung, das Parlament, habe uns Konzessionen gemacht, weil wir eine in Betracht kommende Anzahl Abgeordnete ins Parlament gesandt hätten. Keineswegs, sage ich. Diese Konzessionen sind gemacht worden (übrigens kann man ja bisher kaum schon von solchen reden, aber ich gebe zu, es werden noch solche gemacht werden) weil die Bewegung in den Massen zu groß geworden ist und zu gefährlich, weil etwas gethan werden mußte, um den Anschein zu erregen, die herrschende Klasse sei sich der Ungerechtigkeit unserer Zustände bewußt und wolle abhelfen. Wieviel stärker und energischer aber wäre heute schon die sozialistische Bewegung, wenn unsere Agitation nicht nur Wahlagitation gewesen wäre, wenn wir von vornherein uns im Gegensatz zum Parlament gestellt hätten. Ich behaupte, die Herren im Reichstag und am grünen Tisch hätten ein ganz anderes Gruseln verspürt und hätten viel entschiedenere Konzessionen gemacht, wenn niemals ein Sozialist ihren Sitzungssaal betreten hätte, wenn sie ganz allein unter sich geblieben wären und nur die drohenden Stimmen gehört hätten, die lauter und lauter von außen eingedrungen wären, von dem arbeitenden Volk, das nichts mit ihnen gemein haben will. Was aber kümmern sich die Herren jetzt darum, wenn ihnen ein glatter Redner zwei Stunden lang möglichst maßvoll dies oder jenes auseinandersetzt und immer Rücksicht darauf nimmt, daß er nicht zuviel von den Herren verlangt? Und wie ganz anders aufreizend hätten die Reichstagsverhandlungen gewirkt, wenn die Herren Bourgeois unter sich geblieben wären, wenn sie die Zeit vertrödelt hätten mit ihrem einsichtslosen und thörichten Geschwätz, mit ihrem unsinnigen tagelangen Streit über Formalien und Lappalien, während draußen die Arbeiter sich fester und fester zusammenschließen zum Kampf ums Brod (was etwas anderes heißt als die Bekämpfung des Kornzolls), aber auch um ein hohes Ideal, für die Neugestaltung der Menschheit! Und wenn dann einmal eine festgeschlossene Kolonne Arbeiter auf der Galerie erschienen wäre, um dem Geflunker zuzuhören, wenn die Aufregung dann bis zum Siedepunkt gestiegen wäre, und das Volk anfinge, mitzureden und den Herren zu sagen, was von ihnen zu halten ist, dann könnte man sehen, wie die Herren Bourgeois sich vor Angst in alle Winkel verkröchen. Hat man etwas dem Ähnliches schon einmal erlebt, wenn einer unserer Abgeordneten gesprochen hat? O nein, man hat ihn höchstens aufmerksam angehört und hat dann die oratorische Leistung bewundert. Das muß anders werden. Auf diesem Wege verflacht unsre große Bewegung mehr und mehr. Hüten wir uns, daß nicht abgespannt wird; hüten wir uns, daß die Massen nicht anfangen zu ermatten und an unsere Sache nicht mehr zu glauben. Die Unzufriedenheit, die leidenschaftliche Begier, unsere Lage zu bessern und von Grundaus zu ändern, darf nicht schwinden, muß gesteigert werden. Und Aufklärung und Belehrung muß sich damit fort und fort vereinen. Nehmen wir uns in Acht! Stehen wir zusammen Mann für Mann! Und vor allem: nicht wählen wollen wir, sondern protestieren gegen das Wählen!

Mitten unter dem Beifallssturm, der sich wieder erhob, während einige sich schon zum Weggehen bereiteten, indeß die große Masse ruhig sitzen blieb in der Erwartung, daß zum dritten Punkt der Tagesordnung »Verschiedenes« nach etwas von Interesse zur Sprache käme, stand Starkblom auf. Während der letzten halben Stunde hatte ihm der Gedanke: Du mußt reden, und immer wiederholt das eine Wort: reden, reden, reden keine Ruhe mehr gelassen. Es fröstelte ihn und dann stand ihm wieder der Schweiß auf der Stirn und es drückte ihn etwas ohne Unterlaß an der Kehle, und nun war er aufgestanden, er wußte selbst nicht, um das Fieber und die Beklemmung von sich zu schütteln oder zu reden.

Nun fragte der Vorsitzende seiner Gewohnheit nach: »Wünscht noch jemand das Wort? – Es scheint, daß –« Da streckte Starkblom, wie er es vorher bei den andern, die sich gemeldet, gesehen hatte, gedankenlos den Arm in die Höhe und währenddem fuhr es ihm durch den Kopf: Nun mußt du reden, nun mußt du reden, was wirst du denn sagen, ich weiß ja gar nichts zu sagen, die Gedanken gehen mir ja aus, jetzt ist es Zeit, Zeit, Zeit, groß – bedeutend – mannhaft – alles, alles.

»Sie haben das Wort. Bitte rasch; Namen und Wohnung, kommen Sie vor,« sagte der Vorsitzende sofort.

Starkblom ging vor; er hatte sich gefaßt, aber er konnte nicht überlegen; meine Herren, meine Herren, ich, meine Herren, ich will, meine Herren, so wiederholte er in seinem Denken immerfort und fast mit den Lippen. Aber als er vorn stand, sagte er ganz ruhig zum Polizeilieutenant, der die Versammlung überwachte, gewendet: Karl Starkblom, Villa Weißes Haus, Privatmann.

»Sie haben das Wort,« wiederholte der Vorsitzende, während man in der Versammlung teils aufmerkte, teils durcheinander sprach; man war begierig, was der feine Herr zu sagen wußte.

Und nun begann Starkblom, und gleich von Anfang an fließend und ruhig sprechend, nur zwischen den einzelnen Sätzen kurze Pausen machend, während deren er tief Athem holte, denn eine gewaltige Aufregung in ihm preßte sich gegen seine Brust.