Meine Herren, es ist richtig, was der erste Redner sagte. Damit sich einer aus den Reihen der Gebildeten erhebt über den Standpunkt seiner Umgebung, über das Denken und gewohnheitsmäßige Leben, das ihm von früh an eingelernt ist, dazu gehört ein freier und ungewöhnlicher Mensch. Und selbst dann, wenn einer frei ist und von bedeutender Geistesanlage, selbst dann wird sein Leben sich ganz anders gestalten, wird er zu ganz andern Resultaten kommen, als Sie wohl annehmen, wenn ihm irgend welche Zufälligkeiten den Streich spielen, ihn nie zusammenkommen zu lassen mit den Menschen, deren Denken von Anfang an eine ganz andere Richtung einschlagen muß als die seine. Ich bin nicht mehr jung, aber zum ersten Male in meinem Leben stehe ich heute unter Arbeitern. Ich bin kein Bourgeois in dem Sinne, wie Sie das Wort gebrauchen, wohl aber bin ich mir selbst nicht bewußt ausgegangen in all meinem Leben und in all meinem Denken und Empfinden von der heutigen Gesellschaftsordnung, von der heutigen Sitte und Moral. Über alles, was man mir je angelernt hat, habe ich mich in langem Ringen und schwerem Kämpfen vollständig erhoben, nur das eine habe ich bis zu dieser Stunde nie gewußt: daß es Menschen giebt, die ganz anders empfinden und denken, wie wir da oben, und daß die Zukunft in den Händen dieser Menschen liegen kann. Ich habe die ganze Bildung meiner Zeit bewältigt; ich habe all das Leben und Treiben dieser Erde beobachtet; ich habe geschaut, wie die Menschen dies und das treiben und sich doch stoßen lassen von jeglichem Zufall, daß sie kein Ziel haben und keine Reflexion, und ich habe mich mit Ekel abgewandt von dem Menschengeschlechte, das nicht weiß, wofür es lebt und – noch schlimmer – es gar nicht wissen will. Und ich war nahe daran, selbst wegzugehen vom Menschendasein, weil ich trotz allem Grübeln und verzweiflungsvollen Forschen nicht finden konnte, wofür ich lebe. Ich habe den Mut gehabt, in meinem Denken wenigstens die Konsequenz zu ziehen aus meinem Leben, und das ist die Konsequenz eines jeden aus meinem Gesellschaftskreise. Diese Konsequenz heißt: Selbstmord.

Heute aber kann ich sagen: ja, jawohl, die bürgerliche Welt ist dem Tode verfallen, aber aus ihren Trümmern, das hoffe ich mit Ihnen und daran will ich mich anklammern, wird auferstehen die sozialistische Gesellschaft, eine neue Welt.

Hier löste sich die Spannung, mit der die große Versammlung bisher in vollkommener Ruhe zugehört hatte, in ein vielstimmiges und gleichzeitiges Bravo auf. Starkblom fuhr sich leicht über die Stirn und holte tief Athem; dann sprach er weiter, nunmehr lebhafter und freudiger, wie getragen von der Sympathie der Versammlung.

Ja, meine Herren, heute ist es mir endgiltig klar geworden, und darauf baue ich: nicht der Mensch als solcher oder gar die Welt an sich ist es, vor der mir ekelt in tiefster Seele, es sind nur die Menschen, unter denen ich aufgewachsen bin, mit denen ich mein ganzes Leben verbracht habe; es sind nur die Zustände, die heute herrschen und die sich von Geschlecht zu Geschlecht überliefern, weil jedes Kind von neuem gedankenlos hereingezogen wird in den alten Kreis verrotteter Gewohnheit. Ein Kind aber kenne ich, das noch nicht zugrunde gerichtet worden ist von diesen Einrichtungen, ein Feld, das noch nicht gejätet worden ist mit dem Pfluge einer alten Moral und das bereit liegt zu neuem Samen; eine Wolke, die sich noch nicht ausgeschüttet hat, sondern voll ist von neuem fruchtbarem Regen; ein Rad, dessen Felgen noch nicht zerbrochen sind, sondern das erst beginnen will zu rollen, wer weiß wohin? … Ich meine die Arbeiterklasse. Die Bildung, mit denen man unser Hirn vollgepfropft hat, haben Sie nicht genossen, und dadurch haben Sie Platz gehabt für eine neue Idee, dadurch sind Sie berufen, der alten morschen Gesellschaft den Todesstoß zu geben und sie abzulösen, und mit Vernunft da zu beginnen, wo die Unvernunft das Ende ihrer Entwickelung erreicht hat. Unsere thörichte bürgerliche Gesellschaft glaubte dem Volk einen gewissen Grad von Wissen und Aufklärung zukommen lassen zu dürfen, und die Geister, die sie so beschworen, die werden sie nicht mehr los. Die heutige Gesellschaft hätte aufrecht erhalten werden können, wenn die Arbeiter systematisch zu Haustieren, noch schlimmer, zu Fabriktieren gemacht worden wären; aber da man in sentimentaler Duselei mit einer Reminiszenz an die Menschenrechte der französischen Revolution davor zurückschreckte und ihnen mit Halbheiten den Geist stopfen wollte, siehe da wurde der Mensch in ihnen wach, und schneller, als jene es geahnt, erwächst die neue große Revolution, die viel, viel gewaltiger werden wird als die sogenannte große Revolution der Bourgeois. Einen neuen Glauben haben die Arbeiter, einen Glauben an sich und an die Zukunft der Menschheit. Die bürgerliche Gesellschaft aber hat keinen Glauben, keinen neuen und keinen alten; sie verzweifelt an sich selbst, wo sie nicht gedankenlos dahinvegetirt und selbst zum Tier geworden ist. Die soziale Revolution wird siegen!

Da brach gewaltiger Beifall los. Starkblom fühlte, dies sei für die Empfindung seiner Zuhörer das Ende seiner Rede, und obwohl er noch lange weiter hätte sprechen können, fügte er nur noch hinzu, laut durch das Getöse rufend:

Zu Ihnen flüchtet sich von den Gebildeten, wer an der Zukunft der bürgerlichen Gesellschaft verzweifelt und doch eine starke Ahnung hat, damit sei die Menschheit noch nicht an ihrem Ziele. Nehmen Sie mich auf in Ihren Reihen. Unser Wille ist derselbe: die vernünftige Gestaltung des menschlichen Lebens!

Starkblom wollte rasch von der Tribüne heruntergehen, um so schnell als möglich nach Hause zu kommen, fort aus diesem Saale in die freie Luft. Wie hätte er jetzt noch ein einziges Wort sprechen können. Aber der Vorsitzende, neben dem er stand, tippte ihn leicht auf die Schulter und sagte: »Herzlichen Dank, Herr Starkblom. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie etwas warten wollten; die Versammlung ist ja jetzt doch wohl zu Ende. Hätten Sie die Güte?«

Starkblom drückte ihm die Hand. »Gewiß, sehr gern.«

Während dieses kurzen Gesprächs hatte sich unten im Saale schon alles erhoben und lief durcheinander dem Ausgang zu. Nur der Form zuliebe fragte der Vorsitzende: Wünscht noch jemand das Wort? und fügte dann gleich hinzu: Dann schließe ich die Versammlung. Sofort begannen einige Stimmen mit dem kräftigen Gesang der Arbeitermarseillaise: »Wohlauf, wer Recht und Wahrheit achtet,« und immer zahlreicher fielen die Anwesenden ein in den Chor, während alles langsam zum Ausgang drängte. Nur einige wenige strebten gegen die Masse nach vorn, und schließlich standen, während der Saal schon fast leer war, sieben Männer um Starkblom, ihm abwechselnd die Hand reichend und durcheinander auf ihn einredend. Er nickte nur nach allen Seiten und sagte: Jaja – jawohl – ganz richtig – aber bitte sehr. – Er hörte nicht, was die andern sagten und wußte nicht, was er selbst sprach. So hätte er wohl noch Stunden lang dastehen können und seine erregte Freude auf- und abwogen lassen. Aber der Mann, der den Vorsitz geführt hatte, rüttelte ihn auf, indem er den Vorschlag machte, sich an einen Tisch zu setzen und noch ein Glas Bier zu trinken. Es geschah so, und bald war Starkblom in ein Gespräch verwickelt mit seinen Nachbarn, erst über ziemlich gleichgiltige Gegenstände, über die Arbeitsverhältnisse hier am Ort und über das bisherige Leben Starkbloms nach außen. Bald aber wurden sie hereingezogen in das Gespräch, das indessen auf der andern Seite des Tisches geführt wurde. Man sprach über die Zustände und Spaltungen in der deutschen sozialdemokratischen Partei. Starkblom erfuhr da, daß durchaus nicht überall die prinzipienfeste, revolutionäre Richtung einen so großen Anhang habe wie hier; an andern Orten begnügten sich die Massen vielfach mit großen Schlagworten und überließen im übrigen alles ihren vergötterten Führern.

»Ja aber diese Führer«, fragte Starkblom erstaunt, »können denn diese wirklich glauben, es scheinen doch überaus vernünftige und begeisterte Leute zu sein, daß durch althergebrachtes Politisieren und Parlamentieren das große Ziel erreicht werden könne? Das ist doch ganz undenkbar.«