»Das will ich Ihnen erklären«, antwortete ihm Mathias Buvolski, der vorhin das Referat über die Wahlen gehalten hatte. »Die Herren sind überschlau, das ist ihr Verderben, hoffentlich nicht das unsere. Sie glauben gar nicht recht an die Kraft der Bewegung und vor allem nicht an die Macht der Aufklärung. Sie halten große Reden von der wirtschaftlichen Entwicklung, und daß die sozialistische Gesellschaft sich ganz von selber mache; man brauche gar nicht eingreifen und sich nicht in Gefahr bringen. Aber sie wollen die Macht nicht aus den Händen geben, sie erwarten irgend etwas ganz besonderes, irgend einen großen Zufall, am liebsten eine Revolution von oben, einen Verfassungsbruch der Regierung und da wollen sie zuwarten. Und damit die Bewegung inzwischen nicht stillsteht oder gar ins Nichts zerrinnt, wenden sie künstliche Mittel an, um das Interesse wach zu erhalten. Da wird also ein großer Entrüstungssturm in ganz Deutschland gegen die Kornzölle erregt, nur damit überall Massenversammlungen stattfinden. –«

»Was?« unterbrach ihn Starkblom. »Genau dasselbe hörte ich ja vor ein paar Tagen bei den Freisinnigen?«

»Allerdings, aber das thut nichts; bei uns zieht’s mehr. Und aus demselben Grunde muß gewählt werden und müssen die Abgeordneten Reden über Reden halten und Anträge über Anträge stellen. Alle paar Wochen taucht dann wieder ein neues Projekt auf, irgend ein Detailvorschlag, der der Masse imponiert, Verstaatlichung der Apotheken, der Ärzte, des Getreidehandels … Die Bewegung darf nicht einschlafen, das ist alles. Aber gethan wird nichts, es giebt keine ernstliche Aufklärung, nicht im Wort und nicht in der Schrift, die Provinzzeitungen sind miserabel, die Brochüren zu teuer, die Führer sitzen im Reichstag und haben keine Zeit zur Belehrung des Volks … Sie machen von sich reden und halten sich obenauf, um, wenn die rechte Zeit von ungefähr kommt, die Macht in der Hand zu haben. Drum sind sie auch keineswegs unter sich einig, immerfort Zänkereien und Eifersucht.«

»Was reden wir da?« sagte Starkblom. »Das sind ja ganz gewöhnliche Menschen, nicht unbegabt, aber gewöhnlich. Aber was gehn uns Personen an? Im Sozialismus steckt Tieferes, als seine heutigen Verkünder wohl ahnen. Was gehen uns diese Kleinlichkeiten an, wo es sich um die Zukunft der Menschheit handelt?«

Die andern hörten aufmerksam zu, Buvolski aber sagte: »Sie haben heute Abend schön und herzlich und feierlich gesprochen. Ich habe noch niemanden getroffen, glaube ich, der so sein Alles daran setzt, um das was er denkt, auch zur Wirklichkeit zu machen. Nicht wahr, Sie glauben felsenfest an die Macht der Vernunft?«

Starkblom fühlte wie er blaß wurde. Es lief ihm kalt über den Rücken. Wenn, wenn, wenn … Nein. Er schüttelte sich. Nichts mehr von den alten Dingen. Er wollte nicht mehr. Es war entschieden. Ja, er glaubte.

Erst nach einer Pause, während der alle gespannt nach ihm blickten, antwortete er langsam:

»Viel gefragt. Ich glaube, daß ich nicht einzig bin.«

»Offen gestanden, ich verstehe nicht recht. Wie meinen Sie das?«

»Ich bin ein Teil der Welt, ein winziger Teil; ein einsamer, versprengter Teil, es ist wahr. Daß ich vernünftig bin, das weiß ich sicher; und was ich glaube, das ist das, daß ich mich nicht soweit über die andere Welt erhoben habe, daß sie mir nicht mehr nachfolgen kann. Man kann viel, wenn man will; und der Wille kann erweckt werden. Der Geist des Menschen ist so eingerichtet, daß, wenn einer allen Schmerz und alle Verzweiflung eines ganzen Lebens dazu gebraucht hat, um eines zu erreichen und daran festzuhalten, daß er allen anderen diese Not ersparen kann, indem er ihnen das fertige Ergebnis seines Lebens begreiflich macht. In diesem Sinne ist jeder bedeutende Mensch ein Heiland, der die Schmerzen der ganzen Welt auf sich nimmt und sich kreuzigen läßt, um die Welt zu erlösen. – Wo wohnen Sie? Bitte wollen Sie mir Ihre Adresse angeben?«