Es ist wahr, die Krankheit, die mich urplötzlich überfallen hat, ich sollte sagen, wieder überfallen hat, will nicht von mir weichen. Diese Krankheit hat jetzt sogar epidemischen Charakter angenommen, d. h. ich fühle die rasende Begier, meine friedlichen Mitmenschen, soweit sie mir Zutritt zu ihren Gedanken schenken, anzustecken, nur um frei zu werden von dem quälenden Bewußtsein, andere Leute seien kerngesund und nur ich sei ausgestoßen aus der schönen Gemeinschaft.

Aber ist es nicht vielleicht gerade umgekehrt? Doch, ich weiß es mit Bestimmtheit, das Gegenteil ist der Fall. Ihr seid wahnwitzig und ich – nun, ich bin vielleicht wahnsinniger als ihr, das ist möglich, aber ich will euch verführen zu meinem Wahnsinn, damit ich gesund scheine. Denn Krankheit ist nur ein Gegensatz und ein Ausgestoßensein des Einzelnen aus der Gemeinschaft.

Und nun zu dem, wovon ich reden will. Ich will sagen, daß der Sozialismus eine Sache mittelmäßiger und gewöhnlicher Naturen ist, und ich will solche, die mich verstehen können, von der Genossenschaft der Genossen abziehen und mir und meiner Lehre verschwistern.

Ich nenne den Sozialismus um deswillen gemein, weil er Voraussetzungen macht, ohne es sich und andern einzugestehen, obwohl er zur Einsicht klug und alt genug wäre, und weil er im Banne alter Worte steht und weil er nicht ein einziges neues Wort gesprochen hat noch je zu sprechen im Stande ist. Der Sozialismus, gleichwohl er sich eine neue Weltanschauung zu nennen für gut findet, setzt voraus, es gebe eine Pflicht des Menschen sich um seinen Nachbarn zu kümmern, es gebe eine Gemeinschaft der Menschen und der Einzelne habe ein Interesse an der Zukunft der Menschheit und der Welt. Er begründet diese wichtigste aller Voraussetzungen niemals mit einem Worte, weil er gänzlich unter dem Banne einer alten Moral, des jüdisch-christlichen Sittengesetzes und seiner Variationen, steht und weil er unfähig ist, die Möglichkeit einer neuen Welt- und Seelenanschauung auch nur zu ahnen. Der Sozialismus ist nicht Original, sondern er ist nur eine Folge historischer Reminiscenzen. Wenn er Revolution sagt, meint er eben das, was man bislang unter Revolution verstanden hat, und er kennt keine andern Mittel und Wege, als die bisher scheinbar wirksam gewesen sind. Der Sozialismus ist schamlos, denn er glaubt an sich. Der Sozialismus ist kindisch, denn er denkt nicht an den Tod. Der Sozialismus ist erbärmlich, denn er läßt sich von einer abstrakten Idee beherrschen. Der Sozialismus ist ein armseliges Wesen, denn er kennt kein reiches Leben. Der Sozialismus ist ein eingebildeter Kranker, der fortwährend sein Testament macht, anstatt zu tanzen und Lieder zu singen oder sich tot zu schießen. Und der Sozialismus ist eine Lüge, denn er redet von der Zukunft, und er ist Aberglaube, denn er nennt sich eine Wissenschaft.

Man verlangt Beweise von mir. Man verlange sie nicht. Ich will nicht beweisen. Ich bin keine Anklagebehörde und kein Untersuchungsrichter. Ich gebe nur meine Eindrücke und mein Erleben wieder. Ich hasse den schreienden Ton der Unbedingtheit. Aber die Selbstverständlichkeit liebe ich. Wem viele Dinge selbstverständlich sind, der folge mir nach. Wer sich die Aufregung und das Für oder Wider mich noch nicht abgewöhnt hat, der bleibe dahinten. Leute wie mich, sucht man am besten, indem man sie meidet und seinen Gang weiter geht. Man wird so reif. Und nur zu Reifen will ich sprechen. Ob auch zu Müden? Die Worte sind mir gleichgiltig geworden. Auch die Welt? Auch die Welt. Nur eines ist mir noch wichtig und des Denkens wert und gewärtig und ich freue mich wie ein Dieb dieser Inkonsequenz. Dies eine aber ist – lachet, meine Freunde, ich lache mit – dies eine ist der Tod. Er liegt mir am Herzen und von ihm muß ich noch viel erzählen. Seid ihr bereit? Ich will euch etwas erzählen – vom Leben.

Halt – sollte ich nicht, bevor ich auf das Leben zu sprechen komme und auf meine Gedanken und die Vergangenheit und Geschichte meiner innersten Vorgänge und Stimmungen – sollte ich nicht vorher von den ökonomischen Verhältnissen reden, und sollte ich nicht die unumstößliche Wahrheit von vorneherein annageln, daß die materiellen Erscheinungen die Ideen hervorbringen, und daß alle meine Gedanken und Willensmeinungen die Früchte unseres Zeitalters des Kapitalismus sind? Sollte ich nicht von Gottes und Rechts wegen anders organisirt sein als ich es bin, sollte ich nicht, bevor ich von mir rede und sage was ich will, beobachten und feststellen, welchen Gang die Ereignisse nehmen müssen, wohinaus die Geschichte nach den immanenten ökonomischen Gesetzen des Karl Marx gelangen muß? Kurz – sollte ich nicht ein Thor sein? Ein Narr, dem seine besonnenen Beobachtungen mehr wert sind, als seine gehäuften unbewußten zufälligen tausendfachen Erfahrungen? Sollte ich mich nicht fortwährend als Ring in der Kette einer festgelegten Entwicklung fühlen? Sollte ich mich nicht in zwei Teile teilen und den einen vom andern beherrschen lassen? Sollte ich mich nicht den Wissenden anschließen, anstatt wie jetzt einer zu sein, der nichts wissen will?

Ja, das ist es, warum ich mir selber merkwürdig und absonderlich und vielleicht auch wichtig vorkomme: ich gehöre zu denen – denn ich bin doch nicht der Einzige? – die vergessen wollen, vergessen alles, was dagewesen sein soll, die einen Grund und eine Abstammung haben, aber nichts davon wissen wollen, die zu keusch sind, um ihr Leben zu leben nach Kenntnissen und Mitteilungen und Beobachtungen, anstatt wie ein göttliches Tier auf einen ungekannten Grund hin, einem unbekannten Ziele zu. O ihr Klaren und Unabänderlichen, ihr historisch Begründeten und Zielbewußten, ihr Einsichtsreichen und Vollundganzen, ihr Vergangenheitsleber und Zukunftsleber und Gegenwartsnichtse, ihr Aufderhöhederzeitseienden und Bewußtheitsaffen, ihr Vielseitigen und Vielzeitigen, ihr Tiertöter und Gottschänder und Menschenverstümmler, ihr Papiermenschen und Drahtpuppen, ihr seid mir widerlich, höchst widerlich! Jener Sokrates, der zugab, es wisse nichts, war wenigstens nicht so gar übelriechend; aber wo findet man einen, der nichts wissen will? Der nur leben will, nur leben – oder sterben?

Vom Leben also will ich meine Rede beginnen, vom Leben des Menschen, des höchsten Menschen. Aber nicht will ich sprechen von den Nöten des Lebens, von den niedrigsten Menschen, den Ärmsten der Armen. Und nun sollte ich, so gehörte es sich, affectieren, ich sei ein harter Mensch, ein Fürst der Erde, hocherhoben über alles, was unter ihm steht, weit entrückt vor allem der schwächlichen Regung des Mitleids. Ich liebe es aber nicht, mich zu verstellen, und ich mag nicht die erzwungene Konsequenz. O ja, ich fühle Mitleid mit euch, ihr Proletarier, heißes Mitleid, so gut wie einer, aber das ist mir ein unangenehmes Gefühl. Es ist ein Gefühl, das da ist, aber es ist nur trotz alledem da und ich verbitte mir, daß es sich zum Zentralpunkt machen will, von dem alle meine Wünsche und Ansichten und Absichten ausgehen müssen. Ihr lieben Kinder, die ihr das Leben nur von weitem in strahlendem Glanze erblickt, die ihr die Not kennet und den Schein des Lebens, das Leben aber, nein, das Leben kennt ihr nicht. Drum habt ihr auch das gute Recht, alle eure Kraft einzusetzen, um das Leben und was ihr den Genuß des Lebens nennt, zu erkämpfen. Euch verstehe ich, ihr jagt einem schönen Bilde nach, jaget weiter, bis ihr bitter enttäuscht werdet. Früher kann ich nicht zu euch sprechen. Suchet das Leben, damit ihr es fliehen lernt.

Aber jene andern, jene sozialdemokratischen Lehrer und Führer, unter denen, meine ich, sollten welche sein, die etwas vom Leben wissen könnten. Und wenn sie dennoch jenem weichen Wachse die Sehnsucht nach dem Leben eindrücken, dann thun sie es teils aus Dummheit, indem sie sich einreden, das Elend einer lebenden Seele beruhe auf demselben Grunde wie die Nöte der arbeitenden Kinder – nämlich auf den Wirtschaftsverhältnissen des Zeitalters; oder sie sind gewöhnliche Menschen, die ihr Leben nur dadurch ertragen, daß sie andere beherrschen, die aber keinen Zustand ihres eigenen Menschen zu begreifen und auszudenken verstehen, die die äußere Welt mit scharfer Brille betrachten und wissenschaftlich fassen, die aber nie ein Gelüste verspürt haben, die Gründe ihres eigenen Handelns, ihres eigenen Lebens zu prüfen – und zu verachten. Also kleinliche mittelmäßige Seelchen, die sich selber das Leben erträglich machen durch ihr Gerede – und das nennen sie neue Weltanschauung! – und die nichts weniger als großartig sind in ihrer Herrschsucht und Verführungskunst. Sie wissen nicht einmal, warum sie die Zukunft predigen, sie sind Thoren genug, zu glauben, es sei wirklich um der Zukunft willen, sie sind Egoisten und wissen es nicht – o über diese Kindsköpfe! Man erstrebt etwas, weil man das Streben liebt, das ein Teil der eigenen Seele ist, sie aber reden sich ein, ihre ganze Seele werde angezogen von dem etwas außerhalb. Sie wissen nicht, daß das etwas nur ein gleichgiltiges und zufälliges Symbol ihres innern Menschen ist. Daß es in die Zukunft projektiert ist, um glanzvoller zu wirken und zu beherrschen! Daß man es zu andern Zeiten in den Himmel projektiert hätte. Und zu andern auf die Insel Utopia. Und ein drittes Mal auf den Olymp. Oder auch in das goldene Zeitalter oder in den Garten des Paradieses. Sie glauben, Zukunft, das sei etwas in der Wirklichkeit, das sei etwas, was den Menschen mehr angehe, als Himmel und Hölle. O über diese Kindsköpfe!

Nochmals – diese Führer muß ich ganz und gar in meiner Betrachtung trennen von den Geführten und Verführten. Mit diesen habe ich zwar Mitleid, ich gestehe es zu, aber ferne ist von dieser Art Mitleid jegliche Verachtung. Im Gegenteil, ich sehe mit großem Schmerz, wie lang und umständlich der Weg ist, den diese vielfach trefflichen Menschen noch gehen müssen, bis sie da sind, wo ich stehe, bis sie sehen, daß ihre Nöte, die sie vom Leben trennen, daß diese zu überwinden sind, daß aber im innersten Kern des Lebens, des menschlichen Lebens ein unüberwindlicher und viel tieferer Jammer steckt als in jener häßlichen Beschalung. Freilich, es will mir so scheinen, als ob auf eine sonderbare Art der Sozialismus geeignet sei, diesen Weg in seltenen Fällen zu verkürzen, während er ihn bei der großen Masse gänzlich verschüttet und unbetretbar und ungesehen macht. Ich kenne einige ganz wenige Menschen, ganz einfache Arbeiter, die ich, wie wenige in mein Herz geschlossen habe. Lange Jahre waren sie glühende Sozialdemokraten, Nichtsalssozialdemokraten, dann aber durchschauten sie schaudernd die Motive einiger Führer, sie sahen Dinge an diesen Leuten, die diesen selber in ihres Herzens allzu großer Einfalt gar nicht bekannt waren. Es ist nicht zu glauben, mit welcher unheimlichen entsetzlichen Geschwindigkeit sie – aber nur ganz wenige sind das – nunmehr ihren Weg gingen oder flogen oder gerissen, geschmettert wurden. Sie nannten sich noch Sozialisten, wo sie es schon nicht mehr waren, sie suchten immer neue, immer weniger betretene Pfade, um ihr »großes Ziel«, das sie immer noch einzig suchten, zu erreichen; sie streiften die Lehre von der ökonomischen Grundlage von sich ab und nannten sich wieder Idealisten und Anarchisten. Dann wurden sie Individualisten, aber Individualisten ganz eigener, nie erhörter Art, denn sie suchten den Individualismus immer noch in der Zukunft als Ideal, sie wollten einen Individualismus schaffen durch gemeinsame Arbeit, durch Kommunismus. Aber daneben verlangten sie schon, auch die Mittel und Wege müßten individualistisch sein. Und nun streiften sie das Istentum ab, sie wollten nichts mehr, sie waren etwas, nicht mehr Individualisten, sondern Individuen. Und damit waren sie auch schon gänzlich auf sich gestellt und dem Pessimismus verfallen, und ihren Glauben hatten sie völlig verloren und ihre Sehnsucht nach dem Leben dazu. Merkwürdig, ihnen, diesen auserwählten Menschen, ihnen ekelt vor dem Leben, obwohl sie es doch kaum gelebt, kaum gesehen, nur eine ganz dünne Ahnung vom Leben ist über ihre Seele gehuscht, und schon wenden sie sich scheu von ihm ab. Und ich glaube, während ich von ihnen erzähle, stehen sie traurig lächelnd daneben. Ja, diese Menschen gehören zu meinen Zuhörern, und sie stehen in der vordersten Reihe, und ihre Herzen liegen mir offen da, und sie harren des Wortes, das ich sprechen soll. Und wenn ich das Wort ausspreche, das Wort »Tod«, dann klingt ihnen das schon reif und vertraut, sie sind mürbe geworden und verstehen mich und folgen mir nach. Ich segne euch, meine Brüder, unsere Wege kommen aus verschiedenen Geburten, aber nun haben sie sich gefunden und bleiben beisammen.