O über diese Sozialdemokraten, die so vieles beobachtet und vor allem so vieles behalten haben, die alles wissen, nur nichts von den unbewußten Regungen ihres Willens und nichts vom wahren Wesen ihrer Persönchen! O über diese gelehrten Menschlein, die von Wörtern leben, die glauben, ein Wort sei ein Wort und ein Ding sei ein Ding, die alles Zusammengesetzte sehen, als ob es einfach wäre, die Gegensätze für Einheiten halten. Weil sie beglückt sind in ihrem Streben nach der Zukunft, wähnen sie, das Glück zukünftiger Menschen sei gesichert, wenn der Wille der Gegenwart erfüllt werde. Sie ahnen nicht, daß Absicht und Zweck zwei Dinge sind, die nie zusammen kommen, sie glauben, es sei dasselbe. Wie ungeheuer werden sie beschämt von einem andern einfachen Arbeiter, der mir allerdings auch noch ferne steht, von einem Manne, bei dem alles unbewußt ist, der so gut wie gar keine gewollte und kontrolierte Erkenntnis hat, und der doch diese Grundwahrheit klar erkannt hat und der mit einer unerhört schönen Gewalt in die Worte ausbricht:
»Freiheit du wunderbares Wort, du Signal des Lebens, du Ruf aus einer andern Welt, wie durchdringst du sogleich meinen ganzen Körper; wie einen Adler läßt du mich hinaufschwingen, hinauf in das strahlende Licht, in die reinen Lüfte, allen Staub und alles Menschenelend zurücklassend, aber ach, wie der Adler wieder zurückkehren muß zu seinem Horst, so muß auch ich wieder zurückkehren zur Menschenheimat und muß es bei deinem Klang mitfühlen mit den Tausenden, die ihr Leben in ungerechten Fesseln des Körpers dahinbringen müssen, muß bei deinem Klang so oft Empörung in mir wahrnehmen, als ich Luft und Licht in Fesseln geschlagen sehe.
Ȇberall, wo ungerechten Fesseln halber der Ruf Freiheit erschallt, ist das der Ruf des Guten, ist es der Ruf der Vernunft, hier bedeutet Freiheit das Gute; die Freiheit als Kraft ist aber nicht das Gute, vielmehr bei denen, welche ungerechte Fesseln anlegen, herrscht die Freiheit, das ist das Schlechte und fehlt das Gute, das ist die Vernunft.
»Freiheit und Vernunft sind die beiden sich bethätigenden und bekämpfenden Kräfte im einzelnen Menschen wie im ganzen Geschlecht, und je mehr die Vernunft als wirklich solche bei Rufern wie Hörern zur Herrschaft gelangt, um so mehr wird der Ruf Freiheit und mit ihm der Ruf Gleichheit verschwinden.«
Ein Arbeiter schreibt das, meine Herren, und einer, der vom Sozialismus weniger berührt wurde als andere. Schämt ihr euch nicht? Ahnt ihr nicht, was ihr vernichtet und verwässert habt, welche Tiefe euch abgeht und welche ihr ewig zerstört habt? Seht ihr nicht, daß dieser stammelnde und ahnende Arbeiter beinahe schon jetzt über euch lacht? Was hättet ihr erreichen können, wenn ihr nicht hättet so ernsthaft sein wollen! Welche Bewegung wollte entstehen, wenn ihr große frivole Kerle gewesen wäret! Wenn ihr zum Einzelnen gesprochen hättet und ihm das Lachen und Sterben gelehrt hättet! Aber was wißt ihr vom Lachen und Sterben? O ihr ernsthaften langweiligen lebenslänglichen Hanswurste und Kindsköpfe! O ihr Sittlichen und Guten, ihr Naturgesetzlichen und Ökonomischen! O wie ist euer Sozialismus so verkehrt, weil er geradeaus gehen wollte, immer geradeaus in Marschkolonne! Weil ihr nur eines vor euch seht, ihr Geblendeten! Ihr Hypnotisierten, ihr Medien, ihr Mittelmäßigen!
Und wie lange glaubt ihr denn eigentlich, daß ihr noch warten könnt? Ist denn solch eine rasende Verblendung schon einmal dagewesen? Ihr habt vor dreißig und noch mehr Jahren ein paar armselige Schlüsse gezogen aus ein paar winzigen Beobachtungen und nun habt ihr einen Glauben darauf gepfropft – o nein, entschuldigt, eine ewige Wissenschaft, nicht wahr, eine ewige? und eine Partei habt ihr gebildet und da die Dinge sich ganz langsam so gestalten wie ihr es prophezeiht habt, und da die bürgerliche Welt ganz langsam zerbröckeln will, und da eure Partei allmählich zunimmt, predigt ihr immer dasselbe und predigt es unermüdlich und predigt und predigt, damit wenn die Zeit da sein könnte, ihr auch noch da seid, im Gedächtnis der Mitwelt. Glaubt ihr denn wirklich ganz an eure Unfehlbarkeit, daß ihr so fürchterlich langsam seid? Glaubt ihr denn, nichts, aber auch gar nichts könne euch über den Kopf wachsen? Hattet ihr denn eine Ahnung, vor 30, 40 Jahren, daß auch einmal Stimmen klingen könnten, aus der bürgerlichen Gesellschaft heraus, die nichts mit Ausbeutung zu thun haben? Stimmen wie die meine, wenn sie Gehör finden und Echo, gehn sie euch denn gar nichts an? Ist denn die Welt nicht eine ganz andere, als ihr träumt, wenn ein Teil der bürgerlichen Gesellschaft lachend über seinen eigenen Schatten springt und über seine eigene Klinge? Wenn wir uns selbst aufheben, könnt ihr uns dann noch expropriieren?
Und ich höre mir eine Stimme antworten, gesättigt von Marxismus und hungrig nach Kapital:
»Du und deinesgleichen, ihr seid nur eine Erscheinung des Verfalls und der Korruption. Ihr seid vereinzelte Bourgeois, die übersättigt sind und blasirt und keinen Genuß mehr finden. Ihr spielt keine Rolle, im übrigen bleibt alles wie es war. Der Kapitalismus beutet aus, das Proletariat hungert oder lebt mindestens in menschenunwürdigen Zuständen – bis die Stunde der Befreiung schlägt. So ist es, so wird es sein!«
Das ist die Sprache des Sozialismus, und mancher wird vielleicht finden, der Mann habe recht.
Der Mann hat aber nicht recht, weil er den wahren Schmerz nicht kennt und nicht den Ekel, und in einem zu sagen, weil er das Leben nicht kennt. Um euch nun aber endlich meine Meinung vom Leben zu sagen, will ich in einem Gleichnis zu euch sprechen: