Meine Freunde, kennt ihr die Geschichte des Kindes? Aber eben fällt mir ein, daß ihr Geschichte überhaupt nicht kennt; ihr kennt nur Weltgeschichte und Kulturgeschichte und dergleichen unnütze Erlogenheiten aber Geschichten von einzelnen Dingen und ihren Veränderungen und Betrachtungsweisen gehen euch ab. Nun also – richtet eure Gedanken auf das Kind, das kleine Kind. Wißt ihr, mit welchem Gefühle frühere Menschen solch ein kleines Wesen betrachtet haben? Mit innigem Mitleid ob seiner Hilflosigkeit, man bedauerte das Menschlein, daß es das Leben noch nicht kannte und den Lebensgenuß noch nicht verstand; man sprach immer nur von dem »armen Kinde«. Wie aber ist es heute? Nennt man nicht heute das Kind glücklich und überglücklich, weil es noch nichts weiß vom Leben, beneidet man das Kind nicht, und denkt nicht jeder an seine Kindheit zurück als die Zeit, wo er ganz und gar glücklich gewesen sei? Und wie ist es mit dem Schlafe? Ihr kennt auch die Geschichte des Schlafes nicht. Erschrak man nicht früher vor dem Einschlafen? War es nicht ein Entsetzliches, das Bewußtsein zu verlieren und die Freude am Dasein? Fürchtete man sich nicht vor der kindischen Hilflosigkeit des Schlafes? Aber jetzt? Man freut sich auf’s Schlafen, man lächelt dem Einschlummern entgegen, das Bewußtsein zu verlieren ist eine Wonne, man will nicht aufwachen und zwingt sich des Morgens zu einem zweiten Schläflein, in dem man mit voller Absicht seine Träume weiterspinnt, und wacht dann auf, verstört und voll Entsetzen über das Licht des Tages und die Sonne des Lebens. Und was giebt es für die Jetztlebenden Entsetzlicheres als eine schlaflose Nacht? Alle Mittel werden angewandt, nur um zu schlafen, zu schlafen.

Und wollt ihr immer noch behaupten, der Kapitalismus sei es, der das bewirke, dieses Entsetzen vor dem Leben und diese Sehnsucht nach todesähnlichen Zuständen? O nein, geht mir weg mit eurer Lüge vom bösen Gewissen oder was ihr ersinnen wollt. Wir haben ein recht gutes Gewissen und die Ausbeutung stört uns wenig. Hunderte und Tausende giebt es und hat es schon immer gegeben, und es sind, ihr könnt sagen was ihr wollt, die edelsten und höchsten unter den Menschen, die dahin leben, als wäre die Menschheit schon viel weiter als euer Sozialismus sie bringen will, die sich nichts, aber auch gar nichts um die Produktion bekümmern, und in deren Familie ist es schon so seit Generationen, als ob eine unsichtbare und auch ganz gleichgiltige großartigste Maschinerie ihnen alle Bedürfnisse und allen Luxus des Lebens lieferte, sie haben ein gutes Gewissen, denn sie wissen gar nichts und wollen nichts wissen von eurer Entdeckung, daß die Maschinerie, die sie bedient, aus Menschen besteht, aus armen, schwitzenden geknechteten Menschenkindern; folglich kann diese kapitalistische Einrichtung sie gar nicht berühren und berührt sie auch nicht. Zu diesen Menschen, die wie Götter schreiten auf der Höhe hinweg über die Rücken arbeitender Lohnsklaven, gehören unsere erlesensten Denker und Dichter – und doch, was halten diese schließlich vom Leben? Meinte nicht Goethe am Ende seines Lebens, wenn er alles zusammennehme, wahrhaft glücklich sei er nur ein paar Stunden gewesen in seinem ganzen langen Leben? Wer wollte diesem erschütternden Bekenntnis nicht glauben? Ein paar wenige Stunden! Und dieser Mann gehörte zu den glücklichsten Menschen, die je gelebt haben! Und wessen Fanatismus der Dummheit ist so grenzenlos, daß er behaupten will, daran seien die ökonomischen Verhältnisse schuld? Nein, nein und abermals nein! Der Grund liegt tiefer, liegt in der ganzen unseligen Natur des Menschen und des Lebens! Der Grund ist, daß der Mensch ein denkendes Tier ist, daß er den Begriff des Zweckes kennt, und doch niemals, nie und in Ewigkeit nie einen Zweck seines Daseins, an den er glauben kann, finden wird. Und wenn einer geglaubt wird, immer wieder hat der Mensch dann gefunden, das sei kein Zweck, dahinter stecke kein Sinn, dafür zu leben verlohne sich nicht. Und das wird so bleiben, ihr mögt an den ökonomischen Grundlagen ändern, soviel ihr wollt. Und wenn gar keine Arbeit mehr notwendig sein wird, wenn der Mensch in freier Willkür thun kann, was seinem Körper und seinem Geist frommt, und wenn er so bis auf einen einzigen Punkt ein Gott genannt werden dürfte, der Teil wird immer in ihm sein, der fragt: wozu das ganze und nochmals wozu? und der keine Antwort mehr findet, keine, ewig keine.

Bis auf eines, habe ich gesagt. Wenn das eine nicht wäre, dann wäre er ein Gott, ein vollkommener Gott, nämlich ein Wesen, dessen entsetzliches Elend vollkommen wäre. Müßte der Mensch ewig leben und ewig fragen, wozu – o der Gedanke ist nicht auszudenken, laßt mich schweigen und mich freuen, daß es nicht so ist. Ja, eines giebt es, dessen freue sich der Mensch und dem jauchze er zu, dem singe und juble und tanze er entgegen, in diese lachende Höhe werfe er sich tief, tief hinein, und er wage es jetzt gleich sich zu stürzen in diesen herrlichen, strahlenden Abgrund des Glückes: das ist der Tod, jauchzet und empfangt ihn mit offenen Armen, meine seligen Freunde, das ist der Tod!

Ihr steht verblüfft, meine Freunde? Ihr habt alle schon ähnliches erwogen, aber nun ich es ausspreche ohne jeden Umschweif, nun sucht ihr Ausflüchte, nun wollt ihr auf einmal noch etwas finden, das das Leben lebenswert machen könnte? Suchet nur, ich sage euch, ihr werdet nichts finden.

Die Sozialisten sind Thoren. Sie leben ganz im Kampf für ihr Ziel und bedenken nicht, daß eine Zeit kommen könnte, wo ihr Ziel ganz und gar erreicht ist. Was dann? Nun, dann ist alles herrlich und in Freuden. Dann haben sie den Himmel auf Erden, wie sie uns oftmals versichert haben. Mir aber sagt das Wort Himmel sehr wenig, ich will euch eine andere Schilderung geben.

Denkt euch also, die sozialistische Gesellschaft ist da. Denkt euch, sie ist schon sehr lange Zeit da und schon gänzlich konsolidirt. Die Technik hat noch riesenhafte Fortschritte gemacht. Unangenehme Beschäftigungen giebt es ganz und gar nicht mehr. Die Kinder werden körperlich und geistig aufs höchste ausgebildet, gegen einen fünfzehnjährigen Knaben aus jener Zeit, ist unser größtes Genie ein armes Waisenkind. 1½ Stunden täglich etwa geht jeder Erwachsene zur Arbeit, das ist für den Einzelnen eine Erholung und für die Gesamtheit genügt diese Zeit doch zur Produktion und Distribution aller Bedürfnisse, so hoch diese sich auch gesteigert haben. Die Technik hat sich eben in noch viel großartigerem Maße gesteigert. Die übrige Zeit vertreibt jeder mit dem, wozu er Neigung hat. Nun, meine Freunde, glaubt ihr nicht mit mir, daß wenn dieser anscheinend so herrliche Zustand sich immer mehr vervollkommnet und immer mehr zur Gewohnheit wird, daß dann die ganze Nation, was sage ich, die ganze Menschheit mehr und mehr in ihrer Masse sich einem hingeben wird, nämlich der Philosophie, daß sie, nun sie keine Nöte mehr zu bestehen hat und der Kampf mit dem Materiellen zum Spiel geworden ist, Zeit hat, den ganzen Tag zu denken, an sich zu denken, und zu fragen: wozu sind wir denn eigentlich da? Wozu dieser ganze ungeheure, wundervolle, komplizierte Apparat? Sind wir Selbstwerk? Nein, unmöglich, sonst würden wir nicht danach fragen. Sind wir ein Glied im großen Ganzen der Welt? Ja, was geht uns denn die Welt an? Wir wissen ja gar nichts von der Freude, die sie an unserem Dasein hat, wir nehmen ja keinen Teil daran, wir sind ja ausgeschlossen. Und dann, das würden diese göttlichen Menschen immer und immer wieder fragen müssen: besteht denn eine Einheit und ein Zusammenhang der Menschheit? Giebt es denn in der wirklichen Erscheinungswelt eine Gesammtheit? O nein, würden sie antworten müssen, über solche zusammenfassende Abstraktionen sind wir ja längst hinaus, der einzelne Mensch ist freilich kein Konglomerat blos von einzelnen Zellen, er ist eine Einheit, er hat ein Bewußtsein, aber was ginge den einzelnen Menschen der andere im geringsten an, wenn er nicht auf ihn angewiesen wäre? Und vor allem, was gehen uns die an, die nach uns kommen? Und wenn also der ganze Witz aus ist mit meinem Tod, was war denn dann dran? War das denn alles? Und darum, darum die unendliche Mühe unserer Altvordern, der Sozialdemokraten von anno dazumal? Wegen der paar Jahre Leben? Die Mühe hätten sie sich sparen können! Der ganze Spaß, das ganze Spiel, alle diese Spaziergänge, dieses Musikhören, Dichten, Instheatergehen, Reiten, Fahren, Schwimmen, dieses Träumen und Emporsehnen, dieses Kindermachen, Güterspiel (so etwa werden sie das Arbeiten nennen), dieses Erfinden und diese Reisen, das Fliegen nicht zu vergessen – das hat doch alles keinen Sinn? Es ist ja doch kein Bewußtsein da und keine Freude, die bleibt. Es schwindet ja doch alles. Wir sind ja ganz einfach Tiere, die aus der Art geschlagen sind, weil wir nicht blos leben, sondern auch das Leben beobachten und etwas vom Leben wissen, weil wir nicht blos sterben, sondern den Tod im voraus kennen und sterben können, wann wir wollen. Der Selbsttod (denn das Wort Mord würde längst vergessen worden sein), der freie Tod, der ist eigentlich, was uns wesentlich trennt von allen andern Tieren. Beendigen wir doch also so rasch als möglich diese lächerliche Komödie, die zu gar nichts führt, aber auch zu gar nichts. Töten wir uns doch; töten wir uns, aber rasch, so bald als möglich, gleich jetzt; der ewig wiederholte Unsinn ist ja so fürchterlich langweilig! Was sagt ihr dazu, meine Freunde? Müßte es nicht so kommen? – Was? Was höre ich? Dieser Einwand von euch? Ihr sagt mir, so könnte es nie kommen, ihr verleugnet den Sozialismus, ihr glaubt, es ginge anders, ihr wähnt, es gäbe irgend etwas anderes? O, das ist feige, sehr feige. Ich aber sage euch: der Sozialismus ist möglich, ohne Frage, und weiter sage ich euch: das ist eine hohe, sehr hohe Stufe des Menschen. Oder wollt ihr sagen, so wie der Mensch heute ist, sei er weniger veranlaßt, an den Tod zu denken, an den freiwilligen Tod? Ja, das ist möglich, das ist wahr. Aber ist dieser Zustand nicht noch viel ekelhafter? Und wenn er sich einmal tötet, nicht aus Philosophie oder Langeweile, was dasselbe besagt, sondern aus Notdurft, aus gemeiner Verzweiflung, ist das nicht ein niederträchtiger, unwürdiger Tod? Wenn aber der Sozialismus zu nichts führen kann, und wahrlich so ist es, als zum philosophischen Massentod der Menschheit, was haben wir anderes, größeres zu thun, als diesen Tod schon jetzt zu predigen mit tausend flammenden Zungen? –

Halt, meine Freunde, wohin? Und so wolltet ihr denn, wie ihr da seid, in die Welt stürzen, um den Tod zu predigen, als meine Jünger? Und ihr merkt ihn nicht, den Widerspruch, der mich kitzelt, so daß ich fast lachen müßte? Ihr seid mir noch viel zu flink, meine jungen und alten Gefährten. Aber ihr seid nicht die ersten, die sich von der Logik verführen lassen zu allerhand ernsthaftem Unsinn. Wahrlich, ich bedaure, daß ich euch mit der Logik in den Schlingen meiner Inkonsequenz gefangen habe. Aber ich will euch jetzt verraten, was mich lachen macht. Wie kann man denn den Tod – predigen? Ist es nicht dasselbe, als wollte ich den Tod – leben? Ist es nicht wahr, daß man den Tod nur sterben kann, wortlos, mit geschlossenen Augen, ohne Rücktritt? Gehn euch doch andre Menschen nichts an, warum wollt ihr sie verführen, statt sie in Ruhe zu lassen? Sterbet doch, meine Freunde, aber sterbe jeder für sich. Seid doch stille und macht mir keinen Lärm! Habe ich nicht recht?

Seht, was ihr doch für alberne Kopfnicker seid! Ihr gebt mir schon wieder Recht. Fast sollte ich jetzt über euch weinen. Warum bleibt ihr denn neben mir stehen, wenn ihr das nicht erlebt habt, was ich? Wenn euer Wahnsinn ein ganz anderer, einfacherer ist als der meine? Sehet doch, ich bin zum Tod noch gar nicht bereit, noch lange nicht. Ich habe noch meine Freude, nämlich eben meine Freude am Tod. Und darum rede ich meine Rede zum ganzen Menschengeschlecht, wer immer mich hören will oder mich zufällig hört, und zu spät sich anschickt, seine Ohren sich zuzuhalten. Ich habe meinen Spaß an den Menschen, die den Tod und die Todessehnsucht noch nicht kennen, es macht mir Freude, übermenschliche Freude, die Menschenmasse auszulachen und zu verhöhnen und dennoch zu ködern. Ich lebe noch, weil es mir Genuß bereitet, mit meinem Schmerze zu spielen und meinen Ekel in die Länge zu ziehen gleich einem zähen Teige. Ich liebe den Tod und darum lebe ich. Und außerdem bin ich ein abergläubischer Mensch, warum nicht? Es fröstelt mich, wenn ich daran denke, allein zu sterben. Es ekelt mir vor dem Gedanken, was die Menschen für dummes Zeug vermuten könnten, wenn ich einmal allein sterbe, wenn sie mich einen Selbstmörder nennten, die Unsinnigen. Ich liebe den großen Tod, ich will Gefährten und darum predige ich den Tod, weil das meinem Leben noch Reiz verleiht bis zum Ende. Aber ich werde sterben, meine Freunde, verlaßt euch darauf, ich werde sterben. Und das ist die einzige Zukunft, die ich noch anerkenne, und diese Zukunft, ja die soll zusammenfallen mit meinem Willen. Ich werde sterben, das heißt, ich will sterben, und nicht mehr: ich soll sterben. Verhaßt und gemein ist mir der Tod auf dem Strohsack, der schleichende Tod wider Willen. Diesem Tod habe ich abgesagt, ihn lache ich aus mit all meinem Gelächter, niemals werde ich diesen Tod des Ungeziefers sterben. Stimmet ein mit mir, stimmet hell ein, meine Freunde, in den Ruf: Es lebe der Tod!

Erschreckt nicht über meine entsetzliche Ehrlichkeit. Oder erschrecket ja. Denn ich bin nicht ehrlich um der Ehrlichkeit willen, und Wahrheit ist mir lange nicht mehr ein großes führendes Wort; ich bin es nur, weil es mir Vergnügen macht, in tausend Farben zu spielen und mich euch von allen meinen Seiten zu zeigen. Ich durchschaue mich selber und lache mich aus, wenn ich meine hintere Seite sehe und ich freue mich, daß ihr mein Vorderteil ernsthaft nehmt, obwohl ihr die Kehrseite meines Herzens geschaut habt.

Und überdies: ich kann Bocksprünge machen, so viel ich nur mag, wer mich versteht, der weiß, was ich meine mit dieser Schrift. Ich sage mich los vom Sozialismus, weil ich schwere vierschrötige Menschen nicht mag und weil ich das Leben nicht mehr ernsthaft nehmen kann. Und diejenigen, die mich fassen und mich gern haben, denen predige ich den Tod, und ich bitte sie bei all ihrer Liebe, mit mir zu sterben und also noch ein wenig zu warten, bis wir alle beisammen sind.