Er war der zweite Sohn des Schuhmachers Adam Starkblom und dessen Ehefrau Elisabeth und hatte die Namen Max Emanuel Karl Wilhelm erhalten; man nannte ihn Karl. Geschwister hatte er sieben: zwei Schwestern, Elise und Kathrine, und fünf Brüder: Adam, Justus, Leberecht, Friedrich und Johannes. Sein Vater hatte anfangs viel zu thun gehabt und die Familie gut erhalten können, war aber später durch sein phlegmatisches und beschauliches Temperament allmählich heruntergekommen und hatte sich, obwohl er früher äußerst nüchtern und zurückhaltend gewesen, nachdem er schon die Grenze des Mannesalters überschritten, dem Trunke ergeben. Er starb am Herzschlag, 64 Jahre alt. Dieser Lebensführung des Vaters entsprechend war die Erziehung der Kinder ausgefallen: Adam hatte seiner Neigung gemäß in ein großes Handelshaus in Hamburg in die Lehre treten dürfen und brachte es dazu, ein vermögender Plantagenbesitzer in Haïti zu werden, Karl durfte studieren, Elise besuchte die höhere Mädchenschule und heiratete, neunzehn Jahre alt, einen vermögenden Schlossermeister, Justus war beim Vater in die Lehre gegangen und besaß nunmehr eine kleine Schuhfabrik in Pirmasens, Leberecht war Branntweinbrenner, Friedrich Unteroffizier, Johannes war gänzlich verbummelt und schließlich vom ältesten Bruder mit nach Haïti genommen worden, von wo er aber bald auf einem englischen Kauffahrteischiff durchbrannte, seine Spur war verschwunden und er blieb verschollen; Kathrine endlich, die jüngste, war auf ein Operettentheater gegangen, wurde dann die Geliebte eines reichen Offiziers und endlich Straßendirne. Die Mutter war diesem letzten Wochenbett erlegen; kein Wunder, daß das hinterlassene Kind im Hause des blöden, trunksüchtigen Vaters nicht die beste Erziehung erhielt.

Karl hatte schon im Elternhause eine besondere Stellung eingenommen; er beteiligte sich nur ungern an den lärmenden Spielen der Brüder und Kameraden und ging am liebsten allein seiner Wege. Er war ein verschlossenes, träumerisches Kind, das nicht verstand, aus sich herauszugehen. In seinem neunten Jahre etwa fing er an viel zu lesen, alles was er im Vaterhause fand, aber wenn ihm etwas gefiel, las er es immer und immer wieder, sodaß er große Stellen der Romane, die ihm in die Hände kamen, auswendig wußte. Von seinem fünfzehnten Jahre an hörte er mit einem Male fast gänzlich auf mit dieser Art Lektüre und las nur noch wenig und planmäßig: die Klassiker, Bücher litterarhistorischen, religiösen und philosophischen Inhalts. Was er nicht verstand, legte er ruhig beiseite, was ihn ergriff, lernte er durch häufiges Lesen auswendig. Er schloß sich gern an die Schwester Elise und deren Freundinnen an und war bald unter seinen Brüdern und Mitschülern, die den blassen Sonderling nicht leiden mochten, als »Mädlesschmecker« verspottet. Bei Tisch und wenn er sonst mit Eltern und Geschwistern zusammen war, war er still und in sich gekehrt, beteiligte sich aber gern, wenn ihn ein Thema interessierte, am Gespräch der Alten und konnte da schon früh hitzig und vorlaut werden; er war darum verschrieen als altkluges, frühreifes Kind. In der Schule war er immer unter den Ersten, da er sehr schnell auffaßte und ein gutes Gedächtnis hatte, doch arbeitete er wenig. Seine Lehrer konnten ihn nicht leiden, einigen war er verhaßt. Er meldete sich selten, wenn etwas gefragt wurde, wußte aber fast stets Bescheid und antwortete kurz und klar. Nur manchmal hatte er vor sich hingeträumt und stand dann ruhig und blaß da, ohne den Mund zu öffnen. In seltenen Fällen ward er lebhaft, meldete sich, trug warm, ja manchmal feurig vor, was er wußte, oder meinte; ja einige Male hatte er es gewagt, dem Lehrer zu widersprechen.

Noch bevor er sechzehn Jahre alt war, stand es ihm völlig fest, daß er Philosophie studieren und das Rätsel der Welt ergründen wolle. Am Ende des vorletzten Schuljahres jedoch schon kam er allmählich davon ab. Sein kluges Auge sah, wie rasch der Vater herunterkam, und es leuchtete ihm ein, daß er einen praktischen Beruf ergreifen müsse. So antwortete er von da ab ruhig auf alle Fragen, was er studieren wolle: Jurisprudenz, und dabei blieb er. Sowie er sich dazu entschlossen hatte, sah er kein philosophisches Buch mehr an, beschäftigte sich eifriger als früher mit den Schulaufgaben und suchte auch jetzt schon für Fragen des täglichen Lebens Verständnis und Interesse zu gewinnen. Er machte ein gutes Abgangsexamen und bezog, etwas über achtzehn Jahre alt, die Universität.

Freundschaft hatte er erst in seinen letzten Schuljahren, als seine Neigung zur Philosophie hervortrat, kennen gelernt. Vorher hatte er kein Bedürfnis nach Umgang gehabt. Jetzt drängte es ihn, Meinungen, die ihn originell und sogar tief dünkten, teilnehmenden Freunden vorzutragen und im Gespräch auszuspinnen. Es fand sich so eine Anzahl hochstrebender junger Menschen zusammen, von denen indeß, wie es häufig zu gehen pflegt, die meisten in der Schule nicht recht mitkamen. Anfangs bildete sich eine förmliche philosophische Gesellschaft, in der aber auch dem Bedürfnis der Jugend zu dichten und das Geschaffene mitzuteilen und loben zu lassen Genüge geschah; sie organisierten sich als Verein und gaben sich eigene Statuten. Später indessen zog sich Karl, der schon von früh an mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit eine alte Haut, die ihm nicht mehr anstand, abwarf, ganz davon zurück und verkehrte nur noch mit dreien der Genossen, intim nur mit einem, und selbst diesem vertraute er seine geheimsten und kühnsten Gedanken und Pläne nicht an. Anfangs schrieb er seine Ideen tagebuchartig nieder, einiges wenige arbeitete er in größerem Umfang aus; auch das gab er auf, sowie er einsah, daß seine Meinungen sich zu rasch änderten, daß er noch keinen festen Standpunkt gewinnen könne; von da an verfolgte er kaltblütig und mit einer gewissen eigenen Neugierde die Vorgänge in seinem Hirn und hielt meist auf seine neuen Gedanken nicht besonders viel, weil er wußte, wie schnell die alten sich bisher immer verflüchtigt hatten.

Nachdem er sich entschlossen hatte, Jurist zu werden, zog er sich von den wenigen Freunden, denen er geblieben war, mehr und mehr zurück; einmal wollte er nicht in Versuchung geraten, sich allzu tief mit der Weltweisheit einzulassen, dann auch wollte er es nicht mitansehen, wie sich auch in ihnen die Wendung zur praktischen Thätigkeit und zum bürgerlichen Beruf vollzog. Wenn zwei dasselbe thun, ist’s nicht dasselbe, dachte er; was er, soweit es ihn betraf, heroisch nannte, kam ihm bei allen andern verächtlich vor.

Er wurde ein fleißiger Student, der fast nur mit Fachgenossen, die er im Kolleg kennen gelernt, verkehrte und sich von den geselligen Vergnügungen geflissentlich zurückhielt. Erst hier, in den praktischen Übungen an der Universität und in den Gesprächen mit den Bekannten am Biertisch und auf der Bude, ward es ihm zur unumstößlichen Gewißheit, daß er mehr sei als der Durchschnitt seiner Umgebung. Er dachte klarer, beurteilte alles von höherer Warte, faßte Zusammengehöriges aus entfernten Gebieten zusammen und konnte seiner Ansicht geläufig und elegant Ausdruck geben. Jedoch beschäftigte er sich auch jetzt fast ausschließlich mit seinem Fach, besonders allerdings mit theoretischen Problemen, interessierte sich aber mehr als gewöhnlich üblich schon jetzt für Detailfragen. Bei dieser intensiven Bethätigung in der trockenen Wissenschaft aber fuhr es ihm mehr als einmal durch den Kopf: »Wartet nur! ich bin noch der Alte! Noch ist nicht aller Tage Abend! Wohl treibt mein Bewußtsein jetzt keine Weltweisheit und kümmert sich um nichts als Jurisprudenz; unter der Schwelle aber arbeitet es weiter, mir selber nicht bewußt; und finge ich jetzt an zu philosophieren, meine alten phantastischen Unerfahrenheiten wären verschwunden und neue Gedanken kämen mir angeschwommen, ohne daß ich wüßte, woher. Wartet nur! Er ist noch nicht tot, der Prediger in der Wüste! Und wenn er auch spät wieder erwacht, er kommt zu seiner Zeit!« Dann vertrieb er diese Ahnungen wieder, beugte sich über seine dicken Bücher und ochste bis tief in die Nacht.

Im letzten Jahre jedoch seiner Studienzeit, wo andere Studenten gerade anfingen, ernstlich zu arbeiten, klappte er seine Bücher zu und machte eine Pause. Er hatte das Gefühl, nun sei ein Abschnitt erreicht und für’s Examen wisse er jetzt schon völlig genug. Für kurze Zeit erwachte in ihm ein neuer Mensch: er ward gesellig, heiter, harmlos, lebensfroh und lernte auf einmal das Plaudern. Er nahm jetzt Tanzunterricht, verliebte sich dabei in ein hübsches Mädchen und verlobte sich heimlich mit ihr.

Indessen hörte diese Weltläufigkeit bald wieder auf; er wurde wieder der alte stille geruhsame Mensch, der sich in Gesellschaft nicht wohl fühlte, nur ernstes zu reden verstand, alles von seiner tiefen Seite nahm und den Plauderton wieder gänzlich verlernte. Dann kam das Examen, das er glänzend bestand.

Nunmehr diente er sein Jahr ab, beim Infanterieregiment seiner Vaterstadt. Jetzt untersagte er sich jede geistige Thätigkeit; er war nur Soldat; im Innern mürrisch und kalt, äußerlich streng diszipliniert.

Dann ward er wieder mit allen Kräften Jurist, es kam die Praktikantenzeit und dann das zweite Examen und das allmähliche Emporklimmen an der Leiter der Beförderungen. Schon als Student war er entschlossen gewesen im Staatsdienst zu bleiben und Richter zu werden.