Als er 36 Jahre alt war, konnte er es nach sechzehnjähriger treuer Brautschaft wagen, sein Lorchen zu heiraten und einen Hausstand zu gründen. Es ging immer noch knapp genug her beim Herrn Amtsrichter, und es hätte auch jetzt noch nicht reichen können, hätte er es nicht endlich über sich gebracht, eine nicht ganz unbedeutende Summe von dem Bruder Adam, dem es damals in Haïti schon recht gut ging, nach öfterem Anbieten von Seiten des treuen Menschen, leihweise anzunehmen.

Die Ehe schien eine äußerst glückliche werden zu sollen; war Karl ruhig und ernst, so war Lorchen ruhig und heiter; sie hatte einen ungemeinen Respekt vor dem Geiste ihres Mannes und war doch fähig und willig, ihn zu verstehen und mit ihm zu reden über das, womit er sich beschäftigte. Das war freilich auch jetzt fast nur die Rechtspflege, und nunmehr meist Fälle aus der Praxis, deren Konsequenzen er zu ziehen pflegte. Mit anderen Dingen gab er sich nicht viel ab; ein wenig interessierte er sich für Kunst und Theater, selbst mit Politik sich ernsthaft zu beschäftigen, hatte er noch nicht die Zeit gefunden. »Wartet nur! jetzt bin ich ein alter Mann! aber ich werde noch einmal jung!« So pflegte er auch jetzt wieder zu sagen.

Bald aber begann das Unglück und ließ mit zäher Beharrlichkeit nicht nach, bis es das Äußerste erreicht hatte: das erste Kind, ein Mädchen, starb, nachdem es zwei Tage kümmerlich gelebt hatte; das zweite, wieder ein Mädchen, starb nach drei Monaten an der Lungenentzündung; und das dritte Wochenbett bettete Mutter und Kind, diesmal wäre es ein Knabe gewesen, in den Tod.

Nach fünfjähriger Ehe stand Karl Starkblom wieder allein auf der Welt. Äußerlich blieb er ruhig wie er war. Aber bei Tag und Nacht ließ ihm die Frage keine Ruhe mehr: »wozu nun noch arbeiten? wofür jetzt noch leben? warum jetzt noch dein eigentliches wahres Geisterleben unterdrücken? jetzt wäre es Zeit, höchste Zeit!«

Als wollte das Geschick durchaus keinen Zweifel aufkommen lassen, wohinaus es wolle, fügte es nach Verlauf von dreiviertel Jahren einen weiteren Todesfall hinzu: der Bruder Adam in Haïti starb plötzlich am Fieber; sein gesamtes bedeutendes Vermögen hatte er dem geliebten Bruder Karl testamentarisch vermacht.

Als Starkblom in den Besitz dieses Vermögens kam, war er gerade zweiundvierzig Jahre alt. Seit knapp drei Jahren war er Landgerichtsrat. Nunmehr sagte ihm sein kleines Seelenteufelchen: »Halt Mann! Umspannen!« Er kam um Urlaub ein und zog sich in ein freundliches Städtchen am Fuße des Schwarzwalds zurück. Kurze Zeit darauf nahm er nach reiflichem Überlegen seinen Abschied.

Seine Kollegen machten hinter seinem Rücken bitter höhnische Bemerkungen über den unerhört frühen Rückzug Starkbloms; jetzt war er erkannt. Bisher freilich hatten ihn alle, die er überflügelt hatte oder zu überholen drohte, für einen ehrsüchtigen Streber erklärt; das hinderte aber durchaus nicht, nun zu behaupten, das sehe ihm völlig ähnlich, das sei von ihm zu vermuten gewesen: er sei eben ein ganz pflichtvergessener Mensch, dem es nur um möglichst schnellen Gelderwerb zu thun gewesen, und vermutlich sei er im geheimen ein roher Genußmensch; die große Erbschaft sei ihm recht zupaß gekommen. Jetzt konnte er seinen Vergnügungen nachgehen, ohne mehr arbeiten zu müssen. Nun zeigte der hochnäsige Herr seinen wahren Charakter; aristokratisch hatte er immer gethan, aber seine gemeine Herkunft konnte er nicht verleugnen.

Was hätten diese Herren für dumme Gesichter gemacht, wenn er ihnen seine wahren Gründe anvertraut hätte: daß er einen anderen Beruf in sich fühle, als zeitlebens Richter zu sein, daß er seinen Geist und die Bestrebungen seiner frühen Jugend jetzt voll und ganz auszuleben gedenke.

Sich selber ausleben – das war sein Ehrgeiz, an seine Jugend wollte er wieder anknüpfen. Was aber war er denn selbst? was steckte eigentlich in ihm? was war noch übrig von den Idealen seiner Jugend? Was konnte er der Menschheit bringen?

Er schaute tief in seine eigene Seele und fand, daß trotz aller äußern Ruhe der Kern seines Wesens Trauer und Weh geworden war. Und er merkte mit einem Mal, daß Jammer und Schmerz die ganze Menschheit und die ganze Welt durchzog.