Als er aus der Unschuld des Kindes langsam zum Manne erwachte, war er rascher als wohl sonst die Regel, über die verzweiflungsvolle Zeit des Aufblühens der Sinnenwelt hinweggekommen; äußere Umstände waren schuld daran. Jetzt, da er ein reifer Mann war und alle Schmerzen und Wonnen, die der Mensch durchmachen kann, erprobt und gekostet hatte, stürmte eigenes Weh, philosophische Verzweiflung und soziales Elend mit voller Wucht und gleichzeitig auf ihn ein.

Es schien ihm, als habe er mehr als zwanzig Jahre geschlafen und dummes unverständiges Zeug geträumt, als er jetzt wieder ernstlich begann, über Menschengeist und Weltzweck nachzudenken und in der Welt umherzublicken.

Es fuhren ihm jetzt Gedanken durch den Kopf, er lebte jetzt in ganz eigentümlichen Stimmungen, wie er sie nie gehabt seit langer Zeit, und doch war es ihm, als habe er das alles genau so, selbst unter denselben kleinen äußerlichen Umständen, schon einmal gedacht und empfunden, vor langer, unendlicher Zeit, vor mehr als tausend Jahren wohl.

Dann kam es ihm, er solle wohl seine alten Tagebücher und Aufzeichnungen aus der Knabenzeit wieder vorsuchen, und er las eifrig darin. Gar manches verstand er nicht mehr, vieles mißverstand er und legte ihm einen ganz andern Sinn unter, als er damals gewollt; einiges aber fand er schon fast genau in derselben Art gedacht und ausgesprochen, wie es ihm jetzt als neue Wahrheit aufgegangen.

Ihm grauste vor sich selber; der Student und der Richter, wie hatte der denn nur je sein können? wie hatte er daran sein Genügen finden können? Und eine stille Freude überkam ihn, daß er wieder jung geworden war.

»Der Menschheit will ich meine Dienste weihen; ein neues Wort will ich sprechen, das noch keiner gesprochen hat.« So hatte er als Sechzehnjähriger geschrieben und so wollte er jetzt wieder. Die Kraft fühlte er in sich. Er war mehr als die andern, er wußte es sicher; noch keinen hatte er getroffen, der ihm gleichkam.

Er beabsichtigte, vorerst in dem kleinen sonnigen Städtchen, wo er gegenwärtig weilte, zu bleiben. Die Einsamkeit sollte ihm wohlthun. In sich selbst wollte er sich versenken, auf sich selbst sich besinnen. In die Natur wollte er sich wieder einleben und sich verjüngen im frischen Waldesgrün, seine poetische Phantasiethätigkeit, die er zu so langer Ruhe verurtheilt hatte, erwachte jetzt wieder aus ihrem dumpfen Schlafe. Dem Vogelsang wollte er lauschen und das Sonnenlicht einsaugen.

Eines Morgens ging er bei heiterkühlem Frühlingswetter den Fluß entlang zur Stadt hinaus, thalaufwärts. Er liebte diesen Weg besonders. Zur Seite hatte er Anhöhen und vor sich Berge von immer neuer Gestalt und Färbung, da die Straße in langsamer Krümmung das Gebirge vermied. Rechts war der Fluß, jenseits saftige Wiesen und weiter entfernt wieder Berge, die mit dunklen Tannenwaldungen bestanden waren. Blickte er sich um, so sah er die Stadt mit ihren hohen Schlöten hinter sich liegen; die abgebrochenen Schläge des Kupferhammers vor der Stadt, an dem er vorhin vorbeigegangen, drangen leiser und leiser zu ihm. Sein Sinn war fröhlich und unternehmend; seine Gedanken abgerissen und hüpfend, er träumte mehr als er dachte. Am frühen Morgen war ein starkes Gewitter niedergegangen, das erste des Sommers. Noch immer schoben die abziehenden Wolken an der Sonne vorbei und verdunkelten kurze Zeit das Thal. Doch bald wieder schwanden die Schatten und er schritt fröhlich vorwärts.

Nachdem er eine schwache Stunde gegangen war, sah er etwa in der Mitte des Berges, der hinter der Krümmung des Flusses gerade vor ihm emporstieg, auf einem Vorsprung ein weiß schimmerndes schloßartiges kleines Haus liegen. Es grüßte ihm freundlich entgegen mit seinem weißen Verputz, seinen hell blinkenden Fenstern, seinem roten Ziegeldach und dem kleinen mit Schiefer gedeckten Türmchen an der linken Seite.

»Da wäre gut wohnen,« dachte er.