Er ging noch etwa eine Stunde, dann kehrte er auf einem andern Wege, der über die Anhöhen führte, zurück.

Mittags beim Essen erzählte er seinem Nachbar, dem Stadtbaumeister, von seinem Ausflug und von dem Schlößchen, das ihm so sehr gefallen hatte. Der sagte ihm, das weiße Haus, so nannte man es, stünde schon seit einem halben Jahre leer, da der Besitzer nach Wien gezogen sei. Liebhaber sei keiner da, da es für die Fabrikanten der Stadt und die paar andern, die noch etwa in Betracht kommen könnten, zu entlegen war. Und Fremde besuchten ja bekanntlich trotz der reizenden Umgebung die Stadt kaum, die als Fabriknest verschrieen war.

Starkblom war rasch entschlossen. Noch am selben Mittag besuchte er den Rechtsanwalt, der die Angelegenheit für den Weggezogenen in Händen hatte und nach Verlauf von wenigen Tagen war das Geschäft abgeschlossen.

Starkblom war im Besitz des weißen Hauses und die nächsten Wochen schon verwandte er darauf, seine Möbel kommen zu lassen und einige neue zu kaufen. Einen Teil der Zimmer richtete er nicht ein, weil er Raum für eine Bibliothek lassen wollte. Eine Sammlung erlesener Bilder schwebte ihm für die spätere Zukunft vor.

Eine ältere Frau, die er gedungen, sollte ihm kochen und Wirtschaft führen.

Am 1. Juli bezog der neue Schloßherr das weiße Haus und er erschrak gleich nach den ersten Tagen, sowie er sich angewöhnt hatte, über die erbärmliche Beschäftigung mit nichtigem Tand, der er sich in den letzten Wochen hingegeben hatte. Das wurde von jetzt ab anders. Nur Großes und Tiefes sollte ihm zuschwimmen mit den klaren Wellen des Flusses, der am Fuße »seines Berges« langsam und ruhig dahinfloß.

Er bestellte in der Hauptstadt eine große Zahl Bücher, in die er sich in den nächsten Wochen vertiefte. Er merkte bald, als er sich mit Liebe seinem Studium und seinem Sinnen hingab, daß es besser sei Bücher zu haben als eine Bibliothek und noch besser Gedanken als Bücher und noch besser Erleben als Denken. An Gedanken mangelte es ihm nicht, und was das Erleben anging, nun – er hatte ein ganzes reiches Leben hinter sich und gern vertiefte er sich in seinen Erinnerungen darein als in etwas völlig abgeschlossenes.

Er gedachte seines Vaters, dessen Lebensende sich so jammervoll gestaltet hatte; gar wohl aber erinnerte er sich noch an seine frühere bessere Zeit, wie er als gedankenvoll auf seinem Schusterstühlchen saß und mit seinem beschränkten Geiste über tiefe Probleme seine Weisheit zum besten gab, eine mürrische, unzufriedene Weisheit, die die Farbe der grauschwarzen Wichse an sich hatte, mit der er seine Stiefel schmierte … Dann die Mutter … an die war nicht viel zu erinnern. Das war eine arbeitsame Frau, die ihr Bündel Not und Kummer mit Ergebung trug nachts und tags über mit Raunzen und Brummen und Schelten. Sie hatte nie viel Zeit für ihre Kinder übrig gehabt und für den früh einsamen Karl erst recht nicht. Die rechte Liebe zur Mutter hatte er nie kennen gelernt und bemühte sich auch jetzt nicht sie zu erwecken. Die große zärtliche Liebe zum Vater war ihm geblieben und seiner gedachte er stets mit Wehmut. Glaubte er doch jetzt, wo er über alles grübelte und sein eigenes Wesen nach allen Richtungen zu zerfasern und aufzudecken suchte, viel von seinem nachdenklichen Geiste und seinem ruhigen Äußern geerbt zu haben, abgesehen von den kleinen Zügen in Gang und Haltung.

Die Brüder, die noch in Deutschland wohnten, zum Teil ganz in der Nähe seines neuen Wohnortes, waren ihm aus dem Gesicht entschwunden und er nahm kein Interesse an ihrem Leben. Oft gedachte er mehr mit freudiger Dankbarkeit als mit Schmerz des verstorbenen Adam, dessen Testament der letzte Anstoß gewesen war zur neuen Blüte seines innern Menschen. Er war ein urtüchtiger Mensch gewesen von mächtigem Körper, umfassendem Blick für sein Geschäft und großer Energie; dabei soweit es anging voll Interesse für geistige Dinge. Aber eigentümlich – so oft seine Gedanken sich Haïti zuwandten, immer war es der schwach umrissene Schatten eines Menschen, den er sich bemühte vor sich zu sehen und der ihm doch immer wieder nebelhaft zerrann. Sein jüngster Bruder, der verschollene Johannes wollte seine Wiedergeburt feiern in seiner Liebe. Ihre Wege in der Kindheit waren weit auseinandergegangen, der Sinn des Spätgeborenen war vielfach nur äußerlichen Dingen zugewandt gewesen; aber Starkblom ging es jetzt auf, was ihm die ganze lange Zeit nie eingefallen war: es war ein glänzender, strahlender Geist in diesem schmiegsamen Leibe, der da auf Irrwege geraten und vielleicht für immer für sich und die Menschen verloren war. Starkblom entsann sich jetzt der philosophischen Stunden der Primaner, wo der braunlockige Knabe manchmal ins Zimmer gehuscht war und mit mancherlei Ulk und kindischem Gethue die furchtbar ernsten Abgrundsgedanken der grübelnden und Pläne türmenden Jünglinge gestört hatte, bis er mit einem Mal eine Bemerkung dazwischen warf, von der man immer noch nicht recht wußte, war sie kindliche Einfalt oder geniale Improvisation. Der wilde Hans – was mochte aus ihm geworden sein? Ob er wohl noch lebte? Starkblom schien es, er müsse ein kühner Mann und ein eisklarer Geist geworden sein, wenn er nicht gänzlich zu Grunde gegangen; ein Mensch, nach dem er sich sehnen konnte in düsteren einsamkeitsschweren Stunden, ob auch schon seine Gestalt nur unklar und verschwommen vor ihm schwebte.

Die Erinnerung an sein treues Lorchen rief er selten ins Bewußtsein herauf. Desto öfter gedachte er seiner drei Kinder, die so kurz gelebt hatten. Eigentliche Liebe für die seltsamen Wesen hatte er seiner Zeit kaum empfunden; ja des Knaben dachte er auch jetzt nur mit bitterer Empfindung. Aber doch war jetzt ein eigentümliches, der Liebe sehr nah verwandtes Gefühl in ihm: er hatte Kinder gehabt! Er könnte jetzt ein kluges fünfjähriges Töchterchen haben. Eine leise Sehnsucht nach Vaterfreude und Kinderspielen und Erziehungslust regte sich oft in ihm. Doch unterdrückte er das immer rasch. Er würde die Erde nie mehr bevölkern helfen, das wußte er; so mußte er denn der Menschheit in anderer Weise dienen. Er konnte sich Menschen denken, die von vorn herein auf Ehe und Kind verzichten und von Jugend auf ihren physischen Zeugungstrieb mit mächtiger Energie in einen rein geistigen verwandeln. Auch solche erfüllen ihre Pflicht gegen ihr Volk und die Menschheit, besser als die gewöhnlichen Väter. Und plötzlich überkam ihn auch da ein Grauen vor sich selber. Wie hatte er sich nur je wie ein ganz gewöhnlicher Mensch verlieben können und alle die Thorheiten mitmachen? Und heiraten? Und – und? Zeugen? rohesten Sinnengenuß suchen? jahrelang? Hatte ich denn das nötig? Durfte ich das? Entsprach das meiner wahren Natur? Nein, nein.