O warum hatte er sich denn nur je dem Joch des Eigennutzes und des Herkommens gebeugt? Wäre er doch ruhig und ohne nach rechts und links zu sehen, seine Bahn vorwärts gegangen, gleichgiltig ob er sein Ziel erreichte oder scheiterte! Hätte er sich doch ausgelebt; wäre er doch jung geblieben! O diese häßliche gewöhnliche eingeengte niederdrückende Zwischenzeit. Konnte er denn noch einholen, was er versäumt? Er mußte es einholen; er mußte denken, leben, wirken. Vorbild wollte er sein, Prophet … Erlöser – War er denn noch jung genug? Ja er glaubte an sich, er mußte ja an sich glauben; er wollte doch nicht verzweifeln? Er betrachtete sich im Spiegel und lächelte sich Mut zu; ja er war noch jung und frisch. Der Glanz seiner braunen Augen hatte noch nicht nachgelassen, noch hatte er den sprechenden, eindringlichen Zug um den Mund. Wohl waren die Haare an seiner hohen energisch vorspringenden etwas plebejischen Stirn ein wenig zurückgetreten; aber noch kein graues Haar war zu finden in seinem dichten, schwarzen Vollbarte.
Gewiß, gewiß, er war noch nicht zu alt; ihm war noch Frist genug übrig, um sein Werk zu vollenden. Und nun suchte er sich zu überzeugen, wie vorteilhaft im Grunde das lange Verstummen seiner Weisheit für ihn war, für ihn und die Welt, der er das Geschenk seiner Gedanken entgegentrug. Wäre damals, noch als er Schüler war, nicht die plötzliche Wendung gekommen, die ihn ins Philistertum getrieben hatte, was wäre vermutlich aus ihm geworden? Ein frühreifer, hitziger, unaufgeklärter Mensch, der seine jünglingshaften Ideen für unantastbare Wahrheit genommen hätte, ein intoleranter, fanatischer Sklave seiner Erstgeborenen, der seine eigene Zukunft noch vor dem Entstehen abgetrieben hätte aus feiger Rücksicht aufs Vergangene, aus erbärmlicher Liebe zu irgend einem gehätschelten Erfolg in der Gegenwart. Früh, vor der Zeit, hätte er sich verausgabt, und wäre dann wenn er sein erstes verheißungsvolles Wort gesprochen, mit leeren Händen und Taschen vor der erwartenden Welt dagestanden, die jetzt erst das beste hören wollte, was aber hätte er noch geben können? Ein besonderes, kaum denkbares Glück wäre es gewesen, wenn er nach langer Pause, die jetzt doch hätte kommen müssen, sich wieder gesammelt hätte zu neuer Weisheit; aber ob man ihn dann noch hören wollte – wer hätte es wissen können? Nein, nein – besser in der Jugend gelernt und geschwiegen, und geredet als Mann.
Ihn dünkte, er brauche sich jetzt nur sorgsam zu besinnen auf alles, was er ohne besonders aufzumerken in seinem Leben gesehen, er brauche nur in Zusammenhang zu bringen die Gedanken und Stimmungen, die ihm die Jahre her über die Seele gehuscht, und die Weltanschauung, die er in seinem Herzen ahnte, stände klar und abgerundet vor seinem Geiste, sein Wille sei entschieden und seine Rede für die Menschen dazu. Er meinte, dann habe er ausgelernt, es bleibe ihm nur noch übrig, die Konsequenzen aus seinem Leben zu ziehen. Erst leben, dann lehren, das schien ihm das Motto zu sein für seine Aufgabe, das war die Grabschrift, die er sich im voraus verfaßte, und der erste Teil schien ihm vollendet. War es die lange Beschäftigung mit der Jurisprudenz, die ihm damals noch alles Komplizierte einfach, alles Verwirrte schön gesondert, alles Verflochtene auseinandergesträhnt erscheinen ließ, die ihn verleitete, den gährenden Most des ungeschiedenen Lebensdranges auf die durchsichtigen Flaschen kahler Abstraktionen zu ziehen, vorzeitig einzupressen und zuzupfropfen, weil die wilde Lust überzuschäumen, sich für einen Augenblick im Verborgenen hielt? Täuschte ihm der äußere Anstrich der Geistesruhe einen Gemütsfrieden, eine Herzenskälte vor, die er am Ende doch nicht besaß? Wähnte er, sein Wille allein sei jung geblieben, sein Geist aber besitze nicht mehr die Triebkraft und Verwandlungsfähigkeit der Jugend? Sein Herz sei gefeit gegen neues unerhörtes Erleben?
Solche Erwägungen konnten ihm damals nicht ankommen. Kalt und energisch sammelte er seine zerstreuten Erfahrungen und Ideen, um dann unter die Menschen zu treten und zu zeigen, was er war und wußte und wollte. Vorderhand führte er wirklich nur ein reines Leben im Geiste, das ganz unabhängig war von seinem völlig gleichmäßig verlaufenden einsamen Leben nach außen.
Immer auf sein bisheriges Leben zurückschauend, ließ er seine Weltanschauung sich weiter entwickeln, und lebte nur, um eben nicht zu sterben.
Manchmal aber hatte er Augenblicke, und sie kamen häufiger von Woche zu Woche, wo es ihm ganz grotesk und ungeheuerlich vorkam, daß er etwas besonderes sein wolle, daß er jetzt, wo er sich dem Alter näherte, sich über seine bescheidene Stellung erheben wollte, erheben über alle die anderen Mitmenschen. War er denn wirklich mehr als andere? Und wenn auch – wozu denn das alles? Was wollte er denn? Hatte er denn etwas zu sagen? Wäre es nicht besser, die Menschen zu lassen wie sie sind? Was ging ihn schließlich das alles an? In Ruhe und Zurückgezogenheit wollte er seinen Gedanken leben, und sich langsam dem Tode entgegengrübeln. Er war doch kein Weltverbesserer, war nicht geschaffen für das Auftreten in der Öffentlichkeit.
Denn schließlich – was war denn diese Welt? War denn da noch etwas zu bessern, oder auch nur zu ändern? Er lebte sich tiefer und tiefer ein in das metaphysische Gespinnst, seine Gedanken schienen ihm bald das einzig Wahre, die Welt war das Produkt seiner Sinne und seines Bewußtseins überhaupt. Lohnte es sich denn, an solchem trügerischen Schein ändern zu wollen, in eiteln Traum Vernunft zu bringen, die Gestalt einer Seifenblase zu verbessern? Die Formen mochten wechseln, der innerste Kern der Welt blieb doch derselbe und war unabänderlich.
Dann aber kam wieder neuer Zweifel über ihn: war es denn nicht verwegenste Überhebung, alles für Trug erklären zu wollen, nur damit seine Gedankenwelt wahr bleibe? Wäre es nicht bescheidener, die Welt vorerst zu lassen wie sie ist und an der Richtigkeit seines eigenen Denkens zu zweifeln?
So bohrte er sich gewaltsam tiefer und tiefer in Unzufriedenheit hinein und raubte sich vollends den Rest von Naivität und unfragsamer Lebensfreude, den er noch bis dahin besessen hatte. Schließlich hatte er oft Momente, wo ihm diese ganze Grübelei als dilettantische oberflächliche unersprießliche Kindereien erschien, hauptsächlich dem Bedürfnis entsprungen, einen Vorwand für seine Weltfremdheit und Beobachtungsfaulheit zu haben.
Ja, was wollte er denn auch noch in der Welt? So fragte er bald entschlossen. Mochten die anderen dahinleben, ohne zu fragen, mochten sie die Arbeit für ihren vom Weltenschöpfer gesetzten Lebenszweck halten und handwerksmäßig in engem Stall dahinvegetieren, bis sie starben – was lag ihm daran? Er empfand mehr und mehr einen tiefen Ekel vor bürgerlichem Beruf, vor unbewußtem dämmerhaftem Leben, vor Leuten, die nicht die Zeit hatten zu fragen, wozu?