Bald hatte er jetzt ganze Tage, an denen ihm alles lächerlich, fast verrückt vorkam. Wenn er gemächlich spazieren ging, halb nachdenkend, halb seine Sinne der Welt öffnend, mußte er sich immer wieder fragen: wozu denn aber in Drei-Teufels Namen das alles? Da rennen sie und hasten sie und alle arbeiten sie drauf los und einer verdrängt eifersüchtig den andern; zu welchem Zweck denn? was haben sie denn Großes vor Augen? haben sie sich denn überhaupt ein Ziel gesteckt? Hat auch nur jeder ein besonderes Ideal, das er heiß begehrt zu erreichen, oder arbeitet gar alles in schön verteilten Rollen auf einen Punkt hin? Von alledem schien ihm keine Rede zu sein. »Machen sie sich gar was vor?« murmelte er einmal vor sich hin, als er an einem Steinbruch vorbeikam, wo alles eifrig bei der Arbeit war. »Mir scheint wahrhaftig, das ist eine bunte Komödie, das alles! Wen wollen sie wohl täuschen?« Und so grübelte er weiter. Natürlich, jeder wollte dem andern vormachen, er habe ein Ziel, er wisse, wofür er arbeite, und jeder that, als glaube er dem andern. Dann kam er am Friedhof vorbei und da fiel ihm noch ein neues ein. Sich selber täuschten sie auch, und das war wohl die Hauptsache. Der Tod, der war es, der bestimmte ihr ganzes Leben, das was sie Leben nannten. Jeder machte möglichst viel Lärm, um sich nicht ans Sterben zu erinnern, und alle hegten wohl insgeheim die Hoffnung, an ihn komme die Reihe nicht, er brauche nicht ins Gras beißen. Und weil sie sich das doch nicht recht glaubten, betäubten sie sich durch lächerliche, ganz überflüssige Beschäftigung, und das nannten sie dann »leben«. War das nicht zum wahnsinnig werden? Wenn sie einsähen, daß alle ihre Arbeit ganz und gar überflüssig wäre, wenn sie sich zugeständen, es sei nicht der mindeste Zweifel erlaubt, daß sie alle mit einander, einer nach dem andern, sterben müßten, dann würden sie wohl ihr Maschinengerassel zur Ruhe bringen und ihr Handwerkszeug, die Requisiten der großartigen Komödie, unberührt an die Wand lehnen und – ja, wie denn? War es denn nicht überhaupt ungeheuer gleichgiltig, ob man jetzt stirbt, oder in zehn, zwanzig, fünfzig, siebzig Jahren? War denn die Zeit überhaupt etwas, das ernstlich in Betracht kam? Nein, nein. Nicht im mindesten. So viel er sich auch den Kopf zerbrach, er fand keinen andern Lebenszweck, als den Tod; auf den lief alles hinaus. Eine lächerliche Einrichtung in dieser verrückten Welt allerdings, daß man geboren wurde, um zu sterben, nur um zu sterben. Aber es war nun doch einmal so, und das beste mußte wohl sein, sich damit abzufinden und diese Erkenntnis zu verbreiten, damit jeder, der das eingesehen, möglichst rasch sein Ziel erreiche und stürbe.
Oder war es doch nicht so? War es ein ungeheurer Irrtum, eine großartige Stumpfheit seines Geistes, daß er, so lange er auch sein Hirn zermarterte, keinen andern Lebenszweck ausfindig machen konnte? Darüber mußte er sich eigentlich vergewissern. Er war doch nicht der einzig Vernünftige unter den Lebenden, aber er hatte doch noch keinen gefunden, dem diese schauerliche Einsicht so klar, so selbstverständlich und unabänderlich gewesen wäre. Er mußte sich doch erkundigen, was die andern eigentlich vom Leben hielten. »Was dünket euch vom Leben?« Er meinte, mit dieser Frage jeden Menschen überfallen zu sollen, den er antraf. Er blickte, wenn er in der Stadt war, den Leuten, die ihm begegneten, prüfend ins Gesicht, ob da wohl ihre Gedanken über ihr eigenes Dasein zu lesen wären, aber er fand nichts dergleichen. Ihre Mienen deuteten immer nur auf lächerliche täuschende Kleinigkeiten, Essen, Schlafen, Trinken, Spazierenfahren, Kirchengehen, Theaterbesuchen, Holz hauen, Kohlen fahren, Kessel heizen, Schuhe flicken, Hemden nähen, Strümpfe stricken, Kinder unterrichten, Gemüse kaufen, Waaren verkaufen, Wechsel einlösen, Häuser bauen, Steuern einziehen, Soldaten drillen, Gesetze machen, Reden halten – immer und immer nur die Maske, der Schein, die Comödie; nirgends, auf keinem Gesicht zu lesen das Ziel, die Sehnsucht nach dem Ziel, die Verzweiflung. Waren sie alle Narren und er der einzig Vernünftige; oder waren sie alle klug und er ein wahnsinniger Thor? Das hätte er gerne herausgebracht.
Diese Richtung hatten seine Gedanken genommen während der ersten Monate seines Aufenthaltes in dem weißen Hause. Die beschauliche Kälte seines Geistes war rasch von ihm gewichen, nachdem er sich erst wieder tiefer mit der Frau Welt und ihrer Weisheit eingelassen; eine unruhige, oft leidenschaftlicher Verzweiflung nahe Gemütsverfassung war Herr über ihn geworden. Das war besonders begünstigt worden durch seine gänzliche freiwillige Vereinsamung. Er hatte niemanden aufgesucht und Gelegenheiten vermieden, wo er hätte flüchtige Bekannte treffen oder neue Menschen finden können.
Jetzt, wo ihn eine Ahnung überkam, es könne ihm nicht schaden, wieder unter Menschen zu kommen, nun wo alles in ihm ins Wanken geraten war und er Genossen brauchte, die ihn stärkten und fortführten in anderes freundliches Gebiet des Denkens, brachte ihn der Zufall mit einem Freunde aus seinen ersten Jugendjahren zusammen, den er längst völlig aus den Augen verloren hatte.
Es war in den ersten Tagen des August, an einem schönen Nachmittag. Er hatte sich in die düstern Canzonen des Leopardi versenkt. Da brachte ihm die Haushälterin eine Visitenkarte. Der Herr warte außen, ob Herr Doctor zu sprechen sei. »Robert Wangaus, Fabrikant,« stand auf der Karte. Wangaus – Robert Wangaus – er mußte sich wirklich einen Augenblick besinnen. Dann schämte er sich, daß es ihm nicht gleich eingefallen war, wer den Namen trug, und daß er seit Jahrzehnten nicht mehr an ihn gedacht hatte. Ich lasse bitten, ich lasse bitten, antwortete er der Frau. Er war wirklich froh, einen Bekannten nach so langer Zeit wieder zu sehen, einen Freund aus seiner frühesten Jugend. So so, der war Fabrikant geworden. Also auch ein Berufsmensch, wie er selbst noch bis vor Kurzem. Ja ja, das war vorauszusehen. Er war begierig, wie er nun war. Es war einer von seinen intimen philosophischen Freunden gewesen, der Wangaus, ein kühner, phantasievoller Knabe.
Ein dicker Herr mit glatt rasirter Miene trat ins Zimmer, legte seinen Seidenhut auf einen Stuhl an der Thür und die rothbraunen Handschuhe darauf. Dann ging er auf Starkblom zu, der aufgestanden und ihm entgegengetreten war.
»Ich habe mich also nicht geirrt, Herr Landgerichtsrat, ich erkenne in Ihnen –«
»Aber Wangaus,« unterbrach ihn Starkblom, »natürlich bin ich der Karl Starkblom, wie Du der Robert Wangaus. Das freut mich recht. Bitte setz dich doch. Wir wollen doch das alte Du beibehalten, meinst du nicht? Wie ging dir’s denn immer? Du bist Fabrikant? Wohnst du hier? Bist du verheiratet? Bitte setz dich doch.«
In der nun folgenden Unterredung ergab sich, daß Wangaus Besitzer einer Goldwaarenfabrik am Orte war und mit seiner Familie – er war seit Jahren verheiratet – in der Stadt lebte. Er hatte schon vor mehreren Wochen von der Anwesenheit Starkbloms gehört, habe eigentlich gleich gewußt, daß er ein alter Bekannter vom Gymnasium her sei, habe auch schon früher kommen wollen, aber wie das nun so gehe, es habe sich eben verzögert, er komme zu nichts mehr, die Geschäfte, die Geschäfte, die Geschäfte –
»Ja ja, die Geschäfte,« wiederholte er noch einmal, indem er bedächtig ein paar Haare am Rande seiner Glatze zurecht legte. »Sie, Herr – entschuldige, ich muß mich erst wieder daran gewöhnen – du hast’s nun freilich gut. Das heißt, offen gesagt, ich wüßte nicht, was ich den ganzen lieben langen Tag treiben soll, wenn ich meine Arbeit nicht hätte.«