Wohl denen, die das Bewußtsein verlieren dann, wenn sie irre würden an sich! Heil den Epileptischen! Sie sind Propheten und Heilige und Heilande.
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Da, da, seht hin, da ist er, da kommt er! Schreitet er nicht wie ein Gott? Da ist er, da steht er in Mitten der tausendköpfigen Versammlung, hoch ragt er empor über alles Volk, Starkblom der Todesprediger! Seht ihr ihn, seht ihr? O jetzt schweiget. Es bedarf ja nicht der Ermahnung; alles lauscht atemlos, alles wird süß bestrickt vom Zauber seiner Rede. O wie er Macht hat über die Herzen der Menschen! Wie er sie bezwinget und in den Staub, auf die Kniee schmettert. Ehret den Tod! Seid in Treue gewärtig des Todes! Harret aus! Bald sollt ihr mit mir sterben den holden Tod in Größe und Freiheit. Dann hört ihr auf zu sein und das Häßliche, was Mensch hieß bisher, ist geschwunden aus dem schönen Bezirk der Göttin Natur. Ihr werdet heimkehren zur Unbewußtheit. Ihr werdet nicht mehr fragen, wozu. Die Thorheit des Zweckwahns ist gestorben mit euch. Eins ist wieder die Natur, alles ist schön, und nichts wird empfunden als eigene, eine Schönheit. Die Zeit ist gestorben mit euch, und Ursache und Wirkung lebt dann nicht mehr. Und auferstehen wird jubelnde Veränderung und zweckloser, sinnloser, farbenfroher, tönender Zufall! Sterbet, ihr Einzelnen, sterbet, damit der Wahn der Gesamtheit tot sei. Stirb, mein Bruder, damit alles aus ist, und lache im Tode derer, die an die unbedingte Entwicklung glauben und an den Fortschritt und wie die heiligen Wörter alle heißen. Sterbet, sterbet, werbet zum Sterben! Und weiter wälzt sich der Menschenstrom, und größer und größer wird die Masse der Todesfrohen. – Ha, wo ist er? Alles schwand meinen Augen? Ich erblicke nichts mehr. Ich höre nichts mehr. Ich liege auf dem Boden und stöhne und betaste meinen Leib. Wo ist dieser Starkblom? Starkblom, wo bist du?
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Sie haben überall, in allen Städten, die Statuen ihrer Fürsten und Heerführer auf den Marktplätzen von den Sockeln geworfen und mit den Stein- und Erztrümmern die Fenster der Schlösser und Paläste der Lebenden eingeschlagen. Und auf die Sockel haben sie kolossale Gerippe gestellt, vergötterte Todesgestalten, und sie haben ihre Kleider von sich geworfen und tanzen um das Bildnis des Todes, und jubeln und lachen und singen, und schmetternde Musik spielt rauschende Marschweisen. Allons enfants, allons nous-en! Und die Sonne scheint so golden herab wie noch nie, als wolle sie den Menschen die Lebenslust warm in alle Poren träufeln und ihnen zeigen, man könne auch nackt leben. Sie aber wollen sterben, und Starkblom, der fürchterlich-herrliche, tanzt den Todesreigen vor. Und abends, wenn es kühler und dunkler wird, da erwachen die Farben in feuriger Glut. Grün und rot und gelbe Tücher schlagen sie um sich in phantastischem Wurf, und unsagbar wonnig und feierlich flüstert und kost Musik von den Thürmen, und Kinder kommen aus allen Gäßchen und Winkeln gesprungen und schlagen Purzelbäume und springen über die Alten. Die aber setzen sich im Kreise und hören zu Märchen erzählen, Märchen vom Leben. Und leise schwirren die Winde fernher durch die Straßen und tragen süße Düfte mit sich aus weiten Gärten und Haiden draußen vor der Stadt. Und nun steht Starkblom in der Mitte des Kreises und erhebt seinen Gesang von der Wunderherrlichkeit der Zukunft dieser Menschenwelt, wie alles kommen könnte und kommen müßte, wenn sie nur wollten. Und am Schlusse kehren dann immer wieder die Worte voll brausenden Glückes: »Welch’ Herrlichkeit erdichten wir – welch’ schöne Welt vernichten wir – wir könnten sie erwerben – haha, haha, haha – wir aber sterben, sterben! Juh!« Und jubelnd fällt die Masse ein, und der Wind klappert im Gebein des Todenmannes, und die Posaunen gellen hoch oben aus den Lüften und das Gelächter der Menschenmenge schwillt empor wie ein bäumendes Meer und will nicht enden. Und ein stolzes hohes Weib tritt zu Starkblom in die Mitte und – oh, oh! Die elektrischen Lampen erlöschen, die Fanfaren brechen schrill ab mitten im Tone, ein schwarzes unendliches Tuch breitet sich über alles – Nacht, Nacht – nichts, nichts – wo ist das Weib? Wo sind die Menschen? Wo bleibt der Tod? Starkblom sitzt auf dem Sopha und stützt den Kopf in die Hände – es ist alles anders, alles so anders, o pfui, pfui, alles matt und gewöhnlich und niedrig und mittelmäßig. Wo bist du Größe, Größe der Gedanken, Größe der Erscheinung? Ich will schlafen, ich will nicht mehr träumen – o wenn ich weinen könnte, oder lachen, lachen – Aber nur nicht mehr dieses trockene Schluchzen, dieses Mittelding zwischen Weinen und Lachen. Alles zuckt an mir, doch ich kann nicht tanzen; ich ächze, o könnte ich singen! O ich kann’s ja nicht mehr aushalten – ich werde sterben, bald sterben. O pfui, pfui!
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Was ist ein Leben, wo die Ueberraschung fehlt und der Zufall und das Plötzliche und die Blindheit? Wo es eine Ueberlieferung giebt und eine Vermittlung und ein Rechnen? Ein Rechnen mit Gewesenem, ein Berechnen des Kommenden? O Natur, wie neide ich dir dein Glück! Seht diesen Wassersturz hoch vom Berge hinab in die Tiefe! Wie wandelt die Welle hier noch so friedlich, wie freut sie sich ihrer grünen Ufer und ihrer Blumen und Steine und plötzlich da – das Ereignis, das sie niemals geahnt! Sie stürzt hinab, tief, tief! O dieses Brausen und Schäumen, dieser Jubel des Nieerhörten und Niewiederkehrenden! Diese Seligkeit des Vergessens und des Entdeckens und des wieder Vergessens. Wie viele Wasser sind schon da hinabgestürzt und keine Woge hat es der andern gesagt, kein Papier verbindet die einzelnen Tropfen und trennt sie von ihrer eigenen Herrlichkeit. Aber bei uns – ewig Gewesenes! Wollen wir denn nicht endlich und endlich das Alte töten? Sind wir noch nicht altersschwach? Ich bin es, ich bin es – ich breche zusammen unter der Last des Vergangenen. O könnte ich alle Ueberlieferung töten, dann, ja dann wollte ich leben. Ich kann sie töten, wenn ich mich töte. Dann bin ich ein Teil der Natur – nein, nein, dann ist ich nicht mehr, dann ist sie, sie, die Natur! Ich hasse euch, weil ihr noch leben wollt, ihr Narren! Ich will noch nicht sterben, ich muß warten, ob ihr euch nicht doch noch entschließet, mit mir zu gehen, damit Mensch aufhöre zu sein. O ich würde nicht zu euch reden, wenn ich wüßte, wie ich euch morden kann! Euch alle zusammen! Ich will nicht, daß noch einer kommen muß nach meinem Tode, der dasselbe erleben muß. Ich will nicht. Ich will, daß mein Tod einen Sinn hat. Mir ekelt vor meinem letzten Gedanken. Mir ekelt vor dem Alleinsein.
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Das große Ereignis, das Starkblom immer verkündet hat, ist eingetreten. Die »Secte von Altersschwachen und übergeschnappten Lebemänner«, wie sich noch ganz kurz vorher radikale Parteiführer ausgedrückt hatten, hat die ganze civilisierte Welt erobert. Ein religiöser Taumel riß alle hin, die mit der Bewegung in Berührung kamen. Die große Arbeitermasse, die bisher dem Sozialismus gefolgt war, ist mit eins müde geworden der Hoffnung auf das Leben und hat eingesehen, daß ihre revolutionäre alles verneinende und umstürzende Leidenschaft wohl einen Grund hat und darum ihre Berechtigung, aber keinen Zweck. Sie haben eingesehen, daß nicht der Zweck d. h. der Wahn, das Recht schafft, sondern der Grund, und das ist in diesem Fall die Unterdrückung und die Hoffnungslosigkeit. Sie wollen sterben, warum nicht, sie wären ja doch gestorben, aber vorher wollen sie noch einreißen! Ist es Rachsucht, was sie treibt, ist es Wahnsinn, ist es Verführung? Wer weiß es und was liegt daran. Man denkt nicht mehr in dieser Zeit der taumelnden Auflösung, man genießt seine Leidenschaft und man handelt. Sie hören auf zu arbeiten, sie zertrümmern die Maschinen, die Armeen werden angesteckt und laufen auseinander, Männer und Frauen hören auf sich zu bekleiden und gehen nackt durch die Straßen, denn sie haben keinen Schnupfen mehr zu fürchten, es wäre doch ihr letzter. Die Staatsgewalt ist ohnmächtig und hört auf zu sein. Man raubt seine Bedürfnisse, der Vorrat ist groß genug für die kurze Zeit; fürchterliche Wildheit fletscht ihre Zähne und bricht überall aus und doch durchflutet die meisten eine Ahnung von der seligen Schönheit ihres bewußtlosen Thuns; Männer und Frauen umarmen sich auf öffentlichen Plätzen; wer dem andern ins Gehege kommt, wird ermordet, zahllose Einzelne und Paare sterben schon jetzt, die neugeborenen Kinder werden fast alle getötet.
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