Als die Dinge soweit waren, bekam Starkblom eines Tages einen heftigen Weinkrampf und am Tage darauf einen furchtbaren epileptischen Anfall, aus dem er kaum mehr erwachen wollte. Als er aber nach ein paar Tagen sich wieder erholt hatte, stellte er sich von neuem an die Spitze der Bewegung, soweit sie sich noch beherrschen ließ. Er wollte sich nicht täuschen lassen durch den anscheinend vollständigen Sieg seiner Sache; es war noch vieles zu thun. Er saß jetzt meist einsam oder umgeben von seinen Vertrautesten im stillen Zimmer und schmiedete Pläne oder hielt Kriegsrat. Es konnten sich in später Zukunft aus den wilden Völkerschaften, die noch nicht ergriffen waren, auch wieder civilisierte Menschen entwickeln. Das durfte nicht sein. Er schlug vor, einen gewaltigen Kriegszug auszurüsten, zunächst ins Innere Afrikas. Einer seiner Jünger aber meinte, das halte zu lange auf. Man solle Prediger hinschicken. Die Idee des Todes sei so einfach und überzeugend, daß auch diese rohen Menschen sie verstehen müßten. Einstweilen müsse man in Europa mit dem großen Tode beginnen. Sonst verflache die Bewegung wieder. Es müsse jetzt gehandelt werden.
Aber wie es mit den hochentwickelten Tieren sei, wandte ein anderer ein. Sie haben das Selbstbewußtsein, täuscht euch darüber nicht. Wäre es nicht ekelhaft, wenn wir sterben würden und müßten diese am Leben lassen. Hunde, Pferde, Ameisen, Bienen, diese vor allem müßten mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden.
O all unser Thun ist nur Stückwerk, seufzte da ein ganz junger Mann, der bisher fast am leidenschaftlichsten in der Bewegung gewirkt hatte. Ich fürchte, auf dem Mars leben auch denkende Wesen. Die können wir auch nicht erreichen. Wir wollen jetzt sterben, aber alles was wir möchten, können wir doch nicht ausführen. Nicht bloß die Menschen, nicht nur die Tiere, nicht nur diese Erde, nein, die ganze Natur, die Welt müßten wir zerstören können. Und können wir das?
Verfluchter Verräter! Treuloser! schrieen die andern. Du beschimpfst unsre gute Sache. Und sie drangen mit erhobenen Fäusten und blanken Schwertern auf ihn ein.
Da lachte der Jüngling wild auf. Haha, haha! Ihr wollt mich töten, ihr Todesfrohen? Laßt mich doch leben, das wäre die rechte Strafe! Aber ihr mahnt mich recht, ihr Narren. Wenn ich tot bin, dann ist auch die Welt tot – für mich. Was liegt mir an euch?
Und er ging ins Nebenzimmer, wo ein wunderschönes fünfzehnjähriges Mädchen schlief, totmüde von dem wilden Toben dieser Tage. Er weckte sie rasch, riß die Schlaftrunkene an sich und umarmte sie stürmisch. Dann riß er das Fenster auf, umschloß sie eisern mit seinen Armen und beugte sich weit vor. Ein heftiger Schlag, und die Leute unten fanden zwei unförmliche Leichen.
Starkblom schwamm es vor den Augen. Das war das bekannte Zeichen. Der Anfall drohte wieder. Doch ging es diesmal wieder vorbei: Kurz lachte er auf. Der Mann hat recht. Es ist bald Zeit für uns. Die andern mögen für sich selbst sorgen.
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Graut euch vor mir und meinem Doppelgänger? Ihr wendet euch mit Entsetzen ab vor den Ergüssen meines verrückten Hirns? Ich aber sage euch: ich preise diesen Starkblom, er hat das wahre Glück, er hat es schon vor dem Tode. Er glaubt an sich, wie der Kirschbaum an sich und seinen Blütenschnee glaubt, bevor der Frost kommt und seine Blüte verdirbt, wie die Lawine an sich glaubt, die krachend ins Thal hinabschmettert. Wußtet ihr nicht, daß die Natur grausam ist für schwächliche Zuschauer? Warum seid ihr auch Draußenbleiber, ihr winzigen Narren, mit eurem Denken und eurem Jämmerlein und eurer Moral und euren Hosen? – Starkblom der Erste ist heute wieder einmal fröhlich und guter Dinge, er ahnt den Zweiten in sich und ahnt den Tod und die Unbesonnenheit und Selbstverständlichkeit und den freien Wurf und die Kälte – die ihr Narren Unverfrorenheit zu nennen beliebt. Ich pfeife auf euch, meinetwegen könnt ihr immerhin leben, ihr belustigt mich! Laßt euch nicht einfallen zu verzweifeln und zu winseln und den Tod zu begehren und zu wähnen, ihr wäret mir gleich! Wer weiß – ob ich dann nicht leben will – um mein Gelächter noch eine Weile zu genießen?
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