Und immer mächtiger und mächtiger schwollen die Heere der Sterbenden an. Und auf einmal war das Vorpostengefecht aus, es knatterten nicht mehr an allen Ecken Europas vereinzelte Schüsse, ganze Städte sprengten sich in die Luft, und von allen Seiten wie auf ein Commando strömten die Landbewohner herbei und stürzten sich in die Flammen der brennenden Straßen und Wälder. Eisenbahnzüge über Eisenbahnzüge fuhren nach allen Richtungen hinaus – den Meeren entgegen, und bald waren nicht nur Tausende und Hunderttausende, nein Millionen und Abermillionen von Menschen versenkt in den Tiefen der Oceane. Die Haustiere wurden vielfach mitgenommen, sonst kümmerte man sich um nichts mehr. Starkblom blieb mit einem getreuen Stab von einigen Tausenden zurück in der Mitte Deutschlands und lenkte und berechnete die Bewegung. Er sandte seine Leute aus nach allen Seiten und bald konnten sie zurückkehren wie die Taube mit dem Ölzweig: nirgends mehr ein Mensch zu sehen. Da verließ er seine Umgebung mit einem Mal und reiste weg. Er war verschollen. Fieberhafte Aufregung befiel seine Getreuen. Schon murmelte man hie und da vom Verräter. Er wolle sie alle noch in den Tod treiben und dann am Leben bleiben ganz allein. Sie hatten unrecht – zunächst. Er wollte sich nur noch einmal satt sehen an der Erde. Und er sah sich satt. – Niemals in seinem ganzen Leben hatte er sich so selig, so erhoben gefühlt wie jetzt, da er ganz allein durch Thäler und Gebirge schweifte, die Ruinen der Städte und Dörfer sah und in die Lüfte emporjauchzte: Allein! allein mit der Natur! Dann aber schien ihn der wahnsinnige Gedanke wirklich anzufallen. Er näherte sich wieder dem Platze, wo er seine Gefolgschaft vermutete und eines Nachts schlich er sich in ihr Lager. Es schien ihm zu glücken was er wollte. Niemand sah ihn. Und er trat in das Zelt zu dem Weibe, das er suchte, und weckte sie. Dann flüsterte er erregt auf sie ein und hielt sie umfangen, an allen Gliedern zitternd. Und er schien zu siegen. – Sie folgte ihm. Sie flüchteten hinaus in die Einsamkeit, in ein wundersames Thal. Niemand hatte ihre Spur gefunden. Adam und Eva! jauchzte er, als sie allein waren und gerettet, wie es schien. Wir beide allein im Paradies – Sie mögen sterben, sie sollen sterben! Wir bleiben zurück und gründen ein neues Geschlecht. Wir wollen leben, wir schaffen ein neues, herrliches Leben, eins mit Natur und Vernunft. – Indessen wurden er und sie – denn man hatte ihre Flucht entdeckt und ahnte schlimmes – eifrig gesucht. Nach einigen Wochen aber stellte er sich freiwillig ein bei der Schaar seiner Freunde und zwar – allein. »Verzeiht mir, meine Freunde,« sagte er kurz und freundlich, »ich habe einen letzten Versuch gemacht. Doch auch der ist unmöglich. Das noch am wenigsten. Ich habe das Weib mit diesen meinen Händen erdrosselt. Nun wohlan, wir wollen sterben, ich bin bereit. Jetzt bin ich reif.«

***

Und sie zogen an die sonnigen Ufer des Rheins. Es war zur Zeit der Rebenblüte. Dort führten sie noch mancherlei wundersame Comödie auf, als trennten sie sich nur ungern von dem Gedanken an den Tod. Denn sie ahnten, wenn sie erst tot waren, hatten sie nur wenig Vergnügen davon. Starkblom war wieder aufgethaut und äußerst gesprächig geworden. »Was die Erde wohl ohne uns anfangen mag?« sagte er einmal. »Wir waren doch sicher ihre größte Unterhaltung. Ich hoffe, sie langweilt sich ohne uns zu Tode und stürzt in die Sonne. Vielleicht bringt das dann so große Unordnung in die Welt, daß alles durcheinander kommt und alles wieder zu eins wird und nichts mehr gesondert ist. Denn wisset, das will ich euch noch sagen: eins und nichts – das ist dasselbe. Die Besonderung und die Verschiedenheit erst hat Welt und Leben und Bewußtsein erzeugt. Ist die Welt erst eins, dann ist nichts mehr, dann ist das Nichts da, das absolute Nichts.«

Und dann stürzten sie sich hinein in die Fluten – allesamt. Und nach kurzer Frist war das Gelächter und der Gesang und das Angstgeschrei verstummt – denn einige schrieen auch – und menschlos war die Erde weit und breit. Der Rhein aber floß ruhig weiter, und bald kamen die Tiere des Waldes und spitzten die Ohren und tranken aus kühlen Gewässern, und grün umwucherte die Pflanzenwelt die ganze Erde und umspann die Trümmer der Menschenbehausungen, und ein Singen und Jubilieren der Vögel erhob sich wie nie zuvor, und die Blumen leuchteten und dufteten in süßer, nieerhörter Pracht, und die Bäume rauschten und erzählten es den Winden, und die Stürme heulten es weiter, und die Erde brauste klingend ihre Bahn dahin: er war tot, er war tot! der große Peiniger!

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Und jetzt greife ich mir an den Kopf und der geneigte Leser thue desgleichen. Beruhige er sich, er lebt noch, und ich werde ihn auch nicht ermorden. Ich aber bin Starkblom, nicht Starkblom der Todesprediger und nicht Starkblom der Epileptische – bloß Starkblom der Erste, Starkblom der Leidende und Starkblom der Sterbende. Ja, ich werde sterben, ihr werdet nichts mehr von mir hören. Und so wünsche ich euch denn zum letzten Male ein herzliches Sterbewohl.

Karl Starkblom.

Fünfter Abschnitt.