Ein Festtag. Verlassen steht heute die riesige Produktionscentrale mit ihren ungeheuren Anlagen, in der die Knaben und Mädchen, die Männer und Frauen der weiten Gegend sonst ihre Vormittage verbringen. Früh morgens schon verließen die Menschen heute ihre Villenkolonieen, um in kleinen Gruppen auf ihren Dampfwagen und elektrischen Kutschen unter Gesang und Musik nach den weiten Versammlungsstätten zu fahren. Dort zerstreuen sie sich in den Kunsthäusern und Wissenschaftshallen, den Spiel- und Tanzplätzen und wieder andere erquicken sich an Wein und Speisen. Später, gegen Mittag, füllt sich dann der große Versammlungsplatz, und hier werden öffentliche Dinge besprochen und erledigt, neue Erfindungen und wissenschaftliche Aufstellungen werden mitgeteilt und oft bekämpfen sich die Vertreter gegensätzlicher Meinungen scharf und entschieden. Inzwischen haben die Knaben und Mädchen sich bei den Spielen getummelt und herüber hinüber in keckem Rufen und Haschen neue Bekanntschaften geschlossen. Nachmittags mag man sich wohl wieder in kleinere Gruppen trennen, man fährt und geht und schaut spazieren, man rudert auf dem Flusse oder man fliegt im Ballon oder sonstwie in die blauen Lüfte hinauf. Wenn die Sonne sich zum Untergang neigt, haben sich neue und alte Liebespaare längst gefunden und hie und da in Korn und Hecken liegen sie wohl in traulichem Gespräch oder in heißer Umarmung. Abends wenn es kühl wird, bedecken die Menschen wohl ihre Nacktheit mit den Tüchern. Die Dunkelheit führt sie wieder enger zusammen auf dem breiten Rasen, dem hie und da manchmal Leuchtkugeln und Raketen entfliegen. Im übrigen denkt man heute und meistens nicht daran, den Tag künstlich zu verlängern, man ist froh, daß das Dunkel seine blauen Fittige um die Erde schwingt. Feierlicher und erhobener werden nun die Gespräche und die Gesänge, und nun erheben sich auch nicht mehr gesehen die Dichter in der Menge und tragen ihre neuen Werke, die ihnen in den Mußestunden gediehen, zum ersten Mal vor und alte vielbegehrte wiederholen sie manchmal mit neuen reizvollen Wendungen geziert. Tief in die Nacht hinein bleibt man so beieinander, bis man, wenn es warm genug ist, einschläft so wie man da ist, oder auch aufbricht, um die Behausungen zu erreichen.
So aber wird es ganz gewiß nicht kommen, sonst hätte es keinen Sinn danach zu streben!
Es kommt immer anders, und vielleicht sind auch die Gedanken, die mir innen in meinem Kopfe wohnen und wachsen, ganz andere als die sich mir hier im freien gestaltet haben. Ihr glaubt mir doch, daß ich noch die Kraft habe, manchmal unglücklich zu sein? Weh mir, wenn ich das nicht mehr könnte!
Ein sonderbarer Unheiliger hat mich jüngst besucht, meine Freunde, und als ich ihn deutlich besah, war es ein Teil meiner Selbst, das sich da vor mir aufgepflanzt hatte. Nur ein Stück eines Menschen war er und doch ein ganzer Kerl. Er sagte mir, der moralische Sinn in ihm sei längst und völlig erstorben, er habe nur noch ein Prinzip: wenn er von einer menschlichen Einrichtung nicht wisse, warum sie sei, bemühe er sich das Gegenteil zu thun, ganz zwecklos, nur aus Prinzip, zu seiner seltsamen Freude. Er wisse nicht, warum der Mensch nicht lügen und töten solle; Rücksicht auf Menschen kenne er nicht und Gott sei ihm nicht vorgestellt; also wolle er lügen und töten. Wenn man das Wort überhaupt anwenden wolle, das sei dann seine Moral: die äußerste Konsequenz seines Denkens zu ziehen. Es sei freilich schwer, vielleicht vollbringe er es auch nicht, aber dann wandelte ihn eine Art Scham an, obwohl auch das altmodisch sei.
Meine Freunde, ich habe euch in dieses harte Eisland geführt, um euch eine Grenze zu zeigen. Hier ist die Grenze des Begriffs und des Worts und der Logik. Wer bis dahin gekommen ist mit seinem Denken, der muß sich hier entscheiden: will er ein Kalter sein oder ein Warmer? Da ist das Land der eiskalten Sprache und Logik, und keine Widerlegung giebt es auf diesem Boden. Wer ihn betritt, der muß in den Spuren dieses Mannes wandeln, kein Ausweg zeigt sich ihm mehr. Wer aber nicht in diesen Wahnsinn frieren will, der kehre um und wende seinem Denken den Rücken, solange es Zeit ist.
Ich bin kein Moralischer, aber ich bitte euch doch: Seid nicht boshaft! Ihr seid auf einem falschen Wege zu weit vorgegangen; wollt ihr den rechten Punkt finden, so müßt ihr wieder ein wenig zurück. Ihr seid zu früh daran mit eurer nackten Vernunft. Es ist noch nicht Zeit, die Seele erfrieren zu lassen. Thut nichts, dessen Ende ihr nicht wenigstens ahnen könnt. Hütet euch vor der geistigen Bosheit! Seid lieber manchmal noch ein Tier!
Das ist es was ich von euch verlange, ihr Träumer und Denker: ihr sollt warm sein!
Und das heißt mir soviel als: Ihr sollt keine einzigen sein, ihr sollt euch gesellen, ihr sollt lebendig leben und den Tod dem Tod überlassen.
Ich will euch etwas sagen, meine Freunde, denn ich halte es nicht länger aus. Das Kichern und Lachen und Murren rauscht mir schon lange in den Ohren. Hinter meinem Rücken stehen zwei Arbeiter, und die lachen mich aus. Und eben sagte der eine zum andern:
»Der dumme Kerl! Was schwatzt er nur für verdrehtes Zeug? Das eine wissen wir längst, beinahe schon vor unserer Geburt, und das andere ist uns ganz und gar unverständlich, und wenn er es uns tausend Mal vorkaut. Wir haben keinen Magen für so gewürzte Speisen.«