Ihr sollt bekennen, ihr Dichter und Führenden, die Hand sollt ihr in die Lüfte recken zum Fluch über dies gemeine Geschlecht, die Geißel sollt ihr schwingen über die Rücken dieser Böotier!
Und nüchtern sollt ihr sein, ihr Träumer und Denker, nicht fürder auf romantischem Roß zu blauen Wolken emporsprengen, die Welt sollt ihr schauen so wie sie ist, gewahren sollt ihr die Wirklichkeit und in ihr erblicken, was möglich ist und was werden muß.
Und euren Willen sollt ihr mir wecken und satteln, anspornen sollt ihr ihn und kühn hineinreiten in das Land der Zukunft. Begraben sei immerhin der Pegasus mit seinen angeschnallten Gänseflügeln, wenn nur das Dampfroß für euch lebendig wird und der Dampfpflug Europas Boden schüttert für fruchtbaren Samen. Glück sollt ihr säen für kommende Menschen, und schaffende Hoffnung auf endlich und endlich reifende goldene Saat ist die Freude des Säemanns.
Ich glaube nicht an ewige Wahrheiten und ich sehe vorerst noch nichts davon, daß die Menschenvernunft mächtiger ist als die im Zufall rollenden Welten. Sonne, Mond und Sterne gehn heute wie immer und morgen wie heute ihren lachenden Gang, ohne nach uns zu fragen, und winzige Tierchen und Pflänzchen bauen ihre Geschlechter auf unzählige Menschenleichen. Und stets noch beginnt die Welt mit jedem Kinde von neuem, und über dem Wechsel der Generationen wie dem Lauf der Gestirne waltet der Zufall. Noch lange wird alles Bedenken über den Haufen gerannt von ungezügelter treibender Leidenschaft, und die unsinnige Summe vieler kleiner Selbständigkeiten nennt sich Geschichte. Noch unendliche Zeit wird der schwerste Kampf aller Kämpfe währen: der Streit zwischen Geistesfreude und Geistesweh, und oft noch möchten wir vernünftig sein und können es nicht, möchten wir gedankenlos fließen und müssen bedächtig schreiten.
Aber wer will leugnen, daß sie noch nicht tot ist, die Göttin der Vernunft, sondern erst beginnt sich zu dehnen und auf sich selbst zu besinnen? Daß des achtzehnten Jahrhunderts Ausgang immer wieder erwacht und alle Jahrhunderte zwingt in seinen Bahnen zu wandeln? Daß der Zufall auf allen Gebieten, wo er sich nur betreten läßt, zäh bekämpft wird auf Schritt und Tritt? Daß vor allem die Organisation der Arbeit schon an der Schwelle der Erfüllung steht, die nur von freien Lebendigen überschritten werden kann? Daß eine Organisation der Geselligkeit auf eisernen Schienen uns näher und näher gleitet, die gewaltige Menschenkomplexe zu einer Familie macht? Daß Wissenschaft und Kunst mit einer Erziehung schwanger gehn, die Untergang schwemmt über jahrtausendalten Aberglauben? Es giebt Revolutionen, die man zu machen aus Versehen vergessen hat; wer glaubt nicht, daß die nahende Revolution eine gründliche sein kann, daß ihr Strom jahrtausendalten Unrat mit sich fortspült? O ihr, die ihr an die allmähliche Entwicklung glaubt, vieles und Gewaltiges hat sich schon lange langsam angebahnt, und die Stufen, die ihr wähnt, erst noch betreten zu müssen, sind längst schon hinter uns, ohne daß ihr es gemerkt. Was thut es, daß ihr dann auf einmal in der Versenkung verschwunden seid; wenn wir nur oben stehn!
Wem viele Dinge selbstverständlich sind, der folge mir nach. Das Wort, das ich einst gesprochen, ich wiederhole es heute. Den Sozialismus aber habe ich immer für möglich gehalten und seine Erfüllung für selbstverständlich. Aber ich habe ihn unsagbar gefürchtet, weil mir das Leben ein Greuel war und weil ich sah, daß mit seiner Ankunft das Innerste des Lebens nackt vor uns daliegen müsse. Und ich habe auch jetzt nichts gegen den Tod; auch jetzt noch zu Zeiten naht mir die Stimmung, wo meine Seele helle Lieder jauchzt ihm zum Lob und Preis. Tröstlich und ein erquickendes Labsal ist die Erinnerung, daß ich frei sterben kann, wann immer es mir so gefällt. Verdorren möge mir Hirn und Zunge, wenn den Tod ich jemals verläumde!
Aber verheimlichen wir es uns doch nicht länger; unsre lächelnden Augen verraten es ja doch: wir haben alle das Leben unsagbar gern! Und wir machen uns alle ein Bild von der Welt nach unserm Willen, und wir wollen alle wirken, um die Erde umzugestalten nach unserm Herzen. Wenn wir denn alle eine heimliche Geliebte haben, laßt uns doch kämpfen, um sie zu erringen! Wenn wir doch alle den Todesgedanken in all seiner Hoheit erfaßt haben, lassen wir sie doch fallen, die kleinliche faltenreiche Gewandung ewiger Rücksichten und unsterblichen Philistertums. Das Wort ist so alt und will doch immer wieder gesprochen sein: Da wir doch alle nur einmal leben und nach unserm Tod für menschliche Welt und menschlichen Geist nicht mehr vorhanden sind, sei doch ein jeder unter uns so groß und so frei, so wohlgemut und so leichtsinnig, so ernst und so kühn, als ihm in seiner Seele zuinnerst beschieden ist!
Kennt ihr die Geschichte von der heimlichen Geliebten des Jünglings? Er war zaghaft und wagte nicht sich ihr zu nähern. Und er machte lange Jahre Reisen in fremden Ländern, um sie zu vergessen. Das aber war ihm nicht beschieden, und im stillen war seine Sehnsucht übermächtig gewachsen und mit eins erhob sich wieder in ihm ihr Bild und wich nicht mehr von ihm und drückte in seinem Herzen, daß es laut aufschrie. Da kehrte er zurück nach seiner Heimat. Wie er sie aber wieder vor sich sah in ihrer leuchtenden Schönheit, mit der hohen Anmut ihrer Gestalt und ihrer Bewegungen, die viel wunderbarer war in ihrer farbigen Wirklichkeit, als ihm die blasse Erinnerung gezeichnet hatte, da preßte er voll scheuer Angst vor der spröden Schönen seine Seele zusammen und machte sein Herz klein. Aber als die Sehnsucht seines Blutes nicht mehr zu bezwingen war, da schlich er sich in einer mondlosen dunkelblauen Nacht in ihr Schlafgemach. Lange betrachtete er da die feinen Züge der Schlafenden und blickte halb betäubt auf das wogende Schwellen der Brüste. Da konnte der keusche Jüngling sich nicht mehr bezwingen, und leise, leise, ganz langsam, daß das Betttuch nicht knisterte und sie nicht erwachte, legte er sich neben das schlafende Mädchen und er preßte die gekreuzten Hände wider seine Brust und das Blut schlug ihm donnernd an seine Pulse und Blitze sprühten vor seinen Augen. Und sein Atem ward immer kürzer und stoßender, und seine Haut brannte wie Feuer und wollte es nicht leiden, daß ein Raum war zwischen ihm und dem kühlen rosigen Leib des Mädchens. Da konnte er nicht mehr, er preßte seine Lippen fest zusammen und hielt seinen Atem an. Und nachdem er einige Zeit nicht mehr geatmet hatte, öffneten sich seine Lippen langsam und die Hände fielen ihm schlaff von der Brust und sein Blut hämmerte nicht mehr und sein Fleisch war nicht mehr heiß. Und als die heimliche Freiheit morgens erwachte, da lag der zage Jüngling, der sie hätte erringen können, tot und kalt neben ihr auf ihrem Lager.
Auf denn, meine Gefährten, es ist nicht wahr, was man euch in fremden Ländern versichert hat, die Freiheit sei tot und sei nur noch ein verblichenes Wort, es ist nicht wahr, sie lebt immer wieder und verkörpert sich jedem in einer besondern Schönheit. Laßt uns denn endlich heimkehren in ihre Lande und um sie werben und todesmutig, daß heißt lebensfreudig für sie kämpfen!
Seht nun das dritte Bild, daß ich euch male!