Indem die Verschwörer Brutus gewinnen, daß er die Tat und die Verantwortung auf sich nimmt, hat ihr Unternehmen hohe Rechtfertigung erlangt. Nicht bloß er, auch die andern alle, zumal Cassius, trotz ihren mehrdeutigen Naturen und Motiven, stehen mit ihrer Tat ganz anders da, als sonst die großen Mörder bei Shakespeare. Julius Cäsars Wegräumung, obwohl sie äußerlich als Meuchelmord erscheint, den eine überwältigende Schar gegen einen einzelnen Wehrlosen verübt, hat doch bei Shakespeare mit dem revolutionären Staatsakt, der in England wenige Jahrzehnte nach Shakespeares Tod zur Hinrichtung Karls I. führte, mehr Ähnlichkeit, als mit den vielen dynastischen und feudalen Mordtaten, wie sie uns in Shakespeares andern Tragödien begegnen. Brutus ist wie Macbeth der Mörder, an dem sich die Tat rächt; auch ihn scheint zu nächtlicher Stunde der Geist des Ermordeten aufzusuchen, wie Banquo zu Macbeth kommt. Aber man scheut sich fast, dieses Wie auszusprechen; so ganz anders sind nicht nur die Personen, sondern die seelischen und politischen Verhältnisse, um die es dem Dichter geht. In den Stücken der englischen und schottischen Sage und Geschichte, die Shakespeare behandelt, wird von triebhaften, schlackenreichen Naturen nicht eigentlich Politik gemacht; es geht alles in der privaten Sphäre vor sich, auch wenn es um die Macht geht. Und Shakespeare zeigt, schon in der zweiten Hälfte unsres Stückes, ganz besonders aber in Antonius und Cleopatra, wie im Verfall des römischen Gemeinwesens, der Republik, die privilegierten Personen gerade dadurch, daß die öffentliche Freiheit, für die die letzten Römer eingetreten waren, und mit ihr die Ordnung zugrunde ging, wieder ihre ursprüngliche, primitive, wilde Freiheit inmitten raffinierter Zivilisation und öffentlicher Tyrannei erlangten und wie dadurch das Ende der antiken Kultur und ihr Übergang zur feudalen Welt vorbereitet wurde.

In diesem unserm Römerdrama also geht es um Politik auf einer hohen Stufe, um erhabene, ideale Verhältnisse, und die Ruhe, Planmäßigkeit und Überlegung, mit der der Mord vorbereitet wird, ist ein Kennzeichen dafür, daß wir hier nicht in der Welt der Triebhaftigkeit und des Personalismus, sondern der Ratio, der Staatsräson sind. Es wird hier nicht egoistisch, nicht in verächtlicher Wut gemordet; die Tat geschieht nicht ohne Liebe, nicht ohne Achtung zu ihrem Opfer. Die Heimlichkeit, in der die Verschwörer sich nächtlich zusammenfinden, hat weitaus mehr vom Charakter der Öffentlichkeit an sich als die lauten, rückhaltlosen Streitrufe feudaler Helden; und das Wort Tagung ist für diese Nachtversammlung fast nicht zu vermeiden. Die da zusammenkommen, tun es in dem Glauben, Richtungen im Staat zu vertreten, berufene Vertreter zu sein; ihre Tragik ist gerade, daß sie sich darin irren, daß sie Vertreter eines nicht mehr vorhandenen Volkes, Führer ohne Heer sind.

Hier also wird eine vollendete und nunmehr absteigende Welt geschildert im Gegensatz zu jener andern, die Shakespeare in den englischen Geschichts- und Sagendramen behandelte, in der die Lebenstriebe noch oder wieder reicher, verworrener, wilder funktionieren. Brutus und Cassius geht es um die öffentlichen Zustände; so politische Köpfe auch König Johann und Heinrich IV. zum Beispiel sind, so sind sie doch vom Dichter in eine Welt gestellt, in der sich Staat und Person des Herrn gar nicht trennen lassen.

Mit alledem ist gesagt, daß über den Königs- und Sagendramen das feudal-dynastische, über diesem Römerdrama aber in der Tat das republikanische Prinzip steht. Goethe mag vorwiegend an die Volksszenen gedacht haben, vor allem aber hatte er die prachtvolle Lebendigkeit der Gestalten im Sinn, wenn er meint, Shakespeare schildere keine Römer, sondern „lauter eingefleischte Engländer“. Richtig ist gewiß, daß er in diesem Stück so wenig wie in einem andern die gelehrten Absichten seiner akademisch-literarischen Zeitgenossen teilte. Er ging nicht im entferntesten darauf aus, fremdartige oder interessante Verhältnisse zu schildern oder seine Menschen irgendwie historisch zu maskieren. Ganz und gar ging es ihm, wie immer, um das Grundwesen der Menschen in seinen mannigfaltigen Abstufungen; nur daß er diesmal in der allgemeinen Sphäre wie vor allem in seinen Hauptgestalten Brutus, Portia und Cassius das öffentliche Pathos, die ideale, innig-leidenschaftliche und rationale Teilnahme am Gemeinwesen als wesentliche Elemente im geistigen Leben aufzeigte. Daran liegt wenig, ob man diese Gestalten Römer oder Engländer nennt; wichtig aber ist zu beachten, daß das Römertum, wie es in den Staats- und Freiheitsbewegungen der Zeit, in den Schriften der Monarchomachen und Montaignes und dann Miltons und so vieler anderer von entscheidender Bedeutung war, in Shakespeares Julius Cäsar in der Tat seinen lebendig-dramatischen Ausdruck fand.

Solche Fragen aber, wie die, ob Shakespeare in einem Stück Römer oder Engländer dargestellt habe, sind darum immer schief, weil er das äußere Kostüm, wohin ich — ich weiß, was ich sage — auch zufällig-geschichtliche, zufällig-nationale Varietäten rechne, nur als Mittel für seine höheren Zwecke brauchen konnte. Man könnte sagen, daß noch nie einer das italienische Naturell, daß noch nie einer die Vermählung des römisch-republikanischen Staatsgedankens mit erhabenen Seelen so wundervoll getroffen habe, und es wäre doch von Shakespeares Wesentlichem damit nichts gesagt. Kaum ein Stück Shakespeares aber erinnert mich gerade so, wie Julius Cäsar, an seine Gemeinschaft weder mit Römern noch Engländern, sondern mit Rembrandt und Beethoven. Das rührt, ich glaube, an entscheidend Wesentliches, jedenfalls aber an unsäglich schwer mit Worten zu Vermittelndes. Vergegenwärtigen wir uns zunächst dieses Trio Shakespeare, Rembrandt, Beethoven durch drei ihrer repräsentativen Werke, und sagen: Brutus — der Mann mit dem Goldhelm — die Eroica oder noch besser die fünfte, die C-Moll-Symphonie. Da haben wir eine menschliche Größe und Ausdrucksgewalt, die, so persönlich sie ist, so rein und hoch Allgemeines wie endgültig formt. Für alle drei sind zusammenfassende Beziehungen wie Renaissance oder Barock oder gar Empire hergehörige und nicht unwichtige, aber ganz ungenügende Abgrenzungen; alle drei gehören weit mehr unter einander als mit ihren Stilgattungen zusammen. Was in diesen Werken sich äußert, ist das Tiefste, Schwerste und Erhabenste, ist die inständigste Not und die größte Herrlichkeit unsrer Zeit, unsrer eigenen und besonderen, in der Shakespeare nicht minder ein Gipfel ist als Beethoven. Was sich da äußert, ist Heldentum in Melancholie; klare, scharfumrissene, aktive Naturen, die es nun aber doch nicht läßt, in die Welt und ihr Leid zu verdämmern; ein leidenschaftlicher Aufwärts- und Vorwärtsdrang, dessen Melodie aber umwogt ist von der Stimmung des Untergangs. Das ist mir im Letzten und Höchsten Shakespeare, wie es mir Rembrandt und Beethoven sind, und kaum irgendwo bemächtigt es sich meiner so wie in dieser Tragödie der letzten Römer: Kraft, ungemeine Kraft ist da, Kraft des Alten, Gewesenen und dazu schon Kraft der Erneuerung, — darin verflößt aber und nicht davon zu trennen das ganze Weh des Untergangs, der ein Übergang ist, wie es so ähnlich ja wohl Nietzsche ausdrückt, das Leid unsrer Zeiten.

Dessen eine Gestalt ist mir das Helldunkelgemälde dieser letzten Römer. Wenn man gut zusieht und die Stimmung, die das Rom um die Wende der neuen Zeitrechnung in Parallele setzt mit den Zuständen in der Seele unsres öffentlichen Lebens, schon beinahe mitbringt, so können wir auch bei Plutarch, dem Historiker der untergehenden, schon fast vergangenen Antike, diese Verbindung von heroischen Naturen mit leidvoller Philosophie finden. Aber das ist doch kaum anders, als daß in dem Stoff, worin die Vision des Dichters ihre Entdeckungen macht, alles schon der Möglichkeit nach gegeben sein muß, was der Vollender dann zur Wirklichkeit macht.

Die Repräsentanten dieses unsres eignen, dieses Römergeistes, von denen wir hier das Allgemeine gesagt haben, sind Brutus und Cassius; diese beiden stehen von Anfang an bei einander im Vordergrund, und Cassius verdient es durchaus, neben Brutus zu stehen. Shakespeares Kunst, Menschen der gleichen Richtung und desselben Wollens nebeneinander zu stellen und sie nicht durch grobe Gegensätzlichkeit, sondern durch Nuancen zu unterstreichen, bewährt sich nirgends so wundervoll wie in der Macbeth-Tragödie in dem Ehepaar Macbeth und hier in dem Freundespaar Brutus und Cassius. Cassius hat mehr Schlacke, mehr Affekt als Brutus, er hat nicht seine makellose Reinheit, seine Unpersönlichkeit; dafür hat er aber auch ein schießenderes Temperament und mehr politischen Verstand. Brutus macht seine Entscheidungen gern, auf sich selbst harrend, sein selbst gewiß, im Unbewußten ab; er läßt die Dinge reifen; er braucht die flackernde Zündung durch gesellige Aussprache nicht. Cassius ist hitzig, was in ihm gärt und ihn treibt, läßt er viel rascher hochschießen als Brutus. So ist er es denn auch, der sich Brutus eröffnend, lockend nähert, ihm sein eigenes Innere, seinen Kampf, seine Qual ohne Scheu zur Sprache bringt und erklärt.

Es ist aber nicht so, daß das, was aus Cassius so schnell hochkommt, ebenso rasch wieder verpuffte oder daß er irgendwie unbeständig, unzuverlässig wäre. So stark in ihm Leidenschaft, Wildheit, Zorn arbeiten, so sind sie doch durchaus in den Zusammenhang einer Geistesrichtung eingeordnet, die Gesinnung heißt. Und in der Gesinnung ist er der Freund und Genosse des Brutus und seiner würdig. Nicht von einem politischen Meinungssystem ist hier die Rede, wie man es schließlich wechseln könnte, ohne in Schmach zu fallen, sondern von einem Gefüge von Anschauungen und Willensrichtungen, die unveräußerlich sind, weil sie aus einem Grundtrieb ihrer Natur hervorgehen, aus dem Grundtrieb noch dazu, aus dem das römische Gemeinwesen erwuchs. Was sie beide treibt, heißt mit einem Wort Freiheit. Sie wollen keinem Menschen dienen, keinem untertan sein, keinen als höher verehren. Sie fühlen sich dem Besten ebenbürtig und dulden keinen Gebieter über sich. Sie haben nicht den Freiheitsdurst der Unterdrückten, mit dem Neid in Verbindung stehn kann; sie haben die männliche Freiheitsliebe derer, die nicht in Unterdrückung sind und auch nicht hineinkommen wollen, die Freiheitsliebe, der die Eifersucht nicht immer fern bleibt. Zu dieser Haltung gehört eigener Adel, Stolz, Selbstgefühl, und das ist ihr Teil. Es ist ein durchaus aristokratischer Republikanismus, der sich vom philosophischen Denken, vor allem vom Stoizismus genährt hat. Cassius bringt, was ihrer beider Grundprinzip, Grundtrieb ist — denn bei diesen Männern der Gesinnung sind Seele und Geist untrennbar in einander gewachsen — in Kürze zum Ausdruck, wenn er zu Brutus in dem Augenblick, wo er sich entschließt, frei heraus zu ihm zu sprechen, sagt:

Ich weiß es nicht, wie Ihr und andre Menschen

Von diesem Leben denkt; mir, für mich selbst,