In frommen Schein nicht hüllt; Diebe sind alle,

Zu welchem Stand sich jeder auch bekennt.

Es ist ja, in der ganzen Natur, alles Dieberei: Sonne, Mond, Wasser und Erde, — eins bestiehlt das andre. Aber — wir kennen das Schema schon — wie viel ärger ist’s gar unter den Menschen!

Dieb ist alles:

Selbst das Gesetz, das euch in Zaum und Fron legt,

Übt straflos und in roher Willkür Diebstahl.

Wir kennen das Schema schon: in der Tat, legt man den formalen Maßstab an, fragt man, ob das ein Drama sei, ob da Menschen, ob seelische Gewalten einander gegenübergestellt werden, so kommt man immer wieder darauf, daß hier nicht die Sprache dem Ereignis und das Ereignis dem Geheimnis des Innersten dient, sondern daß die Vorgänge ein Zubehör der Sprache sind; die dramatische Begleitung der Rede ist wie die Biblia pauperum Bildersprache. Sehen wir aber davon ab und wenden uns der geistigen Bedeutung der Erkenntnisse zu, die Shakespeare mit solchen Mitteln zum Ausdruck bringt, so ist zu sagen, daß Shakespeare hier mit klaren Worten und Begriffen die radikale Kritik unsrer auf dem Eigentum beruhenden Rechtsordnung, unsrer vom Rechtswesen gesicherten Eigentumsordnung, die sozialistische Kritik Proudhons und seinen zusammenfassenden Satz: Eigentum ist Diebstahl vorweggenommen hat. Und was so in Worten erklärt wurde, wird dann auch mit der Handlung illustriert, so daß wir als in einem Notwendigkeitszusammenhang die beiden sehr verschiedenen und doch, solange Menschen Menschen sind, zusammengehörigen Seiten der Anarchie beisammen haben: Timon beschenkt die Diebe reichlich und schickt sie, die nunmehr besser für ihr Handwerk ausgerüstet sind, nach Athen:

Brecht Läden auf; ihr könnt nichts stehlen, was

Ein Dieb nicht vorher stahl.