Und schnakt von ihm; die Küchenschlampe steckt
Den besten Fetzen um den rußigen Hals
Und klettert auf den Wall, ihn zu begucken;
Gestopft sind Buden, Erker, Fenster; Giebel
Und Dach von allerlei Gestalt beritten...
Und in diesem über alles günstigen Augenblick soll Coriolan Consul werden; der Feind draußen ist besiegt, Rom ist gesichert; nun soll, wenn’s nach seinem Willen geht, der alte Zustand wiederhergestellt werden, sollen die Patrizier ungeschmälert das Amt ausüben, zu dem sie berufen sind. Der Senat versammelt sich in feierlicher Sitzung; den Bericht über seine Taten, den der alte Consul zu erstatten hat und der — Coriolan weiß es — eine Lobrede werden muß, kann er nicht anhören und läuft weg; wie er dann aber wiederkommt und der Senat ihm die einzige Ehre erweist, die für ihn eine ist, und ihn zum Consul ernennt, nimmt er hochgemut an. Hier steht er vor seinesgleichen, ein stolzer Mann, der so fröhlich sein könnte, wenn die Zeiten danach wären; und warum soll der Senat in diesem Augenblick nicht das Rechte tun, damit alles gut wird? Da bittet er herzhaft: ihr habt mich nun zum Consul gemacht; die Bettelei beim Volk ist ein schnöder Brauch ohne Bedeutung; erspart mir’s! Das, einen Brauch aufzugeben, hätte auch in andern Zeiten schwer gehalten; jetzt aber sind die Volksvertreter da, die ihre neue Macht zeigen wollen; der Brauch soll mit einem Mal verhaßte Bedeutung gewinnen; der Consul soll nunmehr vom Senat vorgeschlagen, vom Volk aber in vollem Ernst gewählt werden. So muß er sich nicht nur dem Brauch fügen, der Brauch soll parteimäßig ausgenutzt werden; schon organisieren und bearbeiten die Tribunen ihre Truppen und lauern auf die Gelegenheit, ihn zu Fall zu bringen.
So muß er sich, da er sein Ziel erreichen will, zu einer Komödie bequemen, die ganz gegen seine Natur geht und für ihn Erniedrigung ist. Er könnte es nie auch nur versuchen, wenn’s die neue Einrichtung wäre; aber zunächst sind’s die Formen des alten Brauchs. Trüppchenweise stehn die Bürger beisammen; jedem soll er sein Verdienst nennen und seine Wunden weisen. Er versucht’s; es wird die sonderbarste Bewerbung, die Rom je gesehen hat; in ihm kämpfen Wut, Lachen und stolzes Aufbäumen. Was ihn hergebracht habe? fragt da so einer. Mein eignes Verdienst! gibt er zur Antwort und fügt hinzu: Soll ich denn etwa arme Leute anbetteln? Seine Wunden verspricht er zu zeigen, wenn er mit dem einen oder andern einmal allein ist. Und dann geht er weiter und knirscht etwas von Almosen zwischen den Zähnen. Die Bürgersleute sind so bestürzt und stehn zugleich noch so unter dem Eindruck seiner Rettertat, daß sie ihm — es ist ja keine Wahl zwischen mehreren, ist ja ein Zeremoniell — die Stimmen eben geben; schon darf er sich für den Consul halten; da kommen die Tribunen dazwischen. Nichtwählen, einen andern wählen, das war nicht möglich; diese Einrichtung, solches Volksrecht besteht nicht; aber jetzt, wo die Bürger mit ihren Klagen kommen, wie sie behandelt wurden, läßt sich alles noch wenden: das Staunen und die beleidigten Gefühle werden demagogisch zur Wut zusammengeballt, werden von den alten Glatzköpfen, den politischen Volkstribunen gegängelt; tumultuarisch protestiert das Volk gegen die Wahl, nimmt sie zurück; und es kommt zunächst zu dem großen Zusammenstoß zwischen Coriolan und den Tribunen. Die ganze Aufruhrstimmung, die durch die Einsetzung der Volksvertreter und dann durch den Krieg gedämpft worden war, lebt wieder auf, Coriolan spricht rückhaltlos, leidenschaftlich seine Meinung, seine Absichten aus, und keiner der klug bedenkenden Adligen tritt ihm zur Seite. Für ihn aber geht’s nun gar nicht mehr um den neuen Konflikt; er will gründlich Wandel schaffen, er wühlt das Alte wieder auf, die neue Einrichtung besteht ihm nicht zu Recht, das echte Rom ist ihm in seinem edeln Kern bedroht. Im Aufruhr sind die Tribunen eingesetzt worden; jetzt ist bessre Zeit, ruft er auf dem Marktplatz aus, jetzt muß ihre Macht wieder zertrümmert werden. Die Situation ist die, daß in dem Augenblick, wo es gälte, eine sehr demagogische und in ihrem Recht zweifelhafte, wiewohl von Coriolan herausfordernd ermöglichte Anwendung der neuen Macht der Tribunen abzuwenden, Coriolan Öl ins Feuer gießt und, was die Revolution errungen und der Senat bestätigt hatte, nach siegreichem Krieg durch eine Gegenrevolution wieder abzuschaffen vorschlägt. So sieht es aus; er aber platzt damit ganz als einzelner, in der schwierigsten Lage, in der er schon sowieso ist, ohne Verbindung mit seinen Standes- und Parteigenossen heraus. Er steht ganz allein; und nun soll er auf Befehl der Volkstribunen, da er sie in ihrem Amt angetastet und zum Staatsstreich aufgerufen hat, verhaftet werden, er soll, nach dem alten Recht, als Hochverräter behandelt werden. Freilich ist die Situation gänzlich neu, anständigerweise könnte das alte Recht hier nicht angewandt werden; aber die Volkstribunen haben ja die Szene mit demagogischen Künsten vorbereitet; sie haben ja Coriolans Zorn und Heftigkeit im voraus in ihre Rechnung gestellt, sie haben gehetzt und geschürt, und es ist noch viel besser für sie gekommen, als sie erwarten konnten; nun wollen sie den Moment eiligst ausnutzen: Coriolan, eben noch der Held und Retter, soll als Feind des Vaterlands, als Volksfeind vom Tarpejischen Felsen gestürzt werden. Es sind welche unter den Patriziern, die ganz wie er denken, die ihn im stillen bewundern; aber keiner will jetzt den Kampf, zu dem Coriolan mit gezogenem Schwert herausfordert; das Höchste, was sie für ihn tun können, ist, daß sie ihm zur Flucht in sein Haus verhelfen und nun allseitig zu begütigen, zu vermitteln versuchen.
Und nun kommt es, auf einer viel höheren Stufe, in einer weit gefährlicheren Lage, zu demselben Versuch Coriolans noch einmal, seine Natur zu vergewaltigen. Die Mutter, die im Innern ganz zu ihm steht, ihn bewundert und seine Gesinnung völlig teilt, eine Frau, tapfer wie ein Mann und klug wie eine Römerin, die den Taten der Männer und ihrem Treiben lange zugesehen hat, überredet ihn, sich zu verstellen und gute Worte zu geben. Um der Sache willen soll er es tun. Die Szene, in der ihr dem Festen, Geraden, Tapfern, Zornerfüllten gegenüber diese unglaubliche und äußerste Umstimmung für den Augenblick des Entschlusses gelingt, ist so groß, daß auch wir überzeugt werden: ja, er darf es tun, er vergibt sich nichts.
Wie baut sie sich auf, diese Szene! Coriolan hat schon mit der Mutter geredet und ist zu seinem Staunen bei ihr auf Kummer und Unzufriedenheit gestoßen. Jetzt kommt sie wiederum zu ihm; kaum im Glauben, daß noch zu helfen sei, aber mit Entschluß gewappnet, ihr Ganzes aufzubieten. Das ist ihr Kummer: was er toll in die Welt gerufen hat, hätte er tun sollen, und dazu hätte er die Macht gebraucht, und darum hätte er jetzt schweigen sollen!
Und eminent reif ist, was sie dem Wilden sagt: