Der Consul muß gewählt werden, und der Kandidat hat ein gewisses Zeremoniell zu erfüllen. Unter äußerster Selbstüberwindung fügt er sich dem Brauch, die Bürger um ihre Stimmen zu bitten, ihnen gar seine Narben zu zeigen; denn nur der kann Consul werden in diesem Kriegerstaat, der dem Vaterland im Krieg mit persönlicher Tapferkeit gedient hat; und wer’s werden will, muß sich persönlich zu dem Volk bemühen, das auch einmal etwas vom Herrentum schmecken will. Sein Werben aber, seine Wahlreden klingen mehr wie knirschender Hohn als wie ein demütiges Bitten.
Zwei stehen ihm immerzu gegenüber, deren persönliche Berufung so wenig wie ihre Amtsbefugnis er anzuerkennen vermag; die beiden Volkstribunen, die der Individualisierungskünstler Shakespeare genau so ununterscheidbar paarweise auftreten läßt, wie Rosenkranz und Güldenstern, die Höflinge mit den deutschen Namen, im Hamlet; und beide Male zeigt dieses Verhältnis des Einzigen zum Paarigen die Stellung des Genies gegenüber der Herde: denn Coriolan ist ein Genie der Tat, wie Hamlet eines der grübelnd bohrenden Phantasie; alle beide sind Repräsentanten der Vornehmheit, der adligen Seele, die in dieser Welt vereinsamt ist.
Wie aber Hamlet bei all der Vornehmheit seiner Natur mit Polemik, Bosheit, derbem oder stechendem Witz, hie und da sogar mit Zoten gegen die Welt reagieren muß, so kocht es in Coriolans adliger Seele immer über, und wenn er nach Rom auf die Straßen muß, läuft er mit rotem Kopf und Zorn herum. Er ist grob und er schimpft über die Maßen. Wie die andern Patrizier sich nur so anpassen können, begreift er nicht. Da fehlt es in Rom an Korn, die Plebejer treten in Aufruhr und geben den Patriziern die Schuld. Menenius Agrippa ist erfolgreich daran, sie mit einer sinnreichen Parabel zu beruhigen; er redet dabei recht vorsichtig und in liebevollem Ton mit ihnen, nennt sie Landsleute, Bürger, Nachbarn, liebe Freunde; daß er freilich innerlich nicht anders über sie denkt wie Marcius, merkt man in dem Augenblick, wo er den Schritt des Kühnen auf dem Pflaster hört; da fängt er auf einmal an, mit Wicht und Lumpenhund um sich zu werfen. Nicht zu leugnen, daß das der Ton ist, auf den Cajus Marcius seit langem seinen Umgang mit den Leuten gestimmt hat. Er fühlt sich gehaßt, und er macht es nicht wie jener General, der nach der Besichtigung und Kritik sich von den stumm sich verbeugenden Offizieren mit den Worten verabschiedet: „Mich auch“ — er redet deutlicher. „Hängt sie!“ hat er sich so als Redensart angewöhnt, wie andre „Na ja“ sagen; und im übrigen nennt er sie Hunde. Fast das Herz will es ihm brechen, wie man, um ihren Aufruhr zu unterdrücken, ihnen eine ihrer Hauptforderungen zugesteht und ihnen die Volkstribunen bewilligt, die sie als Vertreter ihrer Interessen selbst wählen dürfen. Fünf sind sie an Zahl; der kluge Dichter läßt immer nur das Paar auftreten.
Mit dieser neuen Einrichtung ist ihm das Vaterland und die alte Verfassung entscheidend von innen bedroht. Aber wie er so herumläuft und wütet, bekommen wir den Eindruck: gäb’s keine triftigen Gründe für seinen Zorn, er müßte sie sich schaffen, solange sich seiner Angriffslust kein Ziel bietet; er braucht die große Tat; der Krieg um Corioli war darum wie eine Erlösung für ihn. Wie er nun das Vaterland gerettet hat und als Coriolanus, mit dem Eichenkranz gekrönt, zurückkehrt, da merkt auch das römische Volk, da merken selbst seine ärgsten Feinde, daß das nicht der eigentliche Marcius war, der Mann, der wie ein ärgerlicher Wüterich, wie ein nach Taten hungriger Wolf mit starken Schritten zornig über ihre Straßen gegangen war. Jetzt tritt er auf, wie einer der Volkstribunen zugestehn muß,
Als hätt’ der Gott, sein Lenker, wer’s auch sei,
Sich leis’ in seine Menschheit eingeschlichen
Und gäb’ ihm edle Hoheit.
Und wie nun das römische Volk, das von furchtbaren Ängsten befreit ist, in ihm nicht mehr den Feind, sondern den Retter und berufenen Führer erblickt, wie sie ihn als ihren populärsten Mann beim Einzug umjubeln, davon, da solche Szene in ihrem innern Wert auf der Bühne nicht sichtbar zu machen ist und da Shakespeare aus äußerlichem Theater sich nichts macht, erhalten wir eine Beschreibung aus dem Munde des neidischen Ärgers. Der Volkstribun berichtet:
... Die geschwätz’ge Amme
In Seelentzückung läßt den Säugling schrein