Shakespeare wäre aber nicht Shakespeare, wenn wir das Verhältnis der Patrizier zu den Plebejern nur von dieser einen Seite kennen lernten, nur so, wie der Repräsentant des Patriziats, der Patrizier, wie sie sein sollten, es auffaßt. Wohl steht der Held auch für die innere Handlung in der Mitte; von ihm aus sind die Vorgänge gesehen, die Geschehnisse und die Gestalten gruppiert, von ihm aus die Stimmung und Sympathie gewoben; dann aber zuckt unten aus dem Dunkel der namenlosen Menge einmal ein Licht auf, und wir sehen in andrer Beleuchtung die Dinge, die Coriolan nicht sieht, und hören die uralte Klage der Armen. Unter den Aufrührern will einer eine Rede halten und hebt zu den Plebejern an: „Ein Wort, gute Bürger“, da ruft einer aus der Menge grell dazwischen: „Wir gelten für arme Bürger, die Patrizier für gute!“ Reichtum macht gut! Und die da droben wissen es auch gar wohl: unsere Armut brauchen sie nicht bloß, weil sie Überfluß brauchen; sie brauchen sie als Gegenstück, um ihres Selbstbewußtseins willen; sie haben die Distanz nötig. Wären sie grade so reich, wie sie jetzt sind, gäbe es aber dabei uns Arme nicht, was hätten sie dann von ihrem Reichtum?
„Die Magerkeit, die uns drückt, das Bild unsres Elends ist für sie ein Inventarium aller einzelnen Stücke ihres Überflusses; unser Leiden ist ein Gewinn für sie.“
Was das Opfer leidet, das ist der Gewinn und die Wonne der andern — haben wir so etwas nicht schon einmal, in ganz anderm Zusammenhang gehört? Ist das nicht der gerade in der Barockdichtung, wo das feste Dogma seelenhaft spielerisch von der Empfindung umrankt und umjauchzt wird, immer wiederkehrende Ausdruck für die Heilswahrheit des Christentums? Sind nicht die Armen dieses Opferlamm und ihr Blut und Wunden ein Hochgewinn für die Reichen?
Aber auch abgesehen von so abgründlich feiner Psychologie, die mit einem raschen Griff das letzte Geheimnis des Privilegs entblößt, kommen die rein sozialen Klagen der Unterdrückten so stark heraus, daß wir wieder einmal merken: so ein Dramatiker sieht und empfindet zweiseitig; würde er von allem Anfang an und immer Licht und Schatten gerecht verteilen, so wäre es nicht im entferntesten so berückend als wie er’s macht: mit ganzer Inbrunst, wie ein tief Befangener, der einen Seite verschrieben, und dann, mit einem Mal, und nur immer für einen Augenblick, drüben, drunten, bei den andern.
Als Menenius Agrippa die Plebejer besänftigt und ihnen sagt, wie wohlwollend die Patrizier Sorge für sie tragen, da erwidert einer aus dem Volk in Worten, — nun, der Zensor behütet uns heute davor, entsprechende zu lesen oder zu vernehmen:
„Für uns Sorge tragen! — Ja, fürwahr! — Sie haben noch niemals für uns gesorgt: sie leiden es, daß wir verhungern, wenn ihre Speicher vollgepfropft sind von Getreide; geben Gesetze wegen des Wuchers, mit denen sie den Wucherern auf die Sprünge helfen; heben täglich eine heilsame Einrichtung gegen die Reichen auf und setzen täglich mehr lästige Verordnungen fest, um die Armen zu fesseln und zu hemmen. Wenn uns der Krieg nicht aufzehrt, so werden sie’s tun. — Und das ist die ganze Liebe, die sie für uns haben.“
Ich weiß, was ich tue, wenn ich immer wieder den Blick von der Sache selbst auf ihren Urheber, wenn ich ihn hier von der Tragödie Coriolans auf ihren Dichter ablenke; denn ich möchte dieses mein Staunen auf alle, die mich hören, übertragen: woher hat der Unergründliche das alles gewußt? Über Rom wie über unsre Zustände verrät er uns Dinge, enthüllt er uns verborgene Zusammenhänge, die wir erst seit, erst im Gefolge der französischen Revolution zu wissen anfangen. Und wenn zum Beispiel Mommsen imstande war, uns ein Bild der Kämpfe zwischen Patriziern und Plebejern zu geben, das eine gewisse Farbigkeit, Lebendigkeit und Glaubhaftigkeit hat, so haben ihn eben die Kämpfe der modernen Demokratie dazu in Stand gesetzt; für diesen Anblick hat er aber ein gehöriges Lösegeld zahlen müssen: für das Wesentliche, eben für das, was Shakespeare als Tragödie dargestellt hat, hat er keinen Blick gehabt: er hat nicht gewußt, daß der Kriegs- und Adels- und Herrschergeist einmal ein Amt, eine Aufgabe, eine Würde und eine Hoheit gehabt hat; er hat die hohe Sendung, den seelischen Rang und das gute Gewissen dieser ritterlichen Zeiten nicht gekannt; und so hat er gräßlich banal von dem Kampf Coriolans in seiner Vaterstadt und gegen sie liberalisierend gemeint, diese Geschichte öffne den Einblick „in die tiefe sittliche und politische Schändlichkeit dieser ständischen Kämpfe“. Das ist, wie wenn man das Rittertum nach den Raubrittern, den Raubritter Götz nach dem Schinderhannes und den Schinderhannes nach irgend einem Dutzendmenschen aus unsrer großstädtischen Verbrecherklasse beurteilen wollte. Jakob Burckhardt und Nietzsche haben kommen müssen, um den Zusammenhang zwischen der politischen und sozialen und der Geistesgeschichte erst wieder herzustellen. Was sie aber aus der Betrachtung der Renaissance, indem sie Kunst, Geist, privates und öffentliches Leben zusammen nahmen, gelernt haben, das hat Shakespeare der Renaissancemensch lebendig gewußt: daß, was heutigen Tags — auch für ihn schon genugsam heutigen Tags — in Verfall und Entwürdigung Rest, Gespenst und Schmach ist, einst groß, würdig, geweiht und notwendig war.
In der ganzen modernen Geschichte weiß ich keinen, der Shakespeares Coriolan in dem tiefen Grunde, wo das Wesen sich aus dem Elementaren aufbaut, so nah käme wie ein Mann, der einer der größten Revolutionäre aller Zeiten war, der Vertreter der Plebejer, obwohl ein Mann des Adels in jeder Hinsicht, der Graf Mirabeau, der tolle leidenschaftliche Feuerkopf, der doch zugleich — wie Coriolan der größte Soldat — so er der größte Politiker seines Volkes ist. Von äußerlichen Analogien stimmt nichts; die Zeiten und die Lagerung der sozialen und der psychischen Schichten zu einander haben sich geändert; die Ähnlichkeit liegt im elementar Wesentlichen: eine Leidenschaft so starker Art, wie sie sonst den Menschen verzerrt und verzettelt; hier aber der Ausdruck nur der unabänderlichen Festigkeit eines Kernes; ein Temperament, wie es sonst die persönlich Gierigen haben, hier aber Sprache und Gewand der Gesinnung und Sachlichkeit. Die entgegengesetzte Stellung, die die beiden zu haben scheinen, darf uns gar nicht täuschen: schon dieses Coriolan nächster Bruder, Shakespeares Cassius, hat sich in einen Revolutionär und zugleich Politiker gewandelt. Alle drei, Coriolan, Cassius und Mirabeau sind innerlich und in der explosiven Art ihrer Äußerung geeint: sie gehören, wie Mirabeau es einmal ausdrückt, zu den „starken Seelen, welche die Freiheit im Naturzustand wild und im zivilisierten stolz macht“, und immer wieder kommt es zu solchen Gegensätzen ihrer stolzen Natur zur Umgebung, daß sie in den Naturzustand zurückfallen und wild werden. Und die beiden, die hier zusammengestellt werden, Coriolan und Mirabeau, gehen doch auch in ihren äußeren Schicksalen einen guten Schritt zusammen; nicht bloß die großen Menschen, auch die Zeiten und die politischen und sozialen Zustände ändern zwar die Gewänder und Masken, bleiben sich im Kern aber gleich. Auch Mirabeau, abgesehen davon, daß er als tief Unsittlicher gilt — die Heuchelei und Verbannung auf diesem Gebiet ist eine moderne Neuerung —, und daß von seiner Nötigung, die unbändige Kraft der Seele und des Leibes in Geschlecht und Erotik zu üben und zu verschwenden, Coriolan, der Sohn einer keuschen und harten Welt, keinen Zug hat, auch Mirabeau ist bis auf den heutigen Tag, gerade bei denen, deren politischer Führer er heute noch sein müßte, als Landes- und Volksverräter, als Verräter seiner Sache in Acht und Bann getan wie Coriolan.
Nun aber geht die Parallele nicht weiter, denn Coriolan erlebte seine Verbannung und sollte weiter leben. Er war ein politischer Feind der Zustände, die die Plebejer durch Aufruhr ertrotzt und die Patrizier in Nachgiebigkeit zugestanden hatten; er stand allein zwischen den Parteien, niemand wagte es, in diesem Augenblick ihm zur Seite zu treten und den Kampf aufzunehmen; und so benutzten seine Todfeinde, die Volkstribunen, ihre Macht und verwiesen ihn als Verräter des Landes. Nun aber, nach seiner Verbannung, macht er sich äußerlich ohne Zweifel wirklich zum Verräter, zum Feind seines Landes. Wie zeigt ihn uns Shakespeare in dieser Situation? Warum geht er zu den Volskern und zieht mit ihnen kriegerisch vor die Tore Roms?
Wenn dieser Mann Coriolan sein Leben überblickt, dann war es seit langen Jahren immer so, daß er zwei Feinde hatte, mit deren einem er in einer Gemeinschaft des Zorns und Ekels zusammen wohnen mußte, während er den andern ritterlich auf Tod und Leben bekämpfte. Für die Idee Roms hat er dies beides getan: mit den zufälligen, in mannigfacher Abstufung erbärmlichen Menschenexemplaren, die sich Römer nannten, nicht bloß zusammengehaust, sondern sie immer wieder geführt und fast gewalttätig mit seinem kriegerischen Feuer erfüllt und in den Kampf getrieben, in den Kampf eben gegen Tullus Aufidius und seine Mannen. Den aber, Tullus Aufidius, den Feldherrn der Volsker, darf er achten, indem er mit ihm ficht, er sieht ihn als einen Ebenbürtigen, als den Ebenbürtigen an, als seinen Zweiten in der Welt; sie gehören zu feindlichen Völkern und stehn im Wettstreit um den Heldenruhm: ihrer Natur nach Zusammengehörige, die von den Verhältnissen zur Feindschaft bestimmt sind; Coriolan und die Bewohner Roms sind ihrer Natur nach tief Getrennte, die von den Verhältnissen zum Zusammenhalten bestimmt sind. Nun sind diese Bande zerrissen worden, von den Römern selbst; und ihre Verbindung mit der Idee Roms, die nur durch Coriolan geschlossen wurde, in dem sie verkörpert ist, haben sie auch gesprengt.