Für ihn gibt’s nun nichts zu tun; es ist fast, als ob bloß sein Körper da wäre; nachdem er seinen Entschluß, es zu wagen, gefaßt hat, ist alles Tullus Aufidius anheimgegeben; er selber ist in der Sache nichts weiter wert. Schlägt der ihn gleich nieder, so hat er recht; kann er im Vaterlandsfeind aber den Ebenbürtigen erkennen, ist da in Antium eine solche Stätte des Adels und des verstehenden Edelmuts, daß Platz für zwei solche Gleiche ist, dann ist er, wo er jetzt hingehört: dann dient er entschlossen den Volskern gegen Rom.

Einen Gentleman, einen Adelsmann nennt er sich, wie der Diener den Zerlumpten fragt, wer er sei; und es ist so, wie der Diener höhnisch hinzufügt: „aber ein armer“! Auch in Lumpen ein Adliger, auch als Landesverräter ein Ritter, das ist Coriolan.

Und dann steht er dem Feind gegenüber und offenbart sich ihm kühn. In diesem Augenblick kommt, für uns wie für ihn, zum ersten Mal klar heraus, was ihn über diese Schwelle gebracht hat: er spielt Va banque. Irgendwie weiterleben und warten, bis die etwa da drinnen in Rom sich anders besinnen und ihn gnädig zurückberufen, das kann er nicht. Entweder — oder. Entweder ist Tullus Aufidius zu dem Großen, Herrlichen imstande, dessen er sich von ihm versieht; dann auf zur Rache! Oder er, der Heimatlose, ist allein und waffenlos in die Stadt, in das Lager, in das Haus des Todfeinds gegangen: dann hat er den Tod gefunden, den er sucht.

Der Römer bietet sich dem Feinde seines Vaterlands als Bundesgenossen an: Coriolan übt Verrat! Die Worte klingen, als bezeichneten sie eine ärgste, eine viel schlimmere Vergewaltigung des Edlen gegen sich selbst, als er sie früher zweimal versucht hat; zuerst, als er Consul werden wollte, das war fast harmlos gegen das Zweite, das sich daraus ergab, den furchtbar gescheiterten Versuch, den reuigen Sünder vorzustellen und Verachteten Achtung vorzumachen. Das hat ihn in die Verbannung getrieben; ist er jetzt bei der dritten, der äußersten Gewalttat gegen sich selbst? Sicher ist, damals litt er gräßlich darunter, daß er sich anders geben sollte, als er ist; jetzt ist er seinem eignen Gefühl von sich selbst nach in höchster Lust mit sich eins. Das offenbart sich uns in der Ruhe, der Größe, der Freiheit seiner Rede. Wer so dasteht, wie der Mann in diesem Moment, und sich Aug in Auge dem Tode stellt, wer Tage und Nächte einsam gewandert ist, mit keinem andern Gedanken als diesem Ziele zu, vor dem er jetzt steht, dem ist Rom, Vaterland und alles, was Namen führt, wie Kleid und Schuppen abgefallen, er steht nackt da in der Natur seines Heldentums und seiner ungebrochenen Kampflust, als einer, der voller Leben ist und zu sterben bereit ist. Ja, in diesem Augenblick lebt kein Rom in ihm, hat keine Mutter ihn geboren; er hat kein Vaterland, ist losgelöst von allem, wovon der Mensch sich nur freimachen kann, ohne aufzuhören, er selbst zu sein; und wüßten wir das nur, daß alles andre als eines, dem wir uns ergeben, in jedem Augenblick frei von uns gewählt und ergriffen wird, wie viel inniger, wie viel mehr wir selbst würden wir unsrer Sache uns hingeben! Er hat nur noch dies eine: seine heldische Natur; ein Schwert hat er und weiß einen Feind. So steht er vor dem Mann, der ihm zum Tod oder zu seiner allein noch gebliebenen Bestimmung helfen soll, und spricht:

Nicht in der Hoffnung,

— Verkenn mich nicht — mein Leben zu erhalten;

Scheut’ ich den Tod, wohl keinen in der Welt

Hätt’ ich geflohn wie dich; nein, bloß aus Trotz,

Um völlig quitt zu sein mit den Verbannern,