Und so sind wir bereitet zu einer der strahlendsten, innigsten, höchsten Szenen der gesamten dramatischen Literatur. Die Frauen kommen: seine Mutter; sein zartes, unkriegerisches Weib, sein „holdes Schweigen“, Virgilia die Sanfte, die neben ihm, dem Rauhen steht, wie Desdemona neben Othello; und den Knaben bringen sie mit, der sein Ebenbild ist. Und dazu bringen sie ihm, was mit Cominius dem Feldherrn und dem klugen Staatsmann Menenius Agrippa nicht mitgekommen war: das Vaterland.
Sie kommen in Trauergewändern. Sie beugen sich, sie blicken zum Erbarmen auf ihn; sie knien hin; sie kommen näher. Sonst wohl, wenn einer aufs tiefste erschüttert ist, braucht bloß das Wort, das das Erlebnis ausdrückt, noch dazuzukommen, und schon fließen unhemmbar die Tränen. Der starke Coriolan macht’s umgekehrt; er klammert sich an Aufidius, der bei ihm im Zelt ist, und wiederholt dem und sich selbst alles in Worten, was seine Sinne gewahren, was auf sein Herz eindringen will; die Worte der Beschreibung sollen sich verbinden mit Worten des Gelöbnisses — vor sich selbst und dem Oberfeldherrn der Volsker —, sollen ihn binden: nein, er wird nicht nachgeben. Und schnell, die Sprache ist dazu da, verwandelt er alles, was wie Trotz, Eigensinn, Gebundenheit aussehen könnte, in Gesinnung, in Freiheit, in das Prinzip der völlig ungebundenen, individualistischen Selbstherrlichkeit; gewaltsam, mit Worten, will er sich an den Ursprung des neuen Coriolan, des Namenlosen, an die Stimmung der weltverneinenden Öde anbinden; was geht ihn noch das Vaterland an? muß er, ein Mann, ein Ausgetriebener, ein vom Schicksal Adoptierter, noch Weib und Mutter kennen?
Laß die Volsker
Rom pflügen und Italien eggen, nie
Folg’ ich wie’n Gänslein dem Instinkt; ich stehe,
Als wär’ der Mensch Urheber seiner selbst
Und keinem sonst verwandt.
Aber dann klingt die Stimme seines Weibs: Mein Herr und Gatte! und die Mutter blickt ihn stumm an; da will er zwar im Öffentlichen ganz unnachgiebig bleiben; aber dies holde, lang entbehrte Weib wird er doch küssen dürfen; der Mutter den Gruß der Ehrerbietung zollen? Das erlaubt die Sache; und Aufidius geht’s ja wohl nichts an. Er preßt Virgilia ans Herz; er beugt das Knie vor der Mutter.
Da heißt sie ihn aufstehn. Und dann beugt sie die stolzen, steifen Knie, und kniet vor ihm hin auf dem harten Stein, und spricht dabei bitter, scharf, mit einer Stimme, die noch härter als Stein ist, von der „Huldigung neuer Art“,
die bisher ganz falsch verteilt