War zwischen Kind und Eltern.
Die Welt ist ja verkehrt worden; man muß sich danach richten und muß auf seine alten Tage umlernen: der Römer kämpft jetzt gegen die eigne Stadt, die Weib, Kind und Mutter birgt; so ist ja wohl auch das Grundprinzip der Republik, die Familie und die Oberherrschaft der Eltern aufgehoben: die Mutter, die den frühverstorbenen Vater vertritt, bittet das Kind!
Wie ist diese große Frau immer dieselbe, und wie wechseln die Situationen und damit ihre äußere Stellung zum Sohn! Das erste Mal die herbe Unzufriedenheit, mit Angst gepaart, und die klug unbedenklichen Ratschläge, an deren Befolgung sie im geheimsten nicht zu glauben vermag; dann, wie er in der Tat gegen all ihren Rat und Unterricht und gegen seinen Vorsatz dem Willen seiner Seele gefolgt ist und schrankenlos seine Wahrheit herausgerufen hat, der Stolz, die Liebe, der Haß gegen seine Feinde in Rom, der Wunsch, er möchte sie ausrotten; und jetzt der letzte Versuch, die Stadt vor seinem tauben Grimm zu retten. Und immer um Roms, immer zugleich um seinetwillen, in dem Rom sich verkörpern soll!
Und sie hebt zu bitten an; dem Inhalt nicht nur, auch der Disposition nach getreu nach dem Bericht Plutarchs; wer aber Shakespeares Seelen- und Sprachgewalt an einem ganz großen, wunderbaren Beispiel kennen lernen will, der soll diese Rede Volumnias in Plutarchs und in Shakespeares Fassung neben einander halten.
Sie hält ihm, auf ihre Trauerkleider weisend, die Situation vor, die er kennt; das ist ihre stärkste Waffe, daß sie ihm nichts sagt, was er sich nicht selbst sagt. Vorhin hat er sich noch stark machen können, indem er, was seine gerührten Blicke sahen, in Worte versteckte; jetzt wickeln ihm die Worte einer Stärkeren, Redegewaltigeren nicht bloß seine Eindrücke wieder aus der Umhüllung aus, sie drehen ihm das Herz in der Brust herum. Was wird das Los dieser Frauen sein, wie die mörderische Schlacht auch ausgehe? Wenn er besiegt als Gefangener nach Rom kommt? Wenn er Rom in Trümmer gelegt hat? Und Frau, Kind und Mutter in den Tod getrieben? Ja, in den Tod!
Denn ich, ich, Sohn, denk’ nicht zu warten, bis
Der Krieg entschieden — —
über den Leib seiner Mutter hinweg wird er zum Angriff auf Rom schreiten müssen.
Und Virgilia, die schon früher gezeigt hat, wie ihr im Augenblick der Entscheidung Sprache und Tapferkeit kommt, fällt ein und erklärt für sich, schnell, kurz, eh’ die Tränen quellen, dasselbe; und der kleine Bursch, sein Sohn, redet drein: