Es kann nie wahrhaft gelingen, aus dem folgenden 40. Sonett, das für dieses Thema entscheidend wichtig ist, ein anderes als ein plumpes und halb unverständliches deutsches Gedicht zu machen; es ist aber gerade sein Wesen, daß es in seiner ungemeinen Gewagtheit so in der Form glatt und ohne Anstoß dahinfließt wie die allerüblichste Sache:
| Take all my loves, my love, yea, take them all; | Nimm all meine Liebsten (Lieben), Liebster, ja, nimm sie alle, |
| What hast thou then more than thou hadst before? | Was hast du da mehr, als du vorher hattest? |
| No love, my love, that thou mayst true love call; | Keine Liebe, mein Lieb, die du wahre Liebe nennen kannst; |
| All mine was thine before thou hadst this more. | Alles Meine war dein, ehe du das noch dazu hattest. |
| Then, if for my love thou my love receivest, | Wenn du dann statt meiner Liebe (zu dir) meine Liebe (die Liebste) nimmst, |
| I cannot blame thee, for my love thou usest; | Kann ich dich nicht tadeln, denn du gebrauchst meine Liebe (meine Liebste); |
| But yet be blam’d, if thou thyself deceivest | Und doch sei getadelt, insofern du dich selbst betrügst |
| By wilful taste of what thyself refusest. | Und launisch kostest, was dir selbst widersteht. |
| I do forgive thy robbery, gentle thief, | Ich verzeihe dir deinen Raub, adliger Dieb, |
| Although thou steal thee all my poverty; | Obschon du dir meine ganze Armut stiehlst; |
| And yet, love knows, it is a greater grief | Und doch, weiß die Liebe! ist’s ein größerer Gram, |
| To bear love’s wrong than hate’s known injury. | Das Unrecht der Liebe (des Liebsten) zu tragen als des Hasses vertraute Kränkung. |
| Lascivious grace, in whom all ill well shows, | Lüsterner feiner Gesell, dem alles Schlechte gut steht, |
| Kill me with spites; yet we must not be foes. | Töte mich mit Unbill; aber wir dürfen nicht Feinde werden. |
Wie ist das nicht bloß im Sprachlichen, auch im Ton fast unnachahmlich; was für eine Einheit von Wehmut und Schelmerei! Da wird das Kleine klein und leicht und doch ganz zugleich und im gleichen das Schmerzliche so schmerzlich genommen. Da ist wirklich in the love alles Hohe und Niedrige beisammen; und so ist auch dieses Gedicht in allem Bedenklichen adlig; es wird mehr der Makel im Freund beklagt als der Verlust der Geliebten, nur daß die Sprache es hergibt, das, was im Geschehnis geeint ist, auch mit demselben Sprachausdruck zu bezeichnen: der Makel des Freunds ist die Verführung der Geliebten. Über das, was den Menschen gemeiniglich das Wirkliche und Wichtige ist, ist dieser vom Freund und der Geliebten betrogene Dichter erhaben; so sehr wir von hier aus neu verstehen, welche Rolle Umdunkelung und Vernichtungswut des Hahnreis in Shakespeares Rachedramen spielen, so sehr dürfen wir ganz selig und leicht und frei hier erleben, daß es für den Dichter dieser Gedichte kein Hahnreitum gibt. Die Phantasieliebe wird zum wahren Leben; des Lebens Notdurft wird zum Spiel. Das empfinden wir noch mehr, wenn wir die innere Handlung dieses Vorgangs in den beiden unmittelbar anschließenden Sonetten 41 und 42 noch weiter verfolgen.
Die art’gen Sünden, die der Leichtsinn tut,
Wenn manchmal ich von deinem Herzen fern,
Stehn deiner Schönheit, deinen Jahren gut,
Denn wo du bist, folgt die Versuchung gern.
Adlig bist du, und deshalb zu gewinnen,