„Und dennoch ist mein Lieb so wohlgefügt,

Wie irgendeins, von dem ein Dichter lügt.“

Aber dann kommen die so ganz andern Töne, wo er nicht mehr zweifelnd spielt, sondern ingrimmig verzweifelt, wie wenn alles Heil verspielt wäre.

Da ist das 129. Sonett, das ich Ihnen, als ich von Cleopatra sprach, in Prosa mitteilte, möge es jetzt, wennschon viel verloren geht, als Dichtung erklingen. Es wirkt noch stärker und schauriger, wenn wir das wissen, daß es unmittelbar solchem Spiel folgt und wieder vorhergeht. Solch ein Spiel mit kritischer Liebe, das nicht will, aber muß, hat mancher Dichter, etwa Heine, auch getrieben; aber dann diese irdisch-höllische Liebe in so wahrhaft biblisch-gewaltigen Tönen verfluchen, das finden wir nur bei Shakespeare. Das Spielerische, das Innige des Hohen Liedes ist da,

Schwarz bin ich und doch lieblich,

Ihr Töchter Jerusalems — —,

aber bei Shakespeare wendet sich die ganze glühende Leidenschaftsgewalt im selben Zusammenhang ebenso von der Liebe ab wie vorher und nachher der Liebe zu.

Das ist die Notwendigkeit der Natur und des Geistes, wie er sie eben in diesem Sonett erklärt:

„Geübte Wollust ist des Geists Verschwendung

In wüste Schmach; Wollust ist bis zur Tat