Und dann folgt bei Spinoza eine Analyse der verschiedenen Erscheinungsformen der Knechtschaft, in der kühlen Begriffssprache so unerbittlich scharf, so vollendet und letztgiltig, wie Shakespeare diese Musterkarte in seinen Dramen in lebendiger Anschaulichkeit entworfen hat.

Und haben wir nicht eben als höchsten Gipfel von Shakespeares Leben, als sein Vermächtnis, zu dem er in glühenden Kämpfen kaum für seine Wirklichkeit, nur für seine Sehnsucht, für seinen Glauben gekommen ist, die Botschaft von der Überwindung des Todes gehört?

Wende nichts mehr an das Außen, nichts mehr an den Leib und seine Triebe, sei außen arm, nähre deine Seele!

Entringe dich, so heißt das, der Knechtschaft der Triebe, du vernünftiger, du geistiger Mensch, sei frei!

Genau so hören wir’s von Spinoza, der’s nicht, wie der Phantasie- und Leidenschaftsmensch, sich mit dem Leben erarbeiten mußte, bei ihm nicht als ersehnten Gipfel glühend eruptiven Lebens, sondern als stille Höhe der Weisheit:

„Der freie Mensch denkt an nichts weniger als an den Tod, und seine Weisheit besteht im Nachdenken über das Leben und nicht über den Tod.“

Das ist das Letzte und Höchste, wozu Shakespeare der Dichter gekommen ist. Das ist der Gipfel, die Krone seiner Persönlichkeit, wenn wir mit Fug und Recht als die Persönlichkeit eines Dichters, eines Künstlers nicht das nur nehmen, was äußerlich in die Welt hinein ragt, sondern was innen eine neue Welt, einen neuen Menschen schafft und in den Werken der Kunst verkörpert.

Wir haben ja doch wahrlich heutigen Tags eine ganz andre biographische Neugier als Shakespeares Zeitgenossen, aber nehmen wir doch einmal ein Beispiel.

Wie gräßlich unbegreiflich, was für ein widerwärtiges Rätsel wäre uns der große Vincent van Gogh in seinem persönlichen Leben, wenn wir für dieses Leben angewiesen wären auf die Berichte seiner Verwandten, Bekannten und Freunde, und auf die amtlichen Dokumente.