Nur dadurch, daß wir die wundervollen Briefe dieses Mannes haben, kennen wir die heilige Glut seines reinen Innern; außen in dieser unsrer Welt wurde das Schöne wüst; gehen wir in ihn hinein, so wird das Wüste schön, wie in seinen Bildern.

Und dasselbe gilt für Courbet, dasselbe für Verlaine, für Oscar Wilde, für so viele andre, für alle, die das Reine, das Hohe, das Göttliche nicht in der Ruhe des Denkens, sondern in der Glut der Gesichte, der Gestalten, des Lebens suchen mußten, die es sich erarbeiten mußten, indem sie sich durch das Leben, durch alle Triebe durcharbeiten mußten.

Nicht wie eine Spinne im Netz konnte Shakespeare in Stille verweilen, bis ein Gewalträcher seiner Natur wie Richard III., ein adliger Wutmensch wie Othello, ein junger, stechender, unerbittlicher Umklammerer wie Jago, ein finsterer, nur auf Eines starrender, von Einem gebannter Machtmensch wie Macbeth, eine universell tändelnde, amoralische, berückende, geniale Machtnatur wie Antonius, bis all diese all-alle Männer- und Frauen-, Greisen- und Mädchengestalten in seinem Netz hängen blieben.

Ich glaube nicht, daß er viel nach Modellen arbeiten konnte, die er kühl, unbeteiligt beobachtete; denn er entdeckte so bis ins letzte und tiefste ihre innerste, verräterische Wurzel, daß wir notwendig annehmen müssen: mit den Menschen, die er so kannte, hat er gelebt, mit ihnen hat er erlebt: die Phantasie, die ihm half, war glühendes Hineinbohren, gleichviel, ob Liebe oder Haß oder gar wohl auch einmal Neid: er hat sich so in ihre Seele, in ihre Lage versetzt, daß er lebte, als wenn er sie wäre.

Wer das kann, wer das muß, — nun, wundern wir uns nicht mehr, daß William Shakespeare, der Schauspieler, der Dramatiker, der Künstler in seinen Sonetten sich der Schmach und Sünde anklagt: wer so inständig Glut der Seelen und Flammen der lodernden Leidenschaft miterlebte, nacherlebte, vorerlebte, der war mehr als einmal, in Gedanken, in Wünschen, im Spiel, in Wirklichkeit, gleichviel, ein Verbrecher. Wilde, flammende, zehrende, vernichtende Leidenschaft, gebändigt durch Form, die Beschränkung und Verklärung ist, das war sein Wesen, das war sein Weg.

Die Sonette sind die Briefe Shakespeares, die uns erhalten geblieben sind; Briefe nur an einen oder zwei bestimmte Adressaten, Briefe auch, die keine bloß persönlichen Dokumente, die Kunstwerke sind, aber von hier aus dringen wir in die Seele des Menschen, hier ist der Punkt, wo die Werke, die Dramen sich mit dem Menschen, mit der Persönlichkeit zu einem verbinden.

Könige aller Sorten; Mörder, Säufer, Beutelschneider, Tunichtgute, Bordellwirte, — sie alle haben uns keine Geständnisse gemacht, wie tief sie Shakespeare durchschaut hat.

Wollen wir für dieses sein unbegreifliches, nie so erreichtes Talent, sich in Lagen, Tätigkeiten, Berufe bis ins einzelne zu versetzen, Zeugnisse haben, so müssen wir uns in ungefährlicheres Fahrwasser begeben.

Niemals, in der weiten Welt, im Lauf aller uns bekannten Zeiten ist ein Dichter so einhellig von den Fachmännern bewundert worden wie Shakespeare: Die Juristen, besonders die Advokaten, die Jäger, besonders die von der Falkenbeize, die Ärzte, besonders die Irrenärzte, sagen, er müsse irgendwann in seinem Leben einmal einer der ihren gewesen sein. Zoologen, besonders Entomologen, Botaniker, Gärtner, Navigationskundige, Musiker, Maler, Buchdrucker, Physiologen, alle haben sie spezielle Bücher geschrieben, in denen sie aufzeigen, wie erstaunlich viel Shakespeare von ihrem Fach verstanden habe, und wie weit er darin seiner Zeit voraus gewesen sei.