Er hat geologische Anschauungen geäußert, ehe es eine Wissenschaft der Geologie gab; er hat die Lehre von der Blutzirkulation gekannt, die Harvey erst bekanntgab, als Shakespeares Blut nicht mehr zirkulierte; er, der sich nichts draus machte, in Märchenstücken alle Zeiten und Kulturen durcheinanderzubringen und ein Nirgendwo am Meeresstrand Böhmen zu nennen, hat Verhältnisse und einzelne Umstände in Oberitalien so genau gekannt, daß manche Gelehrte drauf schwören, er müsse dort gewesen sein.

Das, diese Kenntnisse, die Shakespeare an den Tag legt, bringt ja die Baconianer hauptsächlich dazu, einen Mann der Wissenschaft hinter dem Dichter zu suchen.

Wie wenig ahnen sie von der Differenzierung des Geistes!

Dieser Bacon, der noch nicht einmal das kleinste Gedicht zurechtstümpern konnte, war ein echter Mann der Forschung, der Kritik, der wissenschaftlichen und denkerischen Sprache.

Shakespeares Wissen war völlig andrer Art; war immer mit Anschauung, immer mit Intuition, immer mit einer bestimmten Lebenssphäre verbunden, die es zu gestalten galt.

Hätte ihm einer die Aufgabe gestellt, eine botanische Abhandlung über die Flora von Warwickshire oder eine über das Leben der Bienen zu schreiben, er hätte es keineswegs gekonnt oder, wenn’s hätte sein müssen, wäre es ganz armselig geworden.

Im Zusammenhang aber von Erlebnissen, in Gemeinschaft mit Gefühlen und Leidenschaften strömten ihm als Gleichnisse die Erinnerungen zu, und verstand er es überdies, sich all das aus Büchern, aus Gesprächen, aus der Umschau, in der freien Natur und im Handwerk zu holen, was er im Zusammenhang seines Schaffens, seiner bestimmten Zwecke brauchte. Wenn etwas gewiß ist, so gerade das, daß Shakespeare gar nichts Lehrhaftes an sich hatte, daß es ihm nie auf die Verbreitung oder auch nur Behauptung einer Ansicht ankam; jede Anschauung, die er äußerte, stand immer im Zusammenhang mit einer bestimmten Seite des Menschenwesens, mit bestimmtem Erleben eines Charakters. Und so bleiben uns diese wissenschaftlichen, all diese Erkenntnis- und Beobachtungsäußerungen auch nur im Gedächtnis im Zusammenhang mit Gefühlen, Repliken, Ausbrüchen; wir empfinden es als völlig unshakespearisch, wenn die Gelehrten solche Äußerungen jede für sich aus ihrem Gefüge lösen und zusammenstellen.

Auch Homer, den man am ehesten mit Shakespeare in einem Atem nennen darf, hat sich auf Wagenbau, auf Tischlerei, auf Waffenhandwerk, aufs Schmiedehandwerk, auf Obstbau, auf Schiffahrt, auf Schweinezucht trefflich verstanden, — aber noch niemand ist auf die Idee gekommen, der Dichter Homer müsse mit dem Mann der Wissenschaft Pythagoras identisch sein.

Bei ihm ist’s auch nicht nötig; er hat das Glück, daß man von seinem Leben gar nichts weiß; er lebt nur in seinen Gedichten.