Macbeth

Der Macbeth ist erst aus dem Nachlaß im Jahr 1623 in der Folioausgabe veröffentlicht worden; verfaßt wird er wohl in der Zeit zwischen 1606 und 1608 sein; sicher ist, daß Dr. Forman ihn 1610 im Globetheater hat aufführen sehen.

Den Stoff fand Shakespeare wie den des Hamlet, des Lear und manchen andern in Holinsheds Chronik. In diesem Geschichtswerk findet sich auch die Begegnung Macbeths mit den drei Zauberfrauen, die man, wie es an einer Stelle heißt, im Volk für die drei Göttinnen des Schicksals oder doch für Nymphen oder Feen hielt. Die Begegnung schildert Holinshed so, daß man schon einen großen, schaurigen Eindruck von der Szene gewinnen kann: „Macbeth und Banquo ritten zusammen ohne weitere Begleitung nach Fores, wo der König damals sein Lager hielt, und kamen durch Wälder und Felder, als ihnen plötzlich in der Mitte einer großen Heide drei Weiber von fremdem und seltsamem Aussehen begegneten, die Geschöpfen einer früheren Welt glichen.“ Im übrigen ist uns an dem Bericht der Chronik besonders das interessant, was Shakespeare nicht brauchen konnte oder irgendwie verwandeln mußte. Denn der Macbeth der Sagengeschichte, der siebzehn Jahre lang, von 1040 bis 1057 regierte und Banquo erst im zehnten Jahr seiner Regierung ermorden ließ, war trotz der Untat, durch die er auf den Thron kam, bis zu Banquos Ermordung ein guter Fürst: „Macbeth suchte nach der Abreise der beiden Prinzen sich die Gunst der schottischen Edlen und Ritter durch große Freigebigkeit zu gewinnen, und als er sich im friedlichen Besitze des Thrones sah, begann er die Gesetze zu reformieren und alle Unregelmäßigkeiten und Mißstände, die sich unter dem schwachen und trägen König Duncan in die Verwaltung eingeschlichen hatten, auszurotten. Er befreite das Land auf viele Jahre von allen Räubern und verfuhr hierbei so ohne Ansehen der Person, daß er selbst viele Thane, wie die von Cathnes, Sutherland, Stranaverne und Ros, und den Beherrscher von Galloway hinrichten ließ. Dagegen beschützte er die Kirche und die Geistlichen auf das sorgsamste und wurde, um kurz zu sein, wie der Verteidiger und Schild jedes Unschuldigen angesehn.“ Freilich, fügt Holinshed naiv genug hinzu, war das alles nur erheuchelt. Nach Banquos Ermordung trat dann seine Grausamkeit und Tyrannei klar zu Tage. Shakespeare, der auch hier verfährt wie immer und die Regierungszeit König Macbeths nicht nach irgend einer astronomischen Zeit, sondern nach dem inneren Verlauf seines Schicksals, nach dem Tempo seiner Lebenskraft und Intensität bemißt, und der nicht die Wirklichkeit, die Relativität und Gemischtheit der politischen Gesellschaft, sondern die Wahrheit der Grundtriebe im Individuum sub specie aeternitatis darstellt, kann diese lange Zwischenzeit zwischen Duncans und Banquos Ermordung und diese ganze zehnjährige Heuchelei oder Normalität nicht brauchen. Dagegen bleibt Banquo bei Holinshed ruhig in seinem Grabe; die Erscheinung des Toten ist Shakespeares Erfindung, und ebenso auch der Anteil der Lady an Macbeths Schicksal und Taten; bei Holinshed wird ihr Einfluß nur nebenbei einmal erwähnt. Sonst hat Shakespeare manche Einzelzüge und Szenen in treuem Anschluß übernommen; die drei Begrüßungen und die späteren drei Prophezeiungen der Hexen sind da, wenn auch freilich nicht in ihrem großartigen Zusammenhang; die Ermordung der Frau und der Kinder Macduffs und vor allem die Szene seiner Prüfung durch Prinz Malcolm, der sich verstellt, sind dieser Quelle entnommen.

Soviel zur Herkunft der äußern Handlung. Welcher Quelle die innere entstammte, soll uns ein junger Dichtersmann sagen, Grillparzer, der im Jahr 1817 die folgende merkenswerte Niederschrift machte:

„Vielleicht ist Macbeth das größte Werk Shakespeares, das wahrste ist es jedenfalls... Ich glaube, daß das Genie nichts geben kann, als was es in sich selbst gefunden, und daß es nie eine Leidenschaft oder Gesinnung schildern wird, als die es selbst als Mensch in seinem eigenen Busen trägt. Daher kommen die richtigen Blicke, die oft ein junger Mensch in das menschliche Herz tut, indes ein in der Welt Abgearbeiteter, selbst mit scharfem Beobachtungsgeist Ausgerüsteter nichts als hundertmal gesagte Dinge zusammenstoppelt. Also sollte Shakespeare ein Mörder, Dieb, Lügner, Verräter, Undankbarer, Wahnsinniger gewesen sein, weil er sie so meisterlich geschildert? Ja! Das heißt, er mußte zu dem allem Anlage in sich haben, obschon die vorherrschende Vernunft, das moralische Gefühl nichts davon zum Ausbruch kommen ließ. Nur ein Mensch mit ungeheuren Leidenschaften kann meiner Meinung nach dramatischer Dichter sein, ob sie gleich unter dem Zügel der Vernunft stehen müssen und daher im gemeinen Leben nicht zum Vorschein kommen.“ Von dieser Einsicht, die uns wichtig nicht nur für die Psychologie des Genies, sondern vor allem auch für die Beurteilung des Dramatikers Grillparzer sein muß und die überdies, wir erfahren es noch, in Shakespeares Selbstbekenntnissen, in seinen Sonetten ihre Bestätigung findet, war der junge Mann, der sie aufschrieb, so ergriffen, daß er den Ausruf hinzufügte: „Ich wollte, irgend ein Dichter läse das!“

Darin jedenfalls haben inzwischen viele Grillparzer zugestimmt, daß auch sie den Macbeth für Shakespeares größtes Werk erklärt haben. Und darin sind fast alle Beurteiler einhellig, daß Macbeth seine klassischste, seine formvollendetste, seine der Antike geistig am nächsten kommende Tragödie ist. Und in der Tat, kann man vor den und jenen andern Werken Shakespeares wenigstens verstehen, wie der ganz falsche Eindruck, der so lange gespukt hat, entstehen konnte, als wäre er so eine Art Naturdichter, ein Volksdichter, der nachlässig und unbekümmert wie ein trunkener Wilder seine Einfälle vor uns ausschüttete, ein unbewußtes Genie, das sich um Überlegung, Berechnung, Komposition nicht viel kümmerte, so kann bei Macbeth keinem, der irgendwie aufzumerken imstande ist, im geringsten zweifelhaft sein, daß hier alles geplant, gebaut, gewußt, gewollt ist, alles, Aufbau, Szenenfolge, jede Rede und jedes Wort, was getan und gesagt und ebenso, was geschwiegen wird. Mit dieser straffen Komposition, die an nichts so sehr erinnert wie an die gespannten Muskeln in Macbeths Gesicht, wenn er von Dunsinans Turm Ausschau hält nach dem Schicksal, das ihm nichts anhaben soll; mit dieser festen Geschlossenheit, die ihres gleichen nur hat in Macbeths finsterer Entschlossenheit, sich zu behaupten, damit steht auch in Zusammenhang, daß das Stück die kürzeste aller Tragödien Shakespeares ist, wie Hamlet die längste; Hamlet hat 4000 und Macbeth nur 2100 Verse.

Dämonische, sagen wir getrost teuflische Triebe im Innern des Menschen und reale, äußere dämonische Mächte, Abgesandte der Hölle begegnen einander: daß dieses Hereinragen der Geistersphäre diese Tragödie von andern abhebt, sehen wir sofort. Auch haben wir eben gehört, daß es so überliefert ist. Es liegt uns aber trotzdem die Frage ob: Wie ist das? Wie steht es hier um das Verhältnis von Glauben, Aberglauben und Wissen? Wie zumal ist das Verhältnis zu unsrer naturwissenschaftlichen Weltanschauung?

Vor allem ist da zu beachten: Shakespeare der Weite und Vielfältige ist darum aus Notwendigkeit ein Dramatiker, weil er sein Geheimnis zu wahren hat, weil er die Einheit der Person, die eine Frage ans Schicksal und ein Ringen mehr ist als eine Sicherheit, hinter der gespaltenen Vielheit der Gestalten versteckt. So entsprechen bei ihm Weltanschauung und geistige Stimmung, die in einem Stück walten, durchaus der Gesinnung und Charakterhaltung der Hauptperson oder den Tönungen und Bedingungen der Handlung, und es ist nicht zu viel gesagt, wenn geradeswegs ausgesprochen wird, daß bei einem Dichter wie Shakespeare die Weltanschauung viel mehr, als gewöhnlich beachtet wird, ein je nach Bedarf wechselndes formales Element ist. Was daher für ein besonderes Stück gilt, darf nie auf den ganzen Dichter und seine Gesamthaltung übertragen werden: so passen sich auch die Elementargeister, die Erscheinungen, die Gespenster immer der Stimmung der Dichtung, der Innerlichkeit der Träger der Handlung an: im Sommernachtstraum weht eine Renaissanceluft hell, neckisch, spöttisch wie bei Ariost, eine Romantik also, die der Ausdruck mehr des Rationalismus als irgendwie dumpfer Mystik ist; die Erscheinung von Julius Cäsars Genius hinwiederum in ihrer klaren, würdevollen Sprache steht ganz im Einklang mit der stoisch-republikanischen Selbstbestimmung edel-gebildeter römischer Bürger. Man denke sich die Hexen der schottischen Heide in dem Römerdrama, oder einen Kobold wie Puck, einen Geisterfürsten wie Oberon im Macbeth, — und man wird sofort merken, daß man mit einem souveränen Dichter zu tun hat und daß die Frage nach seiner Befangenheit in Glauben und Aberglauben von Seiten seiner Dramen kaum eine bündige Antwort finden wird.