Für das Zeitalter Shakespeares und die Anschauungen, in denen die besten Geister dieser Zeit standen, ist zu sagen, daß das, was wir geneigt sind Aberglauben zu nennen, viel weniger Rückstände alter Zeit, als gerade Anfänge natürlicher Betrachtung sind. Die Wissenschaft hat sich nicht allmählich aus geringem und bescheidenem Keime zu uns herauf entwickelt; wenn sich etwas auf diesem Gebiete aus kleinsten Anfängen zu achtbarer Größe hinaufgesteigert hat, so ist es vielmehr gerade die Bescheidenheit und Resignation. Im Anfang, im Zeitalter Fausts, hat das Wissen im Glauben der Menschen die Gabe, Riesenkräfte zur theoretischen wie praktischen Bezwingung der Natur zu verleihen; und diese Natur wird nicht für harmlos und lediglich sachlichen Prinzipien oder gar nur mathematischen Formeln unterworfen angesehen, sondern als strotzender Kraftspeicher betrachtet. Man sieht die Natur ungeheuerlich, wozu eben auch gehört, daß es in ihr nicht geheuer ist; alles Ungeheuerliche aber wird als durchaus natürlich und unsrer bezwingenden Menschenkraft erkennbar und zugänglich aufgefaßt.
In alledem, was wir heute überwunden haben und dem Aberglauben zuzuweisen geneigt sind, in der Alchemie und Astrologie, in dem Glauben an Vorbedeutungen und Offenbarungen durch Naturgeschehnisse, wie Erdbeben, Meteore, Finsternisse und dergleichen, steckt die wissenschaftliche Frage an die von den Banden des Dogmatismus befreite, seltsam, trächtig, gärend, chaotisch gewordene Welt: Ist hier nicht, ist nicht zwischen innen und außen, zwischen Menschenschicksal und Weltbewegung ein kausaler Zusammenhang? Die Frage gehört der Wissenschaft an, so betrüblich paradox im eigentlichen Wortsinn es auch klingen mag, eine Frage ein Wissen zu nennen, die Antwort aber, die jene Zeit fand, entstammt starker, gestaltender dichterischer Phantasie; wohl uns, wenn nach wiederum etlichen Jahrhunderten von unsern Antworten das Selbe gesagt werden kann!
So steht’s nun auch um den Hexenglauben, der in dem Glaubenssystem der christlichen Zeit nie recht Platz fand, erst vom 14. Jahrhundert an ins Kraut schoß und im Zeitalter der sprossenden Wissenschaft sich sein System ausbildete, — woran sich Shakespeares gelehrter König Jakob in eifrig pedantischer Arbeit redlich beteiligte.
Überall begegnen wir der Tendenz, der auch dieser Glaube angehört, nicht, das Geheimnis, das Grauen, den dunklen Zusammenhang zwischen Materie und Seele ins Mechanische aufzulösen und die Welt, die man als dämonisch erlebte, durch die Wissenschaft nüchtern zu machen, sondern umgekehrt das Materielle als beseelt, als vom Geiste durchdrungen und durchglüht zu erfassen. Das Göttliche und Teuflische war in die Natur aufgenommen; dem Verständnis und der gebietenden Gewalt, der Magie des Menschen sollte kein Gebiet mehr unerreichbar, mehr jenseits verbleiben. Männer wie Giordano Bruno und Jakob Böhme, Shakespeares Zeitgenossen, mit deren erstem er als junger Mensch sogar persönlich in London Verkehr gepflogen haben könnte, machten den Versuch, die symbolischen Heilswahrheiten der Religion naturwissenschaftlich zu deuten, eine Physik und Chemie des Christentums zu begründen. Und immer soll die Naturanschauung, soll die Einheit der Natur Geist und Materie umfassen. Zu der Bescheidung, um der Kausalität willen auf die Frage nach dem Zweck und dem Sinn, um der Wissenschaft willen auf das Suchen der Wahrheit zu verzichten, war man noch nicht gekommen.
In dieses Gebiet also, auf diese Stufe der schöpferischen Kraft und Vehemenz des forschenden und ringenden Geistes gehört der Glaube von Shakespeares Zeitalter an den Verkehr zwischen Menschen und dämonischen Elementarwesen, die in die Stoffe und Kräfte der Natur gebannt sein sollten, gleichviel hier, wie weit Shakespeare diesen Glauben teilte, wie weit er als Dichter sich spielend, versuchend, versucherisch, tragisch, dämonisch in ihm erging.
Das Gewaltige und Einzige in der Darstellung des Dichters, die uns hier beschäftigt, ist nun, daß Macbeth den Dämonen verfallen ist, ohne — wie Faust zum Beispiel im Volksbuch und bei Marlowe — ein ausdrückliches Bündnis mit ihnen einzugehen. Es ist ein Verhältnis wie Sympathie oder Fernwirkung: er ruft die höllischen Mächte nur dadurch, und sie, die uns allezeit unsichtbar umschweben, nehmen nur darum für ihn Sichtbarkeit an, weil seine Gedanken, seine Triebe, seine dunkeln Wünsche und undeutlichen Pläne ihnen verwandt sind. Welch eine Welt! Welch eine prästabilierte Harmonie der Hölle! Was in unserm tiefsten, finstersten Untergrund sich keimend regt und noch farblose, blasse Würzelchen unsicher tastend nach außen schickt, das sind zugleich Lockungen, die von draußen, vom Drunten nicht unsres Innern, sondern der allverbreiteten Unterwelt her uns suchend, Einlaß begehrend, unruhig schwirrend umkreisen und zu uns hinein wollen. Das ist hier auf Erden nicht nur eine Welt des Stoffwechsels, wo der Leib des Individuums in unausgesetztem Austauschverkehr mit der stofflichen Welt steht, sondern eine Welt, wo die Kräfte, die Seelchen, die Dämonen des Innern und Äußern im Wechselverhältnis stehen.
Wir Laien, wir Normalen, wir Braven sagen so leichthin: Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Man überlegt aber nicht, was für eine Wechselwirkung, was für eine geheimnisvolle Gemeinschaft damit zum Ausdruck gebracht ist. Schon wenn dieses Geistige in uns, das wir Willen nennen, nur den Finger rühren will und siehe da! es geschieht, schon da ist es so, wie wenn dem Gedanken Mächte, die im Elementaren der Materie auf unsern Befehl, auf unsre Bereitschaft warten, gehorchen und entgegenkommen. Das Kindchen will an der Mutterbrust saugen; will aber die Brust nicht auch geleert und befreit sein? Und wissen wir nicht, wenn nicht in der Naturwissenschaft, so doch gewiß in der Welt, die wir die moralische nennen, und das ist die, die den Dichter angeht, daß die Materie, die uns dient, die wir brauchen und begehren und einheimsen und formen, daß sie Herr über uns werden, daß sie uns mit Haut und Haaren verschlingen kann?
Nichts an höllischer Einwirkung kommt zu Macbeth bloß von außen, ohne daß es von seiner innern Bereitschaft gerufen wäre; aber auch umgekehrt freilich, und das macht seine besondere Welt aus, das stellt diese der Sphäre der christlich-renaissancehaften Naturmagie zugehörige Tragödie neben die antike: nichts, was sich in seinem Innern gebiert, bleibt ohne dämonische Unterstützung, Weiterführung und Irreführung. Gott, mein Gott, was würde aus uns allen, wenn die Dämonen uns und unsern geheimen Regungen auch nur so hülfen, wie sie Macbeth zur Seite treten: mit Verkündungen, Verheißungen, feierlichen Begrüßungen! Und wenn nun gar wie hier diese Hilfe ein Beinstellen, die Verkündung eine Zweideutigkeit, die Verheißung eine Fopperei, die Begrüßung ein feindlicher Hohn wäre! Damit, daß wir das bedenken, haben wir, wie es für die innige Aufnahme der Tragödie not tut, aus Macbeth, was immer Entsetzliches er tue, den Bruder unsres Herzens gemacht, einen solchen aber, der in leibhafter Wirklichkeit auf gehobener Ebene verkörpert und erlebt, was uns in den Eingeweiden stecken bleibt. Nicht eine zufällig-äußerliche Wirklichkeit fabelhafter Ferne, sondern unsre nächste Gefahr, den Nachbarn all unsrer Emotionen und Begierden, die Wahrheit unsres Innern stellt Macbeth uns vor Augen. Er ist ein tragisch, ein dämonisch Auserwählter, ein übers menschliche Maß hinaus Gesteigerter und über Menschenkraft Gequälter wie unser Vater Prometheus, der zum Tisch der Götter zugelassen wurde, wie unser Bruder Ödipus, über den die Götter in dem Spiel, das sie da droben üben, schon vor der Geburt das Los warfen.
Nun sollten wir bereitet sein, zu hören, was er ist, was er tut, was er leidet, was ihm geschieht.
Er ist einer der Großen Schottlands, der Vetter des Königs Duncan. Solange Malcolm, der älteste Sohn des Königs, nicht für volljährig und thronberechtigt erklärt ist, darf Macbeth sich für den rechtmäßigen Thronerben halten. Auch in Schottland geht es so zu, wie damals fast überall: eine richtige Thronfolgeordnung besteht nicht zu Recht; es ist eine Mischung aus Wahlrecht der Stände und Erbkönigtum; keineswegs folgt immer der älteste Sohn, oft ein andres, nah oder fern verwandtes Glied des Königshauses, das sich durch Kraft oder Erfolg hervortut.