Sehr wahr ist etwas, worauf Grillparzer hinweist: „Shakespeare hat hier nicht bloß Macbeth und seine Gattin, er hat Mann und Weib überhaupt geschildert.“ Besser wäre zu sagen, daß der Dichter den ganz besonderen Mann Macbeth in seiner einmalig individuellen Situation nie aus dem Umkreis der Mannesart, das individuelle Weib, seine Frau, nie aus der Sphäre des Weiblichen entfernt. Und wenn Grillparzer dann weiter sagt, in Lady Macbeths Seele sei der Entschluß im ersten Augenblick reif, so ist das nur wahr, wenn man dazu sagt, daß es der Gedanke ihres Mannes ist, der in ihr sofort zum Entschluß erwächst und gesteifter Tatwille wird. Richtig ist jedenfalls, sie bestimmt ihn zu seiner Tat, feuert ihn an, hält ihn wie mit Klammern darin fest.

Aber nun das sehr Richtige und Wichtige, was Grillparzer beobachtet hat: „Aber jetzt, da gehandelt werden soll, kehrt sich auf einmal das Verhältnis um. Macbeth schaudert, aber handelt; sein Weib, die Entmenschte, die Verlockerin, war vor ihm in Duncans Zimmer, sie hatte die Dolche in der Hand, —

‚hätt’ er nicht im Schlaf meinem Vater ähnlich gesehn,

ich hätt’s getan!‘“

Und Grillparzer, der von Anfang an gewußt hat, wie das Genie nicht blind hinwirft, sondern sein Handwerk verstehn muß, fügt ganz begeistert hinzu: „Ich ärgere mich oft über mich selbst, daß ich die Idee, etwas zu schreiben, nicht aufgebe, wenn ich so was gelesen habe.“

Sie also kann weder ursprünglich denken, noch letztgiltig handeln; da stellt sich ihr der Schauder in den Weg; aus dem Gebiet, das sie oben nicht kennt und nicht duldet, aus dem Gebiet der Erinnerungen, Assoziationen, Verwandtschaften und Träume, aus dem zu Gefühl gewordenen Leben der Vergangenheit herauf tritt etwas dazwischen und lähmt ihre Hand.

Zunächst aber tritt viel mehr die Einigkeit des Paars als seine Getrenntheit zu Tage; das ist schauerlich wie das Eingreifen der Unterirdischen in das Werk der Menschen, wie diese zwei zu schnödestem Mordplan in ganz inniger Liebe verbunden sind. So stellen wir uns bewundernd und ohne Schauder einen Löwen und seine Löwin vor; nur daß wir hier doch von Anfang an wissen und fühlend miterleben: das Bluthandwerk ist nicht ihr Beruf; es sind trotz allem empfindende, phantasiebegabte, leidende und mitleidige Menschen!

Zunächst aber spüren wir nur den frevlen Gegensatz zwischen ihrer Liebe zu einander und ihrer Unmenschlichkeit, und dazu den Gegensatz zwischen dem Vertrauen des Königs und ihrem Plan.

Macbeth ist rasch vom Pferd gesprungen, ahnt die Königskavalkade dicht hinter sich, es ist nur Zeit für ein paar hastige Worte, aber sie verstehen sich sofort: