Der König kommt und fühlt sich ganz wohl: es ist der Abend nach der siegreichen Schlacht; ihm scheint eine Stimmung des Friedens und der Behaglichkeit in der Luft zu schweben. Und Banquo, dem allerlei Gedanken fürs Nächste und Entfernte durch den Kopf gehen mögen — er war dabei, wie dem Macbeth die Königskrone verheißen wurde, und hat ihn dabei gut im Auge gehabt, und ihm, Banquo, ist von den wissenden Schwestern verkündet worden, seine eigenen Nachkommen sollten einst Könige sein —, Banquo bestärkt den König in seinem harmlosen Vertrauen.
So geht man zur Tafel. Macbeth ist noch keineswegs mit sich im reinen. Er nimmt keine Rücksicht darauf, daß es auffallen muß, wenn der Wirt seine Gäste allein läßt; er kann nicht still sitzen; er geht hinaus und erwägt. Es sollte schnell geschehen — aber die Folgen müssen bedacht werden. Wie wird’s die Welt ansehen? welches Mitleid wird aufsteigen? die Tat ist unerhört: der Untertan ermordet den König; der Vetter den Nahverwandten; der Wirt den Gast; bei Nacht den Vertrauenden; blutige Taten gegen ihn selbst können folgen.
Die Frau kommt dazu; sie begreift von alledem nichts. Wozu jetzt dies auffällige Benehmen? Er hat’s doch schon lange beschlossen; jetzt ist die Gelegenheit, das kann er nicht leugnen; wie kann er schwanken? Er hat sich’s zugeschworen, hat’s ihr geschworen: König zu werden; was er geschworen hat, muß er tun. Nicht der entfernteste Gedanke kommt ihr, an welches Heilige und Unverbrüchliche gerade der Schwur des Menschen gebunden ist; sie versteht nichts andres in ihrem Hirn als dieses Festhalten am Wort; sie formalisiert ihn und nagelt ihn fest; eigensinnig, beschränkt wiederholt sie ihm, was er doch immer selbst gesagt; und um ihm vorzuhalten, was Konsequenz und was Mannhaftigkeit ist, zeigt sie ihm, und es verbindet sich dabei wahrhaft erhabenes Gefühl mit ihrer Vorstellung, was es doch heißen wolle, sich Wort zu halten und seinem Vorsatz treu und fest zu sein, sie zeigt ihm, was sie als Frau Gräßlichstes, Unnennbares zu tun imstande wäre, wenn sie’s nur erst sich vorgesetzt und sich und dem Gemahl geschworen hätte; sie sagt es und sie glaubt es:
Ich hab’ gestillt und weiß,
Wie süß es ist, ein liebes Kind zu nähren, —
Ich hätt’ ihm, wie es mir ins Auge lachte,
Die Brust gerissen aus den weichen Kiefern,
Sein Hirn zerschmettert, hätt’ ich’s so geschworen,
Wie du geschworen hast!
Diese ihre Logik, Konsequenz, Entschlossenheit mit dem eiskalten Pathos des Willensgedankens sticht wie ein blitzender Dolch in das nächtige Dunkel, das wogend um ihn und in ihm braut. Der Mann täte die Tat, so glauben wir in dieser Stunde, niemals, wenn nicht diese dämonischen Mächte, dieses Teuflische wäre, wie es erst von den wüsten Weibern in feierlicher Begrüßung und jetzt von seiner schönen Frau mit seinen eignen Gedanken zu ihm spräche, wenn nicht das Ungeheure ihn wie überirdischer, wie Geist- und Liebeszauber anlockte. So tritt jetzt das Dämonische sichtbar, greifbar aus seinem Innern heraus; jetzt wohnen wir seiner ersten Halluzination bei: den Dolch, gerade so einen paßlichen für diese Tat, sieht er vor sich lockend in den Lüften schweben und den Weg weisen; nun ist er zur Tat entschlossen, wie einer, der unentrinnbarem Joch den Nacken beugt; er fühlt sich in die Geisterwelt aufgenommen, und es ist ihm, als wäre sein Mord so etwas wie das Tun eines Mondsüchtigen oder der Zwang, der einen Sklaven der Wollust auf seine Wege zieht. Er ist in den Zauberkreis getreten; der Bund mit den elementaren Mächten ist geschlossen; er tut, was er muß; ernst, schaudernd, wie ein hoffnungslos Bezeichneter.