Es schweigt vor allem — Banquo. Da scheint ein seltsam stillschweigendes Einverständnis zu herrschen; er ist eine Art Mitwisser und Mitschuldiger; er ist mit bei den Hexen gewesen. Er steht da wie einer, der seine Zeit abwartet. Und hat er nicht doppelt Grund dazu? Ist, zwar nicht ihm selbst, aber doch seinem Geschlecht, nicht die Nachfolge verheißen worden? Für ihn also und seine Erben soll Macbeth das Gräßliche getan haben? Nein; diesmal will Macbeth den Kampf mit dem Schicksal, mit der Vorbestimmung selbst aufnehmen; es soll nicht kommen, wie die Sprecherinnen des Schicksals verkündet haben: Banquo und dazu noch sein einziger Sohn, beide müssen sie fort aus der Welt. Er ist es dem Schicksal, seinem Schicksal, schuldig, sich der Verheißung, die einem andern zu Teil wurde, nicht zu fügen, sondern zu tun, was geboten ist.
Das ist das Eigentümliche an diesem Macbeth, der sein Alles an Eines, an die Macht, gesetzt, der seine Phantasie nur nach diesem Einen hat fahren und an ihm scheitern lassen, daß er nun seinem Trieb und der Notwendigkeit seines Schicksals folgt wie einer Pflicht. Das hat Goethe gesehen: das Wollen wird in Macbeth zum Sollen. Seine Tat an Duncan hat er geleistet, weil er sie schuldig war, seinem Willen, dem Verhängnis, seiner pochenden Frau, und nun folgt Schuld auf Schuld: alles aber tut er finster, hart, in gepreßter Verzweiflung, wie ein Sklave.
Daß er froh lachen oder lächeln könnte, solche Vorstellung ist uns unmöglich; ja später, wenn er noch eine Stufe weiter gekommen ist, wird er höhnisch auflachen können, wenn er an seine Unbesiegbarkeit und an die Hexenoffenbarungen denkt.
Es wird immer einsamer um den lustlosen Mann. Noch ist er gut und sanft zur Königin; aber er zieht sie nicht mehr ins Vertrauen; er ist nicht mehr der Mann, der er früher war, wo er so gern und immer wieder ihr all sein Inneres eröffnete und seine Träume und Pläne mit ihr besprach. Er hat genug von den Folgen, die diese Vertraulichkeit gehabt hat; er zieht sich ins Schweigen zurück; damit schont er sie und sich selber. Die Ermordung Banquos, durch gedungene Mörder, die auch eigene Gründe zur Rache haben, entwirft er allein. Die Tat geschieht; ihr phantastisches Element, das dem verheißenen Schicksal entgegentreten sollte, mißlingt; Banquos Erbe entkommt; eine neue Bestätigung für die Wahrheit der Hexensprüche; aber Banquo, die Gefahr für des Königs Wirklichkeit, ist aus dem Wege geräumt.
Nun aber tritt das Dämonische ganz gewaltsam aus seinem Innern heraus. Längst ja zwingt sich der unselige Mann zu Dingen, die über seine Kraft, über seine Natur gehen; in dem Augenblick, wo er da droben in der Bewußtseinswelt die Zunge mit seinem Willen zwingt, heuchlerisch zu reden und die Abwesenheit dessen zu bedauern, den er hat morden lassen, stellt ihm das Unterbewußtsein die Gestalt des Ermordeten, so blutig und entstellt, wie seine Phantasie drunten sie sich ausmalt, leibhaft vor Augen. Nur er sieht die Gestalt, keiner der Gäste beim Bankett, und ganz gewiß nicht die Lady, die uns hier noch einmal in ihrem Rationalismus gegenübertritt; sie versteht ganz gut, was geschehen ist; aber sie versteht nicht, wie man so sein kann; wollen und nicht wollen; überlegt tun und bereuen; wie seltsam!
Banquos Erscheinung ist eine Halluzination der Angst und des Grauens; keiner hat sie gesehen, aber alle haben gehört, die fürchterlich verräterischen Worte ihres Königs gehört. Das Land weiß nun, daß der König durch greulichen Mord auf den Thron gekommen ist; seine eigne Zunge hat’s ausschwatzen müssen. Und er wiederum weiß, daß die andern ihn jetzt kennen: er fängt seine Schreckensherrschaft an; er muß. „Wir sind noch jung in solchen Taten.“ In furchtbarer Bitterkeit entschuldigt er sich für seine Empfindsamkeit. Er weiß: er muß fortfahren, wie er begonnen. Und nun sucht er die, die einstmals von selbst, wie von selbst seinen Weg gekreuzt. Er weiß, hat es heute Abend durch Banquos Erscheinung wieder neu erfahren: mit ihm ist’s nicht wie mit andern Menschen. Er dient den Dämonen, sie sollen auch ihm dienen. Er will alles wissen, will sein Geschick ganz kennen; will alles tun, was das einmal Begonnene erfordert; und gälte es, weiter und immer weiter durch Blut zu waten. Zurück? Das ist unmöglich. Vorwärts also!
Und so geht er streng entschlossen zu den Hexen in ihre Höhle. Aber sie sind nun, wo er selber kommt, nicht mehr die nämlichen. Die Wendung ist da; Hekate selbst, die Herrin und Göttin teuflischen Zaubers, hat eingegriffen; bisher haben die bösen Triebe und Gewalten ihm gedient und ihn hochgebracht; jetzt, wo er die schlimmste Mordtat begangen, wo er letztgiltig sein besseres Ich getötet und sich zum Weg des Unholds entschlossen hat, muß völlige Verblendung über ihn kommen: der Wahn, ein Cäsar, ein Gott, ein Unverletzlicher, ein Erkorener zu sein.
So werden ihm in der Hexenküche die drei neuen Verkündigungen offenbart, die so sonderbar in einander greifen und die für ihn doch keinerlei Widerspruch enthalten.
Zuerst wird er vor Macduff gewarnt. Nun, das ist gut und sicher ehrlich; dem hat er schon von selber nicht getraut; da soll abgeholfen werden. Und es wird ja auch wohl gelingen, ihn unschädlich zu machen; denn die zweite Verkündigung lautet, daß keiner, den ein Weib gebar, kein Mensch in der Welt also, ihm etwas anhaben kann; und die dritte, daß er unbesiegt bleibt, solange nicht der Wald von Birnam gegen seine Bergfestung Dunsinan anrückt! Ja ja, so schwungvoll in Bildersprache drücken sich diese phantastischen Geister aus, das kennt er schon; er aber, der jetzt genug hat von der Phantasie und nüchtern geworden ist, übersetzt es sich in unsre gemeine Menschensprache. Immer also, immer, sein Leben lang soll er unbesiegt bleiben! Kein Menschenkind soll ihn überwinden können! Jetzt hat er, was ihm einzig noch das Leben erträglich macht, was ihn auf einmal befreit von allen Ängsten; denn bei all seinen Anfällen war es ja immer die trügerische Ungewißheit, was ihn erschreckt hat, waren es ja vor allem die Folgen, die er gefürchtet hat. Aber jetzt hat er, was er braucht, was ihn festigt und feit, was ihn über alle andern Menschen weit erhebt: die Sicherheit! Eben die Sicherheit, die ihm Hekate als Höllenangebinde zugedacht hat.
Er hat die Sicherheit, aber er ist nicht der Mann, sich in ihr zu wiegen; er hat nicht vergessen, womit es angehoben hat: daß die Geister den Spruch verkünden, und daß er selber das Amt hat, ihn auszuführen. Kaum einen Augenblick überläßt er sich dem Gefühl der Befriedigung; dann will er noch mehr wissen; sein Wille möchte übers Grab hinaus wirken; wird Banquos Nachkommenschaft je über Schottland herrschen? Und er sieht die ruhmreichen Könige vor Augen, die nicht seine, die Banquos Erben sein sollen. (Das empfanden Shakespeares Zeitgenossen nebenbei als eine Huldigung für König Jakob, der seinen Stammbaum auf Banquo zurückführte; uns geht das nichts an.) Macbeth hat genug von dem Hexenwesen; die Wut bäumt sich auf und weiß doch, daß sie gegen das Schicksal ohnmächtig ist; aber in Ausführung des Schicksals gilt es nun, grimmig im Lande zu wüten, zumal er sofort beim Verlassen der Höhle die bedenkliche Botschaft empfängt, daß Macduff nach England geflohen ist. Jetzt soll ein neues Regiment beginnen; hätte er gegen Macduff sofort so gehandelt, wie es sein Argwohn ihm eingab, so wäre das nicht geschehen. Nun ist er so weit, wie die Frau ihn hatte haben wollen: keine Lücke darf es geben zwischen Gedanken und Tat; ohne Besinnung, ohne Pause soll fürder ausgeführt werden, was er will, was er soll. Das ist von je sein Feind gewesen, das Grübeln, die Besinnung, die Betrachtung der Tat vor ihr und nach ihr. Jetzt hört das auf; er hat Sicherheit; Sicherheit vor allem über seine Aufgabe: wie ein Würgengel um seinen Thron zu mähen, auf daß er ungefährdet, unnahbar und erhaben in der Leere stünde. Macduff ist weg, der einzige, den er noch fürchten soll; da will er helfen, er braucht keine Geister dazu, will nie mehr mit ihnen zu tun haben, die ihm ein höllisches Leben bestimmen, aber keine Kinder und keine genießenden und entsühnenden Erben gewähren. Sofort soll Macduffs Burg überfallen, soll alles zerstört, sollen Weib und Kinder getötet werden.