Lear der König, der alte Mann, der Vater legt großen Wert auf die Liebe; aber — Strindberg hat gut darauf hingewiesen — der Eigenwillige, Heftige, Launische versteht unter Liebe vor allem: sich lieben lassen. Mildernd ist da allerdings zu sagen: er ist alt, fühlt sich hinfällig, hat, ohne daß er’s in seinem starken Verlangen nach majestätischem Auftreten zeigen will, das Bedürfnis, sich anzulehnen; sein starkes Reden, Pochen und Kopf-in-den-Nacken-werfen täuscht nicht darüber, er ist schon ein wenig weinerlich geworden; er blickt sich, nur soll man’s nicht merken, nach Liebe und Pflege um.

Wie mag er früher gewesen sein, als er noch rüstig war, in der Manneszeit, in der Jugend? Auch da hat Strindberg etwas Interessantes, auch für ihn selbst Bezeichnendes gefragt: was hat König Lear eigentlich für eine Frau gehabt? Jetzt ist sie tot. Wie hat er mit ihr gelebt? Die Kinder dieser Ehe sind jedenfalls sehr ungleich ausgefallen, und ungleich werden wohl auch ihrer beider Naturen, untereinander und jede in sich, gewesen sein; ungleich etwa auch Art und Grad ihres Zusammenlebens. Erwähnt wird die Frau nur einmal. Wie Regan den Vater, der sich unzeitig bei ihr einquartieren will, mit kaum unterdrücktem Zorn begrüßt:

Ich freu’ mich, Euer Majestät zu sehn,

da erwidert er mißtrauisch:

Regan, ich denk’, du tust’s, und weiß den Grund,

Warum ich’s denke: wärst du nicht erfreut,

Ich schiede mich von deiner Mutter Grab,

Weil’s eine Ehebrecherin verschlösse.

Schließlich heißt das nur in einer etwas blühenden Gleichnissprache: Du bist mein echtes Kind nicht, wenn du dich nicht freust, deinen Vater zu sehen! Aber dies Stück stammt aus der Periode, wo Shakespeare schon lange nicht mehr die üppige Sprache mit sich, sondern höchstens mit den Personen davonlaufen läßt, für deren Charakter und Erleben sie kennzeichnend ist; und überdies dürfen wir glauben, daß dem reifen Dichter, als er Lear gerade so und nicht anders reden ließ, die Frage nach Lears Weib schon auch selber einfiel, und vor allem: wir werden noch hören, wie Lear später, wo mit der Tollheit die Erinnerungen farbig und brennend heraufgekommen sind, sich über den Zusammenhang von Machtwillkür und Weibsgemeinheit äußern wird. Ein gewisser Einblick in das frühere Leben und die Beschaffenheit der Ehe eröffnet sich da schon, und mehr als diese allgemeine Stimmung brauchen wir nicht; mehr hat auch der Dichter selbst nicht gewußt.