Was die beiden ältesten Töchter über ihren Vater äußern, soll wohl vor allem ihre Lieblosigkeit kennzeichnen; der böse Blick aber sieht scharf, und was sie von den Schwächen, den Altersschwächen ihres Vaters sagen, finden wir im Sachlichen selbst bestätigt und glauben den Töchtern gern, daß das im Alter sich nur verstärkt hat, aber schon immer seine Manier war. Und wenn nun Goneril, das junge Weib, klagt, „die besten rüstigsten Jahre seines Lebens“ seien auch schon voll Übereilung gewesen, so finden wir das recht glaubhaft; sie wird sich aus ihrer Kinderzeit, etwa auch aus Erzählungen, an genug solche Auftritte erinnern. Er ist ein Mann, von dem ungestüme Launen, jähe Machtsprüche zu erwarten sind. Vielleicht ist aber doch die Szene, mit der die Handlung einsetzt, das tollste Stück, das er je geleistet hat. Die beiden ältesten Töchter sind schon verheiratet; um Cordelia, die jüngste, bewerben sich zwei hochansehnliche Freier. Das wurmt ihn innerlich schon, ohne daß er sich’s eingesteht, daß das jüngste und liebste Kind ihn nun auch noch verlassen, einem andern in Liebe folgen soll:

Sie war mein liebstes Kind; des Alters Trost

Hofft’ ich von ihrer Pflege.

Sie hätte ganz bei ihm bleiben sollen; er ist nicht der Mann zu begreifen, wie man einen andern lieb haben kann; und nun soll sie gar so weit weg; zwei Ausländer, man könnte fast Schlimmeres sagen, Landesfeinde bewerben sich um sie; die beiden älteren Töchter haben wenigstens Herzöge Britanniens zu Männern genommen. Nun wird sie wohl gar, wenn er ihr schon ein Drittel des Landes gibt, die meiste Zeit fort, drüben in Frankreich oder Burgund sein. Auf jeden Fall will er sich’s jetzt bequem machen, will die Last der Regierung auf seine alten Tage los sein, aber ein reiches, üppiges, königlich gebieterisches Leben mit Jagden und Festen und Ritterfahrten weiter führen. Diesen seinen Entschluß betrachtet er als einen edelmütig liebevollen Verzicht, als Großmut; er hält es für selbstverständlich, daß die Töchter und der Hof ihn so nehmen müssen; und da ist es, meint er, das wenigste, daß sie ihm dafür jetzt, in feierlicher Staatssitzung versichern, wie lieb sie ihn haben, das heißt, wie gut er ist.

Und gerade das kann Cordelia nicht! Ihre beiden Schwestern nehmen die Sache politisch; wenn Paris eine Messe wert ist, sind sie ja wohl keine Teufelinnen aus der Hölle, sondern bloß Fürstinnen durchschnittlicher Art, wenn sie für ein Drittel Britanniens ihrem despotischen Vater mit schönen Redensarten um den Bart gehen. Wie man Shakespearephilologie von seiner übrigen Gesinnung trennen kann, verstehe ich nicht, aufrichtig gesagt; ich habe in der Tat gar nichts dagegen und sehr viel dafür, wenn man sich auf den wunderschönen Standpunkt Cordelias stellt; aber damit, daß man ihre Haltung bewundert und die der andern Schwestern als etwas abgründlich Schlechtes, als schnöde Heuchelei verdammt, ist es nicht getan. Unser ganzes öffentliches, gesellschaftliches und Familienleben wird radikal umgestaltet, wenn man auf Cordelias Boden tritt. Goneril und Regan benehmen sich höchst abscheulich und ganz nach der Regel. In Cordelia, die bisher ein Kind war und nun vielleicht zum ersten Mal berufen ist, vorzutreten und ihr Inneres zu offenbaren, tritt diesem herrischen, eigensüchtigen, an Liebedienerei gewöhnten König zum ersten Mal ein Ausnahmemensch, zum ersten Mal jemand entgegen, dem das Gebot des Herzens wichtiger ist als alles andre in der Welt. Und das ist sein eignes, sein liebstes Kind! Keine Frage, er weiß es bloß nicht, darum liebt er sie vor allen, weil ihre Innigkeit, ihre Menschlichkeit, ihre Echtheit ihm wohltut; weil sich die Übereinstimmung von Fühlen und Handeln, die ihr notwendig ist, in ihren Bewegungen, ihrem Antlitz, dem Blick ihrer Augen und hundert täglichen Kleinigkeiten äußert. Keineswegs kann man sagen, daß sie eine Fanatikerin der Wahrheit wäre; dann müßte das Denken in ihr besonders entwickelt sein, und sie könnte dann ihrer echten Liebe zum Vater wahrscheinlich einen recht starken Ausdruck geben. Sie ist aber in keiner Weise unter wahrhaften Menschen eine Ausnahmeerscheinung; sie ist es nur in der knechtisch-lügnerischen Umgebung, wie man sie allenthalben, ganz besonders aber am Hofe trifft. Ein sprödes Mädchen ist sie; sie kann ihr Herz nicht auf dem Präsentierteller herumreichen, kann nicht in einer Staatssitzung, kann vor allem nicht zu einem Zwecke von ihren Gefühlen sprechen. Von den Gefühlen zu sprechen geht gegen das Gefühl; Gefühle äußern sich im stillen, fortwährenden Tun und in plötzlichen Erhebungen und Aufwallungen. Der König zwar erwartet, wenn er verkündet, er wolle zurücktreten und das Reich seinen Töchtern und Tochtermännern schenken, müsse eine solche Aufwallung, die ihm echt und von innen aufschießend vielleicht noch nie im Leben, gemacht aber gewiß immerzu begegnet ist, sich sofort einstellen; und die gezierten Äußerungen der beiden andern Töchter, derengleichen er für ungewöhnliche Dankbarkeit, zu der er so oft Veranlassung gegeben hat, gewohnt ist, nimmt er für solche Ausbrüche. Cordelia aber horcht in sich hinein und findet in diesem Augenblick nur Leere. Den Äußerungen ihrer Schwestern hört sie die Berechnung an, und so wird aus ihrem Unvermögen, sich jetzt zu äußern, Verstocktheit. Es kommt aber noch etwas dazu. Der Kindheit entwachsen, eine Jungfrau geworden ist sie durch die ersten Regungen der Liebe, einer Liebe so ganz andrer Art als die Kindesliebe. Wir dürfen annehmen, daß ihr Herz sich Frankreich zuneigt; aber selbst, wenn sie davon gar nichts wüßte, wäre doch Liebigkeit, diese Bereitschaft in ihr, bald ein eheliches Weib zu werden, die ja auch von außen gefördert wird. Höheres gibt es für dieses Mädchen nichts in der Welt als diese Erwartung, sich liebend hinzugeben und hemmungslos, wie es das Gebot der Liebe ist, einem Manne zu gehören. Und in diesem Augenblick — die Freier stehn vor der Tür, werden eben geholt, die Stunde grenzenlosen Aufgebens, wonnig bangen Umfassens ist da — verlangt der alte Mann für sich, was bis aufs letzte Tröpfchen gesammelt in ihr eines andern wartet. Und sie muß mitanhören, wie ihren Schwestern glatt wie Öl etwas von der Zunge geht, was ihr nur wie Verrat an der Gattenliebe klingen kann. So vermag sie ihrem Vater nicht nur das Gehäufte nicht zu geben, worauf er Anspruch macht; sie kann ihm jetzt gar nichts geben; und was sie schließlich äußert, kommt gezwungen und hart heraus. König Lears Seelenkenntnis können wir uns aber nicht verwahrlost, verbogen und verkehrt, man nennt das naiv, genug vorstellen. Er hat verlangt, mit Recht verlangt, das war doch das wenigste, daß man ihm bei diesem feierlichen Akt seines ungemeinen Edelmuts ein paar schöne Worte sagt; ist das denn zu viel? Nun, die älteren Töchter tun’s; und schon ist er zufrieden und gibt ihnen ihr überreichlich Teil. Jetzt ist an seinem liebsten, seinem Schmerzenskind die Reihe; und wie? hört er recht? hart, fast böse antwortet sie, sagt wohl so etwas von pflichtschuldiger Liebe; aber merkt man nicht, wie sie sich dazu selbst zwingen muß? Für ihn ist sie in diesem Moment nicht bloß verstockt und lieblos; sie ist eine arge Heuchlerin; sie preßt sich Äußerungen ab, die ihr nicht von Herzen kommen. Was steckt da dahinter? Es muß doch einen Grund haben! Was offenbart sich da? Wie sieht es in ihrem Herzen aus? In dem Augenblick, wo sie ihrem Vater, der den Kindern sein ganzes Reich gibt, wie die Schwestern, überströmend dankbar sein sollte, zeigt sie sich so und redet mehr von ihrem künftigen Mann als von ihrem guten Vater? Alles dreht sich um ihn, innen kocht’s auf, und der Ausbruch ist da.

Vergebens ruft der Graf von Kent, ein Mann, der schon lange an diesem Hof gelebt und zu Lear voller Verehrung wie zu einem Vater aufgeblickt hat, dessen kerniger Biedersinn Cordelias verwandte Frauenseele erkennt, dem König zu, er sei ja toll:

Was tust du, alter Mann?

In dieser Verfassung läßt Lear sich von keinem Menschen hemmen: Kent wird verbannt, Cordelia verstoßen, enterbt, ohne Mitgift dem überlassen, der sie nimmt. Burgund tritt zurück; Frankreich liebt Cordelia um ihrer selbst willen; sie wird seine Frau. Cordelias knospenhaftem Wesen, das überlegener Klugheit fern ist, können wir nicht zutrauen, daß sie daran gedacht hat; aber ein besseres Mittel, ihre Freier zu prüfen, als auf jede Würde und Mitgift zu verzichten und nur noch sie selbst zu sein, konnte es nicht geben.

Hundert Ritter, mit ihrem stattlichen Gefolge von Edelknappen, Knechten aller Art, hat der alte Mann sich vorbehalten; mit diesem Hofstaat will er abwechselnd bei den Töchtern hausen; und hochbeglückt und erfreut sollen sie sein, wenn ihr Vater kommt. Goneril hat in der Sache keineswegs unrecht, wenn sie meint, er habe seine Macht verschenkt, wolle aber nichts davon entbehren. Er tritt herrisch, brutal auf; die Ritter ahmen das Beispiel nach; was er um seiner Machtfülle, seines Selbstbewußtseins willen tut, setzen sie in Willkür, Roheit und Liederlichkeit fort; es ist ein zügelloses Treiben; sein erstes Wort, das wir bei Goneril von ihm hören, wie er mit seinem wilden Gefolge von der Jagd kommt, ist: „Laßt mich keinen Augenblick auf das Essen warten!“ Und noch mehr Proben eines Auftretens erhalten wir, das übermütig zu nennen wäre, wenn er nicht ein überalter Mann wäre, der in einem langen, langen Leben niemals vom Leben in die Schule genommen worden ist. Er ist derart ungezügelt wie kleine Kinder, die man ungezogen nennt; die Sinneseindrücke scheinen fast ohne jede geistige Vermittlung Handlungen bei ihm auszulösen; er verstößt, verbannt, schimpft und schlägt so unmittelbar, nachdem man sich seiner Willkür entgegengestellt hat, wie das kleine Kind nach dem glänzenden Gegenstand greift, den es sieht. Hat man das Kindchen ein paarmal aufs Händchen geschlagen, so wird sich, wenn es die Bewegung noch macht, schon so etwas wie Zögern, wie böses Gewissen darin äußern; Lear aber scheint nie im Leben etwas entgegengetreten zu sein, was er als ernsthaften Widerstand achtete; er hat das beste Gewissen von der Welt; er meint es wirklich gut zu meinen; er hält sich für gut. Er hat doch seine Macht abgegeben; bloß auf die Eitelkeiten dieser Welt will er nicht verzichten; das ist für ihn fast nichts, was er behalten hat; daß er damit andern sehr lästig fallen kann, daß das — gleichviel, wie die Töchter sind — ein ganz unleidliches Verhältnis ist, — wer soll es ihm sagen? So daß er es erkennt? Wer will den alten Mann jetzt noch erziehen?

Kein einzelner Mensch könnte das mehr unternehmen wollen; man kann ihn nur dulden und liebevoll klug, unmerklich lenken. Die Töchter aber haben von ihrem Vater die Herrschsucht ohne die Würde, ohne die Liebenswürdigkeit, ohne den Charme geerbt; dafür handeln sie nicht bloß in Hitze, sondern planmäßig, kalt. Lears Bedürfnis, geliebt zu werden, ist immer noch ein Grad der Liebe; die Töchter sind in ihrem Verhältnis zu ihm ganz lieblos und kennen auch die Hemmung nicht, die man Pietät nennt. Er hat seine Macht weggeschenkt; sie haben, was sie von ihm wollten; nun soll er ihnen abwechselnd täglich und stündlich mit anspruchsvollen Narrheiten lästig fallen? Erziehen wollen sie ihn gewiß nicht, aber los werden und rücksichtslos seines Spielzeugs, seiner Machtfülle, seines Scheins berauben. Für ihn ist das gerade so, als wollten sie ihn zum Gerümpel werfen, obwohl die Rumpelkammer, die sie ihm anweisen würden, wenn alles ginge, wie sie in kalter Ruhe planen, wahrscheinlich ein ganz stattliches Haus wäre. Davon, daß sie ihn hungern lassen, in Nacht und Elend, in Obdachlosigkeit hinausstoßen wollten, ist gar keine Rede: die Vereinfachung der Märchenpsychologie ist Shakespeares Sache nicht. Für Lears Subsistenz wollen die Töchter schon sorgen; ihre Lieblosigkeit übersieht nur, daß die Substanz, von der das Gemüt des alten Mannes sich nährt, eben die Akzidenzien sind, die sie ihm wegnehmen wollen.