Um ihn steht es nun so: er war in der Macht, und man war vor ihm gekrochen, und was sich dabei ergab, hatte er für die wirkliche Welt genommen. War ihm einmal im Ernst Widerspruch entgegengetreten, so hatte er ihn unter dem Beifall seiner Umgebung sofort zermalmt. Niemals war äußerer Widerstand begleitet gewesen von einer inneren Unruhe in ihm selbst; seine Umgebung hatte immer den Glauben in ihm befestigt, daß er es um seiner angeborenen Majestät willen verdiene, zu befehlen. Diesmal ist es anders. An ihm nagt etwas, immerzu, etwas Doppeltes, etwas Dreifaches: daß er seine Macht weggegeben hat, daß er sie diesen Töchtern gegeben hat, daß er Cordelia verstoßen hat. Falschheit kann täuschend wie Wahrheit aussehen, aber die Wahrheit hat etwas ganz Untrügliches in sich. Hat man einen Menschen, den man gut kennt, im Vorübergehen zu sehen geglaubt, so kann man sicher sein, daß er es nicht war; wäre er es gewesen, so wüßte man es. So ähnlich geht es diesem kurzsichtigen Vater: er glaubt, daß Cordelia ein liebloses Geschöpf, daß Goneril und Regan liebende Töchter sind; aber etwas in ihm weiß, daß es nicht so, daß es umgekehrt ist. Der Klang der Stimme Kents, der so tapfer zu Cordelia stand, liegt ihm noch im Ohr; und da ist nun noch einer, der auf seine Art ausspricht, was Lear selber nicht hochkommen läßt, der ein Privileg hat, den er nicht so ohne weiteres des Landes verweisen kann: das ist sein Narr, sein scharfer, sein bitterer, sein armer, sein liebender Narr. Der hängt treu und liebevoll an ihm, ganz gleich, wie er vom Herrn behandelt wird, der kennt die Liebe so, wie Goneril und Regan sie nicht kennen und wie auch Lear sie keineswegs kennt und übt, und in immer neuen Gleichnissen, Verdrehungen und Liedchen gibt der ihm nun zu verstehen, was für ein Narr er gewesen, das gute Kind zu verstoßen und sich und sein Reich den harten, scharfen, lieblosen Töchtern anzuvertrauen. Er kann sich’s nicht verhehlen, denn er merkt’s durch bittre Erfahrung: an den mitleidig verdammenden Sprüchen des Narren, die immer schärfer ausfallen, ist etwas, ist viel dran. Und doch glaubte er, so klug und, da er sich so recht mollig lieben und hegen lassen wollte, ein so guter Vater zu sein! Das erkennen wir nun aber auch deutlicher, als wir’s zu Beginn wußten: er kann tun, was er will, selbst Brutales: Böses ist doch nicht in ihm. In seinem Verkehr mit dem Narren gewahren wir gleich echte Liebenswürdigkeit und eine Neigung zu Kameradschaft, in der sich seltsam eine Kindlichkeit angeborener, zurückgedrängter Natur mit Kindischwerden vor Alter mengt.

Die Welt sieht doch nun, wo er der Macht entkleidet ist, so ganz anders aus, als er gemeint hatte! Was sich der Haushofmeister seiner Tochter gegen ihn herausnimmt, wie scharf und ausfallend die Tochter selbst zu ihm spricht, wie es der Narr mit seinen Sprüchen kommentiert, — aber der arme alte Mann! In dem Augenblick, wo allererst die Erkenntnis der Wirklichkeit kommen, wo der Wahn sinken will, bricht in dem schwachen Gefäß, das Druck von außen nie gekannt hat, der Wahnsinn aus. Sein erstes Zeichen bemerken wir sofort nach der ersten unerbittlich scharfen Rede Gonerils, wie Lear die Hand über die Augen hält, die Tochter prüfend, als sehe er nicht gut, ansieht und fragt: Ist das meine Tochter?

Sowie wir diese erste Spur merken, können wir nun zurückgreifen, können uns der Worte Kents erinnern, der es gewagt hatte, seinen König verrückt zu nennen und dabei an sein Alter zu erinnern, können dazu nehmen, daß jetzt eben der Narr seinen Herrn den wahren Narren gescholten hat, und können fragen: war denn nicht wahrscheinlich sein Benehmen bei der Teilung des Reichs und bei Cordelias Verstoßung auch schon Geisteskrankheit?

Fragen können wir so; ich antworte: Nein. Und vergesse dabei keinen Augenblick die Regel, die Gestalten des Dichters nicht als Naturgeschöpfe zu nehmen, sondern als Geistgeburten Shakespeares. Ich untersuche nicht einen Britenkönig Lear, sondern was Shakespeare uns gegeben hat. Dabei kommen irgendwelche medizinische Ausdrucksweisen, die der Dichter gehabt hat oder nicht gehabt hat, nicht in Betracht, sondern lediglich die Züge, die er seinen Gestalten gegeben hat. Die haben wir, ganz in unsrer eigenen Sprache, zu deuten. Das Problem, was Krankheit und was gar geistige Krankheit sei, will ich bei dieser Gelegenheit nicht aufrollen; sicher ist, daß es Namen für Veränderungen sind, deren wahres Wesen uns unbekannt ist, und daß diese Namen nur gewisse Komplexe von Symptomen einordnen. Sicher ist aber auch, daß Begriffe dieser Art haarscharf begrenzt sind, und daß unsre Menschenwelt untergehen und das Chaos beginnen würde, wenn diese Grenzen verwischt würden. Wie König Lear bei der Teilung des Reichs gehandelt hat, war, wie Kent in derber Volkssprache sagt — nicht umsonst kann der herzhafte, getreue Landedelmann nachher so gut den Knecht spielen —, verrückt, war verrückt, was das Volk so verrückt nennt. Der König hat so tun müssen, sonst hätte er’s ja nicht getan, aber die Notwendigkeit, die ihn zu seinem Verhalten brachte, war ein sozialer Komplex, bestehend aus den Beziehungen seiner Erziehung, Stellung, Umgebung; man kann sich darum auch denken, daß diese Notwendigkeit durch eine gleichfalls soziale Einwirkung, z. B. das ruhige und vernünftige Auftreten mehrerer im Staatsrat oder einen plötzlichen Überschwang kindlicher Verzweiflung in Cordelia aufgehoben worden wäre. Was aber jetzt in Lear allererst sich ankündigt, ist ein individueller, organischer Zwang unsäglich viel stärkerer und anderer Art in ihm; irgend etwas funktioniert jetzt anders in ihm; und wenn Heilung kommen soll — wie sie denn in der Tat kommt, das Stück, in dessem erstem Akt wir noch stehen, handelt von ihr —, wird sie ganz andere Wege gehen müssen, als gutes Zureden oder soziale Einwirkung der üblichen Art.

Seid Ihr Unsre Tochter?

Mit dieser Frage sind wir genau an der Grenze zwischen Vernunft und Wahnsinn. Man kann völlig vernünftig sein und sein schmerzliches Staunen über das eigene Kind so ausdrücken, daß man fragt, ob man so einen Menschen, wie er da vor einem steht, wirklich selbst gezeugt und aufgezogen habe. Es kann auch tatsächliche Gründe geben, warum man bei einer starken Enttäuschung, die eine völlige Unähnlichkeit zwischen Vater und Kind an den Tag stellt, sich ernsthaft fragt, ob nicht Ehebruch im Spiel sei. Auch ist der Mensch, jeder, da er gottlob einen Dichter in sich hat, durchaus befugt, in irgend einer ekstatischen Stimmung mit dem Wahnsinn zu spielen. So hebt es denn auch bei Lear an: er schwankt zwischen ganz leise einsetzendem echtem Wahnsinn und dem Spiel damit. Noch spielt er, daß er nicht er selbst sei, daß er die Dame, die vor ihm steht, nicht kenne, aber schon ist es einen verschwindenden Moment lang innerer, organisch-funktioneller Zwang, so zu spielen, der dann aber sofort wieder abgelöst wird von dem gewaltig ausbrechenden, schmerzlichsten, wütendsten Zorn des in seiner Königswürde, in seiner Vaterschaft, in seiner Menschheit gekränkten Mannes.

Seid Ihr Unsre Tochter?

Hier an der Grenze haben wir schon die Form, in der sein Wahnsinn sich äußern wird. Eines hat er sein Leben lang nicht gekannt, ein Allerwichtigstes freilich: denken. Es hat für ihn keine Wirklichkeit gegeben, sondern nur Schein und Trug, von Schmeichelei und botmäßigem Eifer erzeugt; und so war in ihm kein Denken, sondern Trieb, Raschheit, Laune; und auf diese Weise entstand eine Welt, eine Beziehung von innen und außen, wo alles glatt funktionierte: seine Umgebung und er paßten ihre Lücken und Auswüchse an einander an, und was er befahl, geschah. In diese Welt der Täuschung, und andre kannte er keine, war er nun in langen Jahrzehnten, bis in sein höchstes Greisenalter, ganz eingelebt. Nun aber ist er allererst nicht oben in seiner, sondern irgendwo unten in der wirklichen Welt, und da sieht alles so ganz, so schmerzlich anders aus. Er sollte also umlernen, nachdenken, sich einordnen, sich zurechtfinden, und das kann er nicht mehr; er ist zu alt dazu. Zu alt wenigstens, um noch in der üblichen Art zu lernen, zu wachsen. Denn er lernt, der arme, alte Mann, lernt sogar erstaunlich, wie in Glut und Fieber; aber er begreift nicht in Begriffen; in seiner Altersschwäche, wo ihn immer hilfloses Weinen ankommt, nimmt ihn das Leben in die Schule, und sein Lernen sieht so aus: Gegen meine Töchter bin ich immer gut gewesen — sie müssen also auch gut gegen mich sein — diese Damen sind ja so hart gegen mich — — ergo sind es nicht meine Töchter. Die neue Wirklichkeit, die sich ihm jetzt objiziert, lernt er nur in der Weise kennen, daß er das Neue, das er nun von der innern Beschaffenheit und Wahrheit der Menschen entdeckt, als äußere Halluzinationen, als Zwangsvorstellungen schaut und hört; der Sinn geht ihm auf in Gestalt von Sinnestäuschungen. Und so wie er daran ist, die Töchter nicht mehr als seine Töchter zu erkennen, so verliert er den Glauben, das Wissen, das Selbstbewußtsein, daß er Lear ist; er verliert sich selbst.

Aber er versinkt nicht völlig in diesen Wahnsinn; er ergeht sich nur gefährlich am Rande der Tollheit; ganz wahnsinnig, bloß wahnsinnig sehen wir ihn nie; wir erleben an ihm einen entstehenden und auch wieder vergehenden Wahnsinn; wir sind dabei, wie in und mit dem Wahnsinn sich ihm der Sinn öffnet für den Wahn seines bisherigen Lebens; wie er jetzt allererst einen Blick ins Leben tut; wie er mit dem Schmerz, der ihm von außen angetan wird, wütenden Schmerz über sich selbst, Reue, von daher Einsicht und mit der Einsicht Liebe, echte Liebe, Liebe zu andern lernt. Der Schein, der Machtkitzel, der Dünkel, die Hohlheit, die Ichsucht, all das schmilzt weg; indem er ins Elend hinuntersinkt, vermag er nun auch, die Welt und das Leben vom Standpunkt des Elends aus zu erblicken.

Daß er das aber noch vermag, daß er auf diesem einzigen furchtbaren Weg, den seine Altersschwäche ihm läßt, auf dem schwindelnden Grate zwischen Verzweiflung und Aberwitz noch lernt, noch wächst, Erneuerung und Wiedergeburt findet, das zeigt uns, was wir in dem Vater Cordelias, in dem Freund des Narren, in dem von Kent verehrten König, in der Gewalt seiner Leidenschaft und der Hoheit seines Auftretens schon geahnt hatten: daß eine große Natur in ihm von sozialen Narrheiten und Wüstheiten überklebt war; daß seine brutale Willkür sowohl wie seine ungeheuerliche Dummheit nur Manier war und nicht Wesen, daß ein guter, ein allerbester Kern in ihm ist, der nun, wo die gräßliche Not ihn zeitigt, sich zugleich als Geist und als Güte offenbart.