Jetzt sehen wir: die Welt seines pompösen Scheins war ihm notwendig gewesen, weil seine echte Natur eine Welt der Niedrigkeit nicht ertrug, weil er Größe, Adel, Übereinstimmung braucht. Die Lebensmöglichkeit entsinkt ihm, sowie er gewahrt, wie es wirklich in der Welt zugeht. Dieses sein Lernen, seine neue, seine erste Erkenntnis kommt ganz allmählich, und er kann nur dazu gelangen durch furchtbarste Not und Schrecknisse. Zum weit überwiegenden Teil aber tut er sich all dieses Fürchterliche selber an; sein Adel, sein Mißverhältnis zur Welt äußert sich in dem, was die Welt seine unerhört übertriebene Natur nennen müßte; durch Erschütterung allerschrecklichster Art, durch Wut und Leidenschaft, elementar wie eine Naturkatastrophe, arbeitet er sich aus der Verschüttung zum schmerzlichen Licht empor, ein überalter Mann, der nach dieser letzten gewaltigen Anstrengung gerade noch Zeit hat, still und milde für einen Augenblick sein wahres Wesen zu sein, sein Leben zu führen, wie es ihm zukommt, und dann zu sterben.
Noch genauer müssen wir zusehen, was ihn zuerst in diese Verfassung bringt; nur dadurch lernen wir seine wahre Natur und seine Stellung in der Welt kennen. Gonerils Hausverwalter behandelt ihn nicht mehr als König, sondern als Myladys Vater: der von Lear selbst geschaffenen Tatsache entspricht es, aber es ist schonungslos. Dann beklagt sich Goneril über seinen zügellosen Troß, den er nicht in Zucht hält; diese hundert Ritter mit ihrem wüsten Treiben machen ihr Schloß zur Kneipe, zum Bordell gar; sie ersucht kategorisch — widrigenfalls will sie selbst einschreiten —, sein Gefolge etwas zu verringern; er solle nur gesetzte, ältere Männer in seinem Dienst behalten. In der Sache hätte sie ganz einfach recht; weder ihre Darstellung noch ihre Forderungen könnten als unmäßig bezeichnet werden. Aber der Ton, in dem sie redet, ist von schneidender Schärfe, von einer unheimlich unpersönlichen Sachlichkeit; sie spricht als Regentin zum abgedankten König; sie denkt nicht daran, sie fühlt nicht, daß alles, worin sie nun in einem einzigen Punkt empfindlich gestört wird, ihr freiwillig von ihrem lebenden Vater geschenkt worden ist, ohne daß es einen andern Grund zu seinem Verzicht gab, als seinen Willen, der für sie ein guter Wille war; sie offenbart völlige Gefühllosigkeit, Lieblosigkeit, Undankbarkeit. Er wird nun an der Welt und an sich organisch irre, irgend etwas in ihm bekommt einen Riß; nur einen Augenblick lang erliegt er dieser Pathologie; sowie er wieder zu sich kommt, sowie seine erste gräßliche Wut über diese Undankbarkeit herausgeströmt ist und fast automatisch der Entschluß da ist, sofort zur zweiten Tochter, zu Regan zu reisen, sowie er merkt: ja, so spricht, so handelt wahr und wirklich seine Tochter, kommt sofort, offen eingestanden, die Reue über sein Verfahren gegen Cordelia. Die, so argumentiert er noch verderbt, dumm und lieblos genug, hätte ein Recht zu solcher Lieblosigkeit gegen ihn. So klammert er sich denn blind, vertrauensvoll, im geheimsten aber schon angstvoll an die einzige Tochter, die noch übrig ist, an Regan; gegen Goneril aber bricht er in den grauenvollsten, leidenschaftlichen Fluch aus. Welche Ansprüche stellt dieses Menschenkind, dieser wahrhaft königliche Tor an die Weltordnung! Ein undankbares Kind muß mit Unfruchtbarkeit geschlagen werden; ganz einfach, ganz logisch, ganz unbedingt ist für ihn der Zusammenhang zwischen Menschenlos und göttlicher Gerechtigkeit: er ist König, ist Vater; die Götter, die Göttin Natur voran, müssen die undankbare Tochter strafen. Er ist ganz überzeugt, daß dieser Fluch in Erfüllung gehen muß; darum auch kann er ihn mit dieser ungeheuren Gewalt ihr zuschleudern. Es wird von einer jung verheirateten Schauspielerin berichtet, daß sie nie mehr als Goneril auftreten wollte, nachdem der große Schröder ihr diesen Fluch ins Gesicht und ins Innerste hinein gedonnert hatte.
Auf dem Weg zur andern Tochter, zu der letzten, die ihm geblieben, sagt ihm der Narr das Stichwort seiner Rolle:
Du hättest nicht alt werden sollen, ehe du zu Verstand kamst!
Was für eine Reise! Der Narr spricht immer nur aus in seinen Gleichnissen und Rätselfragen, was in ihm selber auch bohrt. Ist Regan denn wirklich, wie er hoffen muß, so ganz anders als ihre Schwester, die jetzt ihr wahres Gesicht gezeigt hat? Und der Gedanke, daß er Cordelia Unrecht getan hat, die Furcht, um den Verstand zu kommen, verläßt ihn keinen Augenblick. Und erst sind wir am Schluß des ersten Akts — was werden wir noch erleben, was wird der ärmste Abcschütze im weißen Haar, der, indem er seine äußere Würde freiwillig und großmütig aufgegeben hat, nun in seiner natürlichen Hoheit angetastet wird, noch durchmachen!
Der alte Mann muß eine weite Reise machen. Einen Boten mit einem Schreiben, in dem er der Tochter Mitteilung von dem Geschehenen macht, schickt er voraus. Das ist sein neuer Knecht Cajus, in Wahrheit der treue Kent, der vorhergesehen hat, was kommen muß, und den Herrn, der ihn verbannt hat, nicht verlassen will. Wie Lear dann ankommt, ist das Haus leer: Cornwall und seine Frau sind weg. Auch die Schwester hat sofort Botschaft geschickt; und in dieser Sache sind sie einig, so weit sonst die Gegensätze zwischen Albanien und Cornwall schon gediehen sind. Lear muß ihnen nach dem Schlosse des Grafen Gloster nachreisen; und wie er nun zu später Stunde ankommt, sieht es ganz böse aus: sein Diener Cajus ist schimpflich mißhandelt worden; Regan und ihr Mann scheinen ihn gar nicht empfangen zu wollen; sie lassen sich erst verleugnen; und ihr Wirt, der alte Gloster, muß seinen Einfluß, der zur Zeit groß ist, aufbieten, damit Tochter und Tochtermann herbeikommen. Aus Lear will inzwischen die mühsam zurückgestaute Wut losbrechen; der Zweifel an der Wirklichkeit, die Krankheit zeigt sich wieder an; aber — wir erleben’s zum ersten Mal — er nimmt sich zusammen, versucht, was er nie gekonnt, sich zu beherrschen, will Vernunft und Gründe annehmen; und, wenn er nun endlich vor der Tochter steht, ist es rührend, wie er ihr kindlich sein Leid über ihre schlechte Schwester klagen will. Die Tränen steigen ihm auf, er kann nicht weiter reden. Sie weiß ja auch, er hat ja geschrieben; und jetzt eben hat er erfahren, daß Goneril auch einen Brief geschickt hat. Regan erwidert zunächst mit kalter Zurückhaltung: höflich, trocken, fast mild, wie etwa eine kalte, geübte Pflegeschwester einem Kindischen zureden würde, sagt sie ihm, sie, die Töchter, wüßten besser als er, was ihm not täte; er möchte zur ältesten Tochter zurückkehren und zugestehen, daß er unrecht gehabt. Er war nun schon auf so etwas gefaßt, so entsetzlich es ist; es hatte sich vorbereitet; noch bleibt er dem Grad nach mäßig; aber was sie da sagt, ist ihm sofort wieder eine suggestive Anschaulichkeit; er probiert’s gleich, wie sich’s ausnimmt, wenn er, der König, der Vater, hinkniet und seine Tochter um Verzeihung, um Schutz und Obdach bittet. Das ahnt er noch nicht, wie seine Entwicklung bald so vollendet sein wird, daß er das, was ihn jetzt die äußerste, die tollste Zumutung dünkt, gerade in der Form, die niemand von ihm verlangt hat, die nur seine im Stolz getroffene Phantasie sich ausgemalt hat, aus innigem Ernst tun wird, er der König, der Gebieter, der Vater: in Reue und Demut vor einem Kind, das der Vater gekränkt, hinknien und um Vergebung flehn.
So wird er am Ende sein. Jetzt klammert er sich noch an Einbildungen, die er gewaltsam festhalten will, klammert sich an Regan, sein einziges Kind. In vernünftiger Auseinandersetzung will er ihr dartun, daß ihr Vorschlag unmöglich sei, will ihr beweisen, sie sei so milde, wie Goneril grausam. Aber es ist, als sprächen nur seine Lippen, während unten in ihm ganz anderes arbeitete; und mit einem Mal, gerade während der Mund ihr vorhält, daß er ihr das halbe Reich geschenkt, wirft er den Kopf zurück und fragt zornig, wer es gewagt, seinen Diener in den Block zu setzen? Er nimmt das ganz, wie wenn an fremdem Hof sein Botschafter verletzt worden wäre; es ist eine Antastung seiner Majestät. Aber Trompetengeschmetter reißt ihm die Worte vom Mund: Goneril trifft zur eiligen Beratung mit der Schwester ein und findet den Vater. So muß denn die Entscheidung sofort erfolgen; ganz großartig hat der Dichter alles so aufgebaut, daß nach der Gonerilszene, die in dem gewaltigen Fluch gipfelte, nun diese ungeheure Steigerung sich noch ergab. Die beiden Schwestern hatten politisch beraten und dann ihre Entschlüsse bekannt geben wollen, und nun muß es gegen ihren Willen doch wieder zu einer dramatischen Szene kommen, wie ihr Vater sie zu brauchen scheint.
Sie fassen sich schnell und sind durchaus nicht aus der kühlen Ruhe gebracht. Regan wiederholt, er solle zur Schwester zurück, fügt aber nun hinzu, wenn er dann zu dem vereinbarten Zeitpunkt zu ihr komme, solle er vorher sein halbes Gefolge entlassen. Immer noch hält Lear an sich; als einen Vorschlag nimmt er das, der ganz falsch ist, und gegen den er nun, freilich wieder in erregter Bildersprache, Gründe ins Feld führt. Ja, noch mehr: Goneril läßt vier kalt abweisende Worte fallen, ohne ihn weiter zu beachten, und er redet nun noch einmal zu ihr, der er den Fluch entgegengeschleudert hat: mit sanfter, fast brechender Stimme, wirr, aber der Sinn ist, daß er ihr gütig, bittend zureden will, in sich zu gehn; schelten und fluchen will er nicht mehr; Gott soll ihr Richter sein, er will sie nicht verklagen. Er redet ihr zu, sich zu bessern, er spricht als Vater; er will nichts von ihr. In höchster Not tut er so, als habe er nichts Entscheidendes gehört; er bleibt an Regan, die letzte Hoffnung, angeklammert:
Ich kann geduldig sein,