Die Klarheit, wie’s in der Welt zugeht und was die innere Wahrheit der Dinge ist, kommt jetzt; aber es ist ja zu spät; sein alter Leib hält’s ja nicht mehr aus; sein Geist ist ja dieser fieberhaften Anstrengung nicht mehr gewachsen. Es geht alles wirr und wüst durcheinander; er kann ja schon nicht mehr leben, wo es jetzt in ihm anfängt zu tagen. Manchmal ist er in hoher Erkenntnis und einmal in höchster; da eint sich sein alter Königsstolz mit der erhabnen Einsicht eines Augenblicks; der Ekel hatte ihn übermannen wollen über diese feile, gemeine, verbrecherische Welt der Lüge; aber wenn man erst so nah der Enthüllung ist, braucht’s nur noch einen Schritt; er tut ihn: Der Reiche entgeht dem Speer des Gesetzes; der Arme wird vom Strohhalm eines Zwergs gefällt; schon will er sagen, daß alle, alle Sünder sind; aber königlich hoheitsvoll kommt jetzt die Demut über ihn; wie viel weiter ist er nun in diesem Moment als in der Wetternacht, wo er in der Hütte des armen Toms die Töchter vors Gericht schleppte:
Es sündigt keiner; keiner, sag’ ich, keiner.
Ich schütze sie; glaub’, Freund, ich habe Macht,
Des Klägers Mund zu stopfen.
Was für eine Macht ist das, die da mit all seiner Königshoheit auftritt? Seine Erfahrung im Unglück und in der Herrlichkeit; sein Leben in beiden Reichen: er versteht sich jetzt auf das Leben der Enterbten und auf die Innerlichkeit der Obrigkeiten; er ist ein Mensch geworden, der das Bewußtsein seiner selbst und das Bewußtsein seines Gegenübers zugleich hat; aber o Jammer! nur wie Fetzen blauen Himmels, die die Wolkenschicht mal öffnet, mal schließt, sind diese höchsten Momente; schon im nächsten Augenblick tollt ihn die Verrücktheit wieder in seinen alten Königswahn hinein, und der Monarch ruft ungeduldig, herrisch die Diener herbei, die nicht da sind, ihm schnell die Stiefel auszuziehn! So ist er in dem Augenblick, wo die Abgesandten Cordelias ihn auffinden, in völliger Raserei. Dann aber kommt er in Pflege, in die behutsame, liebevolle Pflege Cordelias und ihres guten Arztes. Der heilt ihn mit Ruhe, mit Schlaf und weckt ihn schließlich mit sanfter Musik. Und nun möchte ich Adalbert Stifter das Wort geben, dessen Schilderung einer Lear-Aufführung am Burgtheater mit Anschütz, die er in seinen „Nachsommer“ verflochten hat, das Schönste ist, was je über diese Tragödie geschrieben wurde:
„Der König erwacht endlich, blickt die Frau an, hat nicht den Mut, die vor ihm stehende Cordelia als solche zu erkennen, und sagt im Mißtrauen auf seinen Geist mit Verschämtheit, er halte diese fremde Frau für sein Kind Cordelia. Da man ihn sanft von der Wahrheit seiner Vorstellung überzeugt, gleitet er ohne Worte von dem Bette herab und bittet kniend und händefaltend sein eigenes Kind stumm um Vergebung.“
Der Unterricht des alten Mannes ist vollendet: er — jeder Zoll ein König! — hat Demut und Selbstüberwindung gelernt. Wie er die Demut, als er noch in Wahnsinnsform den Wahn seiner Königswut durchbrach, verkündet hatte, so kann er sie jetzt in letzter Klarheit und Würde vor dieser reinen, kindguten, herb wahren Frauengestalt üben, die er geliebt hatte, ohne sie zu kennen, sie, die an seinem Hof die Echtheit, die Natur, die Seelenschönheit repräsentiert hatte.
Und wie hatte er, gerade noch in seiner letzten Raserei, wo alles Verhohlene in ihm aufgewühlt wurde und er zu den letzten Gründen des tierisch Allzumenschlichen vordrang, in wüsten sexuellen Bildern gegen die Weiber gewütet! Die beiden andern Töchter traf’s — wir haben ja ihr aus Herrschaftsgier, aus wonnigem Verlangen nach der Gemeinheit und aus edlerer Sehnsucht gemischtes ehebrecherisches Treiben mit dem Bastard miterlebt, das nun noch weitergeht:
Vom Gürtel niederwärts sind sie Kentauren,
Wenn oben gleich ganz Weib.