Nur bis zum Gürtel sind sie Götterwohnung,
Doch drunter ganz des Teufels...
Es ist eine tiefe Erkenntnis Shakespeares — fast haben wir ihn doch über dem Erleben dieser Gestalten vergessen, die alle seines Geistes, seiner Natur, seiner Kunst Geschöpfe sind —, daß er den Machtkitzel zu allerletzt auf einen Wahn zurückführt, der mit anderm Namen Wollust heißt. So weit die ichsüchtige Lüsternheit sich von ewiger Liebe entfernt, so weit irrt die Herrschgier von der geordneten Eintracht zwischen den Menschen ab; und beides ist dasselbe, derselbe Fehl unsrer schwachen, gemengten Menschennatur: daß wir erraffen und haben müssen, um unsres Ich und der Nächsten sicher zu sein, daß wir haben müssen, um zu sein.
Was in ihm Wutmanier, Herrensinnlichkeit und gebieterisch besitzende, besessene Wollust der Wirklichkeit war, das haben Goneril und Regan, die politischen Schwestern, als Erbe bekommen; Cordelia, ein völlig weiblicher Mensch, hat vom Vater die ursprüngliche gute Anlage, die, da sie aus ihm herauskommen konnte, in ihm von je da war, und die wir an einem Zug gemerkt haben, der dem Vater und seinem Kind gemein ist, von dem wir aber an den Schwestern nicht die kleinste Spur finden: Kindlichkeit. Mit der Kindlichkeit steht alle Reinheit unsrer sexuellen Natur in tiefem Zusammenhang; das mädchenhaft Holde dieser Tochter, die ihrem Vater nicht von ihren Gefühlen zu reden vermochte, ihre Seelenkeuschheit entstammt dieser Unschuld, daß sie als reifer Mensch und liebende Frau geblieben ist, wie sie als Kind war. Und mit diesem seinem Kinde zusammen wird der Mann, der vordem so oft ein kindischer Wüterich gewesen und dessen unerzogene und verzogene Willkür trotz dem Grundguten seiner Natur der Schlechtigkeit so nah gekommen war, nun, wo’s zum Ende geht, sanft und kindlich. Nicht aber bloß so, wie man im gemeinen Leben von einem sanften und kindlichen Menschen spricht; wir haben schon, als die Wut tobte und die Krankheit verzerrte, gemerkt, daß da ein ungemeiner Mann sich herausarbeiten will; jetzt ist er das Urbild dessen, der überwunden hat, und hat ganz den Geist seiner Haltung. Wie die Schlacht für Cordelia und ihr Heer unglücklich ausgeht und Lear samt seiner Tochter in Gefangenschaft gerät, macht er sich aus diesem Schicksalswechsel gar nichts, nicht einmal für sein Kind; er ist, was er nie hat sein können, fröhlich: in gleichmäßiger Ruhe heiter, gelassen über die Wechselfälle der Ereignisse hinweg:
Wir wollen ins Gefängnis
Und wie zwei Vögel in dem Käfig singen.
... So woll’n wir leben:
Man betet, singt, sagt alte Märchen, lacht
Der goldnen Falter, hört wohl armer Leute
Gered’ vom Hof und schwatzt wohl selber mit...