Lassen wir alle Erfahrungen der Unzulänglichkeit, die es auf englischen und deutschen Bühnen bisher gemacht hat, beiseite, so ist zu sagen: dieses seinem besonderen Wesen der Breite und Tiefe entsprechend besonders gebaute Drama bietet der Bühne eine ungeheure, eine prachtvoll lockende Aufgabe; aber es verlangt seinen besonderen Stil; es braucht ein Tempo des Verlaufs, das in gleicher Weise der breiten Mannigfaltigkeit der Schauplätze wie der Fieberhaftigkeit der Seelenstimmung entspricht; keinerlei Dekorationskünste dürfen uns aufhalten; aber auch die Drehbühne mit ihrer Unruhe, Würdelosigkeit und Verengung wäre kein Rat. Helfen kann hier, meine ich, am leichtesten und schönsten das Prinzip der echten, alten Shakespearebühne, dem moderne technische Mittel zu Hilfe kommen: eine bleibende, für alle Szenen würdig gestaltete Bühne also, über der nur ganz selten der Vorhang fallen muß, damit ein paar Requisiten je nach dem Erfordernis der Szenen gewechselt werden; der Schauplatz aber, die Stelle in der Welt, in der wir uns jeweils für ein paar Minuten oder auch nur den Bruchteil einer Minute befinden, ist mit Hilfe des Skioptikons durch Lichtbild auf die Fläche des Hintergrunds zu projizieren; ist die Vorstellung nur sonst vom rechten Ernst erfüllt und vermeidet man jeden Versuch einer parodistischen Erinnerung an Bühnenkindlichkeiten früherer Zeiten, so darf die geographische Lage des Stückes Natur, das dieser Hintergrund unsern Augen zeigt, ruhig in Buchstaben, die sich dem Bilde des Hintergrunds einfügen, mitgeteilt werden; Konzessionen machen darf das Theater dem Kino keine, aber lernen darf es von ihm. So können und sollen die Szenen, die alle an ihrer Stelle stehen und nicht in einander gemengt werden dürfen, gleichviel, ob sie lang oder kurz sind, so auf einander folgen, daß die Verbindung von Ruhe und Bewegtheit, von Seeleneröffnung und großem geschichtlichen Hintergrund entsteht, die das Stück verlangt. —
Antonius und Cleopatra liegt uns in keinem früheren Druck vor als in der Gesamtausgabe aus dem Nachlaß, der Folio von 1623; auch versichern die Herausgeber, das Stück sei bis dahin noch nicht gedruckt worden. Gegen die allgemeine Annahme, die sich auf Verstechnik und geistige Haltung stützt, wonach die Tragödie um 1607 oder 1608 verfaßt sei, ist nichts einzuwenden.
Shakespeares Quelle bildet Plutarchs Antoniusbiographie, die er schon bei Julius Cäsar mitbenutzt hatte; sein Verhältnis zu dieser Quelle ist auch diesmal, wie wir es damals gesehen haben; viele Einzelzüge übernimmt er treu; geschichtliche Vorgänge, die in seinen Rahmen nicht passen, läßt er weg oder läßt sie berichten oder tut sie mit einem Wort ab; und zu dem Eigentlichen, worauf es Shakespeare dem Brennenden, Shakespeare dem Ergründer ankam, hat der gute, sacht-pädagogisch mit dem Pendelfinger warnende Plutarch keinerlei Beziehung.
Der Schauplatz und mehr, ein Gegenstand des Dramas: das römische Reich, nichts Geringeres: Rom, Misenum am Golf von Neapel, Messina, Athen, Actium an der Westküste Griechenlands, Syrien, Alexandria in Ägypten; und einmal werden wir an Bord eines Schiffes geführt. Und immer die Breite und die Bewegtheit und der Zusammenhang, immer gehen Boten hin und her und verbinden die Teile des Reichs, wenn auch zu Streit, so doch noch zu Einheit.
Die politische Situation: das Triumvirat, wie es nach Cäsars Ermordung sich zusammengetan hatte und nach dem Sieg über die Verschworenen geblieben war, das Regiment von Octavius Cäsar, Julius Cäsars Neffen, Adoptivsohn und Erben; Marcus Antonius; Lepidus. Alles drängt der Spitze, dem Kaisertum zu; Lepidus steht als gutmütig-gemeiner Vermittler — der sich selbst nicht zu kurz kommen läßt, aber nur den Geiz, nicht den Ehrgeiz kennt — zwischen den beiden adligeren Prätendenten, die ihn ihrerseits nur halten, weil ihr Streit zum Ausbruch noch nicht reif ist.
Bei einer Reise in die östlichen Gebiete, die ein Kriegszug war, ist Antonius bei Cleopatra hängen geblieben.
Stellen wir hier, wo es erst nur um die äußere Situation geht, gleich das Alter der beiden fest. Historisch verhält es sich damit so, daß sie, als Antonius ihr zuerst begegnete, 24 Jahre alt war; bei ihrer beider Tod hatte sie das neununddreißigste erreicht. Bei Shakespeare bleibt nun, wie fast immer, der zeitliche Verlauf im Unbestimmten, Idealen; wesentlich ist, daß die Königin, wenn wir sie kennen lernen, in dem Gefühl steht, ihre Jugend hinter sich zu haben, daß sie voller Angst vor dem Alter ist; aber es walten die orientalischen Verhältnisse der frühen Reife und des schnellen Welkens; wir brauchen das Alter, das sie erreicht, nicht höher zu schätzen, als eben Ende der dreißiger Jahre.
Antonius ist in Wirklichkeit 53 Jahre alt geworden, und als einen Fünfziger haben wir uns die Gestalt Shakespeares in diesem Stück auch vorzustellen.
Octavius Cäsar ist viel jünger, und seine Konstitution ist der Art, daß er auf Männer von Antonius’ Schlag wie ein Knabe wirkt und immer wieder leicht wie ein Knabe von ihnen behandelt wird. Das hindert nicht, daß er kühl, ruhig, berechnend ist; das Männliche wird von leidenschaftlichen Naturen gerade darum an ihm vermißt, weil er den Trieben nicht unterworfen, dem Rausch nie preisgegeben ist; er ist gemäßigt, nicht als einer, der seine Renner im Zügel hat, sondern als einer, in dem es kalt und gesetzt hergeht, ohne Genialität, ohne Natur; aber dabei ist er weit ausschauend, kann warten und lauern, hat in kühler Cäsarenart einen vom Verstand geleiteten zähen Willen und hat ohne Traum und ohne Wut Machtbegehr und Majestät. Als einer, der ohne eigene Familie und auch sonst in jedem Betracht nur für sich dasteht, hat er zwischen sich und der Welt, in die seine Hand herrschend eingreifen will, eine kalt isolierende Schicht der Leere.