So spricht, so klagt, so klagt an Shakespeare der Mann, der auch in dieser direkten Aussprache, wir hören’s noch, oft genug so tief und schön in der verstehenden, gestaltenden, umgestaltenden Phantasie des Dichters einkehrt, die Liebe, auch Liebe, himmlische Liebe heißt, daß er auch da die liebenswürdige Milde neben die grausame Aufdeckung der Wahrheit zu setzen vermag. Das aber ist die vollendetste Höhe des Dramatikers, daß er zugleich so erschreckend grausam und so anbetungswürdig milde und liebend in seiner Wahrheit ist. Keiner, kein einziger vor und neben und nach ihm hat ein solches Volumen der Seele wie er.

Sehen wir nun von Anbeginn, wie’s die beiden, in deren Seelen der Zauberer diesmal hineingeschlüpft ist, mit einander treiben, wie es sie treibt.

Sie noch mehr als er steht immer zitternd in Angst vor dem Alter; Cleopatra lebt in Reminiszenzen, in den großen Erinnerungen, wie hintereinander Julius Cäsar und Pompejus in ihren Banden waren.

Und nun ist ihnen Antonius gefolgt, der Herr des dritten Teils der Welt, der ein so herrlicher Mann ist, daß er Kaiser der Welt sein sollte.

Um es aber zu sein, müßte er fort von ihr, in Krieg und Gefahr, das wäre das wenigste, wiewohl sie, das Weibchen, so feige wie verwegen ist; aber sie braucht ihn bei sich; ihre Liebe, die immerwährendes allgemeines Verlangen ist, kann der Gegenwart des Geliebten nicht entraten; und überdies, ginge er zu seiner Aufgabe, so käme er zu ihrer größten Gefahr: zu Fulvia. Daß er ein Ehemann ist, auch innerlich, in einer edlen Region seines Wesens, an eine andre Frau, an eine kühlere Welt, an Italien gebunden, ist ewig ihr Stachel; sie plagt ihn mit Bosheit und Hohn, mit „Schelten, Lachen und Weinen“. Ist er traurig, so will sie tanzen; ist er vergnügt, so will sie, daß er sie krank glaubt. Will er reden, so läßt sie ihn nicht zu Wort kommen.

Und wie er nun, gefaßt ruhig, zwischen ernstem Bedauern und großer Erleichterung, ihr mitteilt, Fulvia sei tot, da ist es für die Unselige wieder ein stechender Schmerz; denkt sie doch über alles andre hinweg vor allem an sich, ihr Geschick und ihre Liebe: so also geht es uns Frauen, wenn wir tot sind; so wird er einst sich über ihren Tod mit einer andern trösten!

Kaum aber ist er weg, so hat sie keinen andern Gedanken als ihn.

So wie der Politiker Octavius täglich Boten allüberallhin entsendet, um mit allen Teilen des Reiches in Verbindung zu sein, so gehen täglich ihre Liebesboten zu Antonius und wieder zu ihr zurück.

Seine rasche neue Ehe mit Octavia ist pure Politik: Mißtrauen und Kriegsbereitschaft sind bei Octavius aufs höchste gestiegen; der Stern Antons will sinken; es gibt für ihn nur dies eine Mittel, die Entscheidung hinauszuziehn.