Sie aber gerät bei dieser Nachricht in fassungslose Wut. Da hat ihr Dichter wahrlich nichts schmeichlerisch bemäntelt; wie wir aber in einem Gemälde oder einer Skulptur die ganze Tiefe der Enthüllung mit einem Blick umfassen, so erfordert das Kunstwerk, das, wie Dichtung, Drama und Musik, in der Zeit verläuft, die Aufhebung der Zeit und das Erfassen von Anfang, Mitte und Ende in Einem durch das einzige Mittel, das sich bietet: durch unsre innige Vertrautheit mit dem Werk. Ich pflege, wenn ein junges Menschenkind zum ersten Mal die Bekanntschaft mit einer der Symphonien Beethovens gemacht hat, in ernsthaftem Scherz zu sagen: man dürfte sie gar nicht zum ersten Mal hören; und in der Tat ist das der Unterschied echter Zeitkunst von der Wirklichkeit: die Wirklichkeit bietet uns nie die Totalität, immer nur den linearen Verlauf in Hoffnung und Bangen; im Kunstwerk vermögen wir, immer noch in Harren und Furcht, geheimnisreich das runde Wissen ums Ganze zu haben und damit in aller Erdennot und Greuel himmlischen Trost. So dürfen, so sollen wir Cleopatras Liebreiz, ihre samtene Zartheit, ihr erhaben-liebliches Ende im Liebestod im Sinne haben, wenn wir dabei sind, wie sie besinnungslos den Boten schlägt und an den Haaren zerrt, der diese Nachricht bringt: Antonius wieder vermählt!

Shakespeares gewaltige Kunst und Menschlichkeit, seine Menschen in all ihrer Mischung zu zeigen, tritt nirgends imponierender und rücksichtsloser, selbstgewisser heraus als in diesem Drama; das sind Gestalten, die jeder abstrakten Formel, jeder Typisierung spotten; sie sind nicht gut und nicht böse; und wollten wir diese Bezeichnungen auf sie anwenden, so müßten wir sagen, sie seien abwechselnd beides und manchmal sogar beides zugleich.

Sein Antonius, wie er erst wieder römischen Boden unter den Füßen hat, ist guten Willens, Cleopatra zu vergessen; aber immerzu unterhält sie mit ihren Boten ihr frisches Gedächtnis, sie bringen ihm ihren Duft; und sein Verhältnis zu Octavius bleibt nicht gut, trotz der Schwester, die er geehelicht hat, und wird schlimmer; und wie er erst wieder griechische Luft atmet, weiß er, glaubt er: sein Heil ist — politisch und menschlich — im Osten.

So flieht er zu Cleopatra und organisiert die Reiche des Ostens zum Krieg. Die Kunde wird Cäsar Octavius sofort übermittelt, und der Entscheidungskrieg ist da.

Antonius, der Heraklide, ist, wo’s vor allem auf persönliche Tapferkeit ankommt, im Landkrieg, der erste Held seiner Zeit und fast unüberwindlich. Cleopatra aber mit ihrer schimmernden Flotte, mit ihrer verwegenen, verführerisch hemmungslosen Lust zum Gefährlichen und Verderblichen, lockt ihn auf ihr Element, das Wasser. Im Seekrieg aber entscheidet nicht die körperliche Tapferkeit, sondern die berechnende Klugheit und kühle Ruhe, deren Meister Octavius ist.

So fängt’s bei Actium gleich unglücklich an und ist schnell zu Ende: Cleopatra, die aus Laune in den Krieg gegangen ist, das ängstlichste Menschenkind, flieht sofort, nachdem Octavius mit scharfem Ernst losgelegt hat, und alle Ägypterschiffe hinter ihrem Admiralschiff her; Antonius aber verliert den Kopf und folgt ihr mit seiner gesamten Flotte.

Das größre Stück der Welt verloren!

... Länder und Reiche

Sind weggeküßt.

„Wie ein brünstiger Enterich“ ist Antonius hinter ihr her gesegelt: derlei Äußerungen fallen im Kreis der entsetzten, der wie mit kaltem Wasser begossenen Generale; sie sehen: ein Dämon waltet über Antonius, sein Schicksal erfüllt sich; einer nach dem andern rüsten sie sich, von ihm abzufallen.