Was Keuschheit sollte sein, Ihr wißt nicht, was
Sie ist.
Kann wohl sein, daß sie, die von Moment zu Moment lebt, in jedem Augenblicke aber ganz, daß sie erst jetzt, wo seine zürnende Liebe so schamlos ausbricht und ihr solche Gewalt antut, daß sie, die Gepeitschte und Übergossene, erst durch diese Gewalttätigkeit wieder ins Gefühl ihrer unabänderlichen Schicksalsliebe zu ihm kommt. Jedenfalls beschwört sie nun ihre Liebe zu ihm mit so leidenschaftlich überzeugenden Worten, daß er wieder umschlägt: auf also in die Liebesnacht vor der letzten Schlacht!
Das ist die nämliche Nacht, in der die Soldaten, die auf Posten stehn, eine seltsame unterirdische Musik vernehmen:
’s ist Herkules, der Gott, den er geliebt,
Der jetzt Anton verläßt.
Ein Mann war er, die verkörperte Männlichkeit, und zu Manneswerk bestimmt; und als Weiberknecht geht er zugrunde. Im unterirdischen Trauermarsch verläßt ihn sein guter Geist, der Gott der Männlichkeit.
Wohl stammt dieser Zug, den Shakespeare hier für die Untergangsstimmung bringt, wie so manche Einzelzüge, von Plutarch: hier aber erst gewinnen sie Leben und Sinn und werden mehr als Anekdotenkram, wo sie eingefügt sind in dieses Gemälde der west-östlichen Leidenschaft im Rahmen großer geschichtlicher Katastrophe.
An dem Morgen also, der dieser Nacht folgt, darf Antonius, der kämpft wie ein Löwe, noch einmal sich Sieger nennen; aber das Treffen ist von keiner Entscheidung und kann nichts mehr abwenden. Sein Stern sinkt; der Glaube an ihn verliert sich aus der Welt; am Tag darauf entspinnt sich wieder eine Schlacht zur See, und seine ganze Flotte übergibt sich dem Feind.
Wer ist schuld? Auch hier will es der Dichter nicht wissen; es ist, wie wenn ein Elementares sich dem Antonius entzöge. Wir wissen nur, daß Antonius sofort wieder Cleopatra des Verrats bezichtigt.